100 Tage bis zu Olympia in Tokio Angst vor Corona – und kein Plan B

In drei Monaten sollen in Tokio die Sommerspiele beginnen. Doch wie ist die Lage in Japan? Was wird aus den Wettkämpfen und der Impfung der Sportler? Ein Überblick zum Status quo.
Sprint der Zehnkämpfer in Rio 2016. Vor allem in der Leichtathletik stehen noch Olympiaqualifikationen aus

Sprint der Zehnkämpfer in Rio 2016. Vor allem in der Leichtathletik stehen noch Olympiaqualifikationen aus

Foto: Matthias Hangst / Getty Images

Einhundert Tage sind es noch bis zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Tokio am 23. Juli – so sie denn wie geplant stattfinden. Klar ist eigentlich nur, dass es keine Sommerspiele wie je zuvor werden. Die Coronapandemie hat nicht nur zur Verschiebung der Spiele um ein Jahr geführt, sondern auch die Vorbereitung von Sportlern und Organisationen weltweit durcheinandergewirbelt.

Am Mittwoch enthüllten die Organisatoren auf dem Takao-Berg nahe Tokio die olympischen Ringe als Symbol der Zuversicht. »Die Spiele werden eine Feier der Widerstandsfähigkeit, der Solidarität und unserer gemeinsamen Menschlichkeit«, sagte Organisationschefin Seiko Hashimoto.

Aber wie ist die Lage aktuell überhaupt in Japan? Haben alle Sportler ihre Qualifikation schon sicher? Wie sollen die Spiele aussehen – und bleibt von ihrer Faszination überhaupt etwas übrig? Ein Überblick zum Status quo.

Könnten die Spiele noch einmal verschoben oder gar abgesagt werden?

Das ist sehr unwahrscheinlich. Das Internationale Olympische Komitee respektive Präsident Thomas Bach haben in den vergangenen Wochen immer wieder versichert, dass die Spiele stattfinden werden und es keinen »Plan B« gebe. Auch IOC-Vizepräsident John Coates schloss 100 Tage vor dem Startschuss eine kurzfristige Olympiaabsage erneut aus. Die Sommerspiele »werden wie geplant stattfinden«, sagte er in einem IOC-Video. »Die Athleten, die olympische Bewegung, die Organisatoren und das japanische Volk werden zeigen können, dass es ein Sieg der Menschheit über die Pandemie ist.«

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Für das IOC geht es auch um sehr viel Geld. Ebenso wie für Ausrichter Japan, das für die Verlegung um ein Jahr bereits geschätzt 1,6 Milliarden Euro zahlte. Noch einmal wird das Land sich das nicht leisten wollen – zumal die Spiele bei der Bevölkerung so umstritten sind.

Wie ist die Lage in Japan aktuell?

Japan steht nach Einschätzung von Medizinern am Anfang einer vierten Infektionswelle (die aktuelle Entwicklung finden Sie in der Grafik am Ende des Absatz). Das Land hat erst spät mit dem Impfen begonnen, aktuell ist etwa ein Prozent der 126 Millionen Japaner vor dem Virus geschützt. Tokio und andere Städte haben die Maßnahmen gegen die Pandemie deshalb wieder verschärft.

Die Ablehnung der Spiele in der Bevölkerung ist seit Monaten enorm. Umfragen zufolge sind inzwischen über 80 Prozent der Japaner dagegen, die Spiele wie geplant abzuhalten. Der öffentliche Fackellauf wurde für die Millionenstadt Osaka aus Angst vor dem Virus vergangene Woche bereits abgesagt.

Was heißt das alles für die Spiele?

Die Organisatoren haben Ende März bereits beschlossen, dass keine ausländischen Zuschauer zu den Spielen zugelassen werden. Auch die Zahl von Funktionären und sonstigen Beteiligten soll stark reduziert werden. Ob Einheimische zu den Wettkämpfen dürfen, ist noch nicht entschieden.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) veröffentlichte zudem zuletzt Richtlinien, die bis zu den Spielen fortlaufend aktualisiert werden sollen. Darin sind für alle Beteiligten Verhaltensregeln für den Aufenthalt wie auch die Ein- und Ausreise festgehalten, etwa zu Maskenpflicht, Abständen und sonstigen Hygieneregeln, aber auch regelmäßigen Coronatests. Max Hartung von der Athletenvertretung Athleten Deutschland kritisierte die derzeitige Form gegenüber dem SPIEGEL allerdings als zu unkonkret, vor allem rund um Training und Wettkämpfe seien noch zahlreiche Fragen offen.

Die Handbücher sollen bis zu den Spielen noch einmal je nach aktueller Lage überarbeitet werden. Es ist aber absehbar, dass Kontakte außerhalb der Olympiablase vermieden werden sollen – und auch innerhalb auf das absolut nötigste beschränkt. Die Begegnung von Menschen aus der ganzen Welt, vor allem den Sportlern selbst, ist sonst ein Kern der Faszination Olympias. In Tokio wird es das so wohl nicht geben.

Judoka Theresa Stoll ist bereits für Tokio qualifiziert, aber wegen der Pandemie verunsichert

Judoka Theresa Stoll ist bereits für Tokio qualifiziert, aber wegen der Pandemie verunsichert

Foto:

Eibner / imago images

Wie gehen die Sportler mit der Situation um?

Vielfach verunsichert. Zuletzt gab es bei einigen großen Veranstaltungen trotz vermeintlich strenger Hygienekonzepte Dutzende Coronafälle. Wettkämpfe in Fechten, Leichtathletik und Judo schienen zu Superspreader-Events geworden zu sein. Auch die deutschen Teams waren von den Ausbrüchen betroffen.

Sorgen über lückenhafte Konzepte, Angst vor möglicher Ansteckung im Wettkampf und das alles in Eigenverantwortung machen vielen Sportlern zu schaffen. Gleichzeitig spürten die Athleten aber auch den Druck, sich auf Olympia vorzubereiten. Judoka Theresa Stoll schilderte es dem SPIEGEL so: »Für uns Sportler ist es immer eine Abwägung. Brauche ich die Wettkämpfe aktuell für Olympiapunkte? Brauche ich sie für die Praxis und Routine oder für Selbstvertrauen? Andere fragen sich: Wie stehe ich in der Qualifikation? Wird es vielleicht eng? … Wir gehen das Risiko ein, weil Olympia unser Traum ist.«

Gleichzeitig zeigten auch im deutschen Olympiateam zuletzt mehrere Fälle, dass Sportler, nur weil sie jung und fit sind, längst nicht vor schweren Verläufen einer Covid-19-Erkrankung geschützt sind. So berichtete etwa Ringer Frank Stäbler von erheblichen Leistungseinbußen. Die Kanutin Steffi Kriegerstein musste sogar ihre Olympiateilnahme absagen, weil ihr noch nach Monaten selbst Treppensteigen und der Lauf zum Bus Schwierigkeiten bereiteten. Lesen Sie hier das Interview zu ihrer Krankheitsgeschichte:

Athleten Deutschland drängte als Interessenvertretung deshalb zuletzt auf eine stärkere Einbindung der Sportler in die Planung von Hygiene- und Sicherheitskonzepten. Der Verein hat selbst eine Hotline für die Beratung besorgter Sportler rund um Tokio eingerichtet.

Sind die Qualifikationen schon abgeschlossen?

Längst nicht. Im deutschen Team hat laut Auskunft des DOSB etwa die Hälfte der rund 400 Tokio-Fahrer das Ticket sicher. Der Rest muss sich noch über Turniere oder Ranglisten qualifizieren, auch nationale Qualifikationswettkämpfe um schon gesicherte Quotenplätze gibt es noch. Die meisten Plätze sind noch in Leichtathletik (38), Rudern (22) und Kanu (15 Rennsport, 3 Slalom) zu vergeben.

DOSB-Präsident Hörmann

DOSB-Präsident Hörmann

Foto:

Guido Kirchner/ dpa

Werden die Sportler geimpft anreisen?

Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Einige Nationen wie etwa Israel haben ihre Sportler bei der Impfung vorgezogen. In Deutschland ist das bislang nicht der Fall. Der DOSB teilte auf SPIEGEL-Anfrage jedoch mit, dass etwa zwölf Prozent der für die Spiele infrage kommenden Kader bereits geimpft sind. Einige erhielten demnach etwa als Mitglieder der Sportfördergruppen Bundeswehr und Polizei über ihre Arbeitgeber eine Gelegenheit dazu.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann drängte die Politik in den letzten Tagen verstärkt, bis zur Abreise dem ganzen Team ein Impfangebot zu machen. Ein Angebot des IOC, das offenbar über einen Deal mit China Impfdosen für alle Olympiateilnehmer beschaffen will, kommt für Deutschland nicht infrage: Der Impfstoff ist für die EU bislang nicht zugelassen.

Dazu gibt es auch im deutschen Team eine Reihe von Sportlern, die eine Impfung vor den Spielen ablehnen: laut DOSB-Auskunft etwa zehn Prozent. Noch steht nicht fest, ob das für die Einreise in Japan Probleme bereitet.

Welches Risiko bleibt?

Das lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt ohne die finalen Hygienekonzepte kaum einschätzen. IOC-Vizepräsident John Coates versicherte zwar erst heute: »Es werden die sichersten Spiele, die möglich sind.« Experten warnen allerdings davor, dass die Spiele zu einem Superspreader-Event werden könnten. Bei den Olympischen Spielen kommen etwa 11.000 Athleten und noch mal mehr Betreuer und Journalisten aus der ganzen Welt zusammen, bei den Paralympics sind es zwei Wochen danach noch einmal 4300 Sportler plus Anhang (24. August bis 5. September). Nordkorea hat seine Teilnahme wegen der Pandemie bereits abgesagt.

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