Olympische Spiele Mit aller Macht

Ein Kommentar von Jens Weinreich
Ein Kommentar von Jens Weinreich
IOC-Präsident Thomas Bach hält mit einer Mischung aus Trotz und Kalkül am Termin für die Spiele in Tokio fest. Tatsächlich ist eine Verschiebung wegen der Coronakrise unumgänglich.
Die Olympischen Ringe in der japanischen Hauptstadt Tokio

Die Olympischen Ringe in der japanischen Hauptstadt Tokio

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Jae C. Hong/ AP

Es wird leer im Olympic House, der für 145 Millionen Schweizer Franken  erbauten Konzernzentrale des Internationalen Olympischen Komitees (IOC)  in Lausanne. Ab Montag ist Homeoffice angesagt für den Großteil der rund 500 Mitarbeiter. In der Stadt am Genfer See, wo es den ersten Corona-Todesfall in der Schweiz gab , sind die Maßnahmen gegen das Virus verschärft worden. Ansammlungen von mehr als 50 Personen wurden untersagt.

Prompt wurde am Wochenende der für Ende April terminierte Kongress SportAccord abgesagt, der zuvor schon von Peking nach Lausanne verschoben worden war. Mit SportAccord, jährliches Branchentreffen von IOC und mehr als 100 Welt-Sportverbänden, fällt die nächste Gelegenheit aus, jenes Mega-Projekt zu diskutieren, das IOC-Präsident Thomas Bach  immer noch mit Macht durchziehen will: die Olympischen Sommerspiele von Tokio.

Weltweit kollabiert derzeit der organisierte Sport. Ligen werden auf allen Ebenen ausgesetzt, Weltmeisterschaften fallen  aus oder werden verschoben , Sportler sind infiziert, ganze Teams unter Quarantäne. Der deutsche IOC-Präsident Bach aber teilte jüngst im Interview mit den ARD-Tagesthemen  nur lapidar mit: "Wir haben ernsthafte Probleme jetzt mit den Qualifikationswettbewerben. " Parallel bewirbt das IOC eine der wenigen Qualifikationen, die noch stattfinden und vom IOC selbst ausgerichtet wird, weil der olympische Box-Weltverband AIBA wegen flächendeckender Korruption suspendiert ist. "Let’s rumble, London ", heißt es zum Boxwettkampf in einer Pressemitteilung: Wer wird der nächste olympische Box-Star? Boxen ist eine Kontaktsportart, die in Corona-Zeiten besonders gefährlich sein dürfte.

Derlei Ankündigungen sind angesichts der Corona-Pandemie absurd und weltfremd.

Bisher sind etwas mehr als die Hälfte der olympischen Quotenplätze (maximal 11.000 in 28 Kernsportarten und fünf Gastsportarten ) für Tokio vergeben. Letztlich geht es aber nicht um Einzelschicksale von Sportlern, die noch nicht qualifiziert sind - es geht ums große Ganze. Am Donnerstag wurde das olympische Feuer im heiligen Hain von Olympia entzündet , tags darauf musste der Fackellauf in Griechenland wegen der vielen Zuschauer ausgesetzt werden . Doch Bach und sein Geschäftspartner im olympischen Joint Venture, Japans Ministerpräsident Shinzo Abe, halten am Termin der Eröffnungsfeier fest: 24. Juli 2020.

Sportlern helfen Durchhalteparolen nicht

Mitarbeiter des IOC bezeichnen den Präsidenten wahlweise als "Diktator" oder "Sonnenkönig". In der IOC-Führung, dem opportunistisch geprägten Exekutivkomitee, widerspricht man nicht. In Krisenzeiten wie diesen rächt sich, dass es weder unter den IOC-Mitgliedern noch den Angestellten des Olympiakonzerns Figuren mit Format gibt, die Bach erstklassig beraten - und auch kritisieren würden. Denn im Sinne der Olympiasportler, wie der Präsident sie nennt, ist es gewiss nicht, fragwürdige Durchhalteparolen zu verbreiten.

Vielmehr geht es für sie um Alternativen. Ein Plan B oder sogar ein Plan C wären kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Womöglich wird Bach in dieser Woche zu einem solchen Zeichen gezwungen. Am Dienstag steht eine Telefonkonferenz mit den 33 olympischen Sommersportverbänden an. Tags darauf sind die Chefs der 50 europäischen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) in der Leitung, für die anderen Kontinente und weitere 156 NOK wird es ebenfalls Online-Konferenzen geben. Fachverbände und NOK spüren den übermächtigen Druck der Pandemie, der Sport steht größtenteils still.

Gerade beriet sich Bach in Lausanne mit seinem engsten Vertrauten im IOC, dem Australier John Coates, Präsident des Welt-Sportgerichtshofes (CAS) und Chef der Koordinierungskommission für die Tokio-Spiele. Coates will am Mittwoch wieder daheim sein – in Australien erwartet ihn eine zweiwöchige Quarantäne .

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Eine Verschiebung der Tokio-Spiele ist unumgänglich. Das begreifen die ersten Funktionäre, die näher an der Basis sind als Bach oder dessen Kompagnon Coates. Bach und Abe betreiben ein hochriskantes Spiel auf Zeit und setzen darauf, dass sich die Lage - in Japan - bis Ende Mai auf wundersame Weise so drastisch bessert, dass die Spiele ausgetragen werden können. Bach macht nur ein Zugeständnis: Gönnerhaft erklärte er, man werde sich der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht verschließen.

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Dieses Projekt, in das Japan bereits zwischen 20 und 30 Milliarden  Dollar investiert hat, ist systemrelevant für Abe. Olympia ist "too big to fail", zu groß zum Scheitern. Olympia ist Staatsdoktrin. Eine Absage der Spiele würde Japan weitere Milliarden kosten, weil dann zum Beispiel ein gewaltiger Teil des reinen Organisationsbudget von 5,9 Milliarden Dollar  gefährdet wäre: Zahlungen der Sponsoren und vom IOC, dass einen Teil seiner Marketingeinnahmen weiterleitet (mindestens 1,3 Milliarden Dollar) blieben aus. Das Risiko für das IOC bleibt dagegen überschaubar: Zum einen hat man knapp die Hälfte der für den Olympiazyklus 2017 bis 2020 budgetierten sechs Milliarden Dollar  von TV-Anstalten und Sponsoren bereits kassiert (für die Winterspiele 2018 in Pyeongchang). Zum anderen ist ein Teil des möglichen Ausfalls durch Versicherungen abgedeckt 

Wenn die Spiele nicht abgesagt werden, wie könnte man das Mega-Event verschieben?

Japans für Olympia zuständige Ministerin Seiko Hashimoto  und ein Vertreter aus dem Aufsichtsrat des Organisationskomitees TOCOG, Haruyuki Takahashi, haben öffentlich über eine Verschiebung der Spiele orakelt . Beide wurden von ihren Bossen sofort korrigiert. Hashimoto sprach vom Herbst. Das ist weniger wahrscheinlich, weil erstens das Virus kaum verschwunden sein wird und zweitens der internationale Sportkalender einen Herbsttermin im Grunde ausschließt. So war das bisher, vor Corona. Doch nichts ist mehr, wie es mal war.

Takahashi hat das Jahr 2022 vorgeschlagen. Sein Wort hat Gewicht. Er ist eine hochinteressante Person. Nicht nur, weil der hochrangige ehemalige Manager der Werbeagentur Dentsū in einige Korruptionsaffären verstrickt sein soll  und angeblich auf unsauberen Wegen geholfen hat, die IOC-Stimmen für Tokio zu akquirieren. Die japanischen Olympiabewerber bestreiten das . Takahashi kennt viele Geheimnisse und er beherrscht das Olympia-ABC wie nur wenige Figuren weltweit. Wenn dieser Mann also von einer Verlegung der Spiele ins Jahr 2022 spricht, sollte man Obacht geben. 

Winter- und Sommerspiele wieder in einem Jahr?

Von 1924 bis 1992 hat das IOC Winter- und Sommerspiele stets in denselben Jahren ausgetragen. Erst ab 1994 (Lillehammer) und 1996 (Atlanta) wurde der Wechsel von Winter- und Sommerspielen im Zweijahres-Rhythmus eingeführt, um das Produkt besser vermarkten zu können. 2022 sollen die Winterspiele in Peking ausgetragen werden, das Zeitfenster im Sommer 2022 ist frei, weil die Fußball-WM in Katar erst in der Vorweihnachtszeit stattfindet. So könnte diese WM doch mal zu etwas gut sein: Sie bietet dem IOC und Tokio eine Ausweich-Chance. 

IOC-Präsident Thomas Bach

IOC-Präsident Thomas Bach

Foto: DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Eine Verlegung der Spiele ins Jahr 2022 wäre mit Extrakosten und gewaltigen logistischen Anstrengungen verbunden. Miet- und Leasingverträge für Olympia-Immobilien, allen voran das Olympische Dorf, sind das größte Problem. Es gäbe einige juristische Hürden zu meistern. 2022 wäre aber trotzdem machbar, weil relativ wenig am internationalen Sportkalender geändert werden müsste.

2021 beispielsweise finden die Weltmeisterschaften in den olympischen Kernsportarten Schwimmen und Leichtathletik statt - in Fukuoka und Eugene. Würde man die Sommerspiele 2021 austragen, müssten diese beiden Großveranstaltungen weichen oder würden, wenn man so will, in die Olympischen Spiele integriert.

Die WM-Organisatoren in Fukuoka und Eugene müssten entschädigt werden. Fukuoka könnte 2021 problemlos einen Teil der Olympia-Wettbewerbe austragen. Das IOC müsste sich vor allem mit dem Leichtathletik-Weltverband WA einigen und mit Nike, dem weltgrößten Sportartikelkonzern, für den die WM 2021 in Eugene ein Heimspiel ist. Da sind etliche Deals denkbar.

Neuland ist das übrigens nicht alles. Denn eine Integration der Leichtathletik-WM in die Sommerspiele gab es lange Zeit. Zurück zu den Wurzeln: Bis zur ersten Leichtathletik-WM 1983 waren Olympiasieger automatisch auch Weltmeister.

Wenn die Spiele also verschoben werden, dürfte der Sommer 2022 die erste Wahl sein. Bislang hat sich IOC-Präsident Bach geweigert, über Alternativen zu reden. In dieser Woche wird er es tun müssen. Denn die Verbände und NOK werden sich nicht mehr so einfach abspeisen lassen. Ihnen steht das Wasser bis zum Hals.