Laschets gescheiterte Olympia-Initiative Die Möchtegern-Gastgeber

Mit dem Votum des IOC für den Favoriten Brisbane ist die Olympiabewerbung Rhein-Ruhr 2032 so gut wie vom Tisch. Die Verantwortlichen mit Ministerpräsident Armin Laschet an der Spitze sind düpiert.
Olympia-Bewerber Michael Mronz und Armin Laschet: hochfliegende Pläne

Olympia-Bewerber Michael Mronz und Armin Laschet: hochfliegende Pläne

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Fabian Sommer / DPA

Die jüngere Geschichte deutscher Olympiabewerbungen ist überschattet von Skandalen und der Verschwendung von Steuermitteln. Sechsmal in Folge waren deutsche Bewerbungen seit 1986 erfolglos gewesen und scheiterten zuletzt zweimal am Bürgerwillen (München 2022, Hamburg 2024). Nun muss die Offerte von Nordrhein-Westfalen für die Sommerspiele 2032 eingestellt werden, selbst wenn sich Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Dienstag noch zuversichtlich zu den hochfliegenden Plänen geäußert hatte.

Einen Tag später, am Mittwochabend, bestätigte das Internationale Olympische Komitee (IOC), dass die Spiele 2032 höchstwahrscheinlich in Brisbane stattfinden, im australischen Bundesstaat Queensland.

Offiziell gibt es weiterhin nur eine sogenannte Privatinitiative Rhein-Ruhr, geführt von Michael Mronz, FDP-Mitglied, Sportvermarkter und Mitinhaber der nicht unumstrittenen PR-Agentur Storymachine. Auch IOC-Präsident Thomas Bach ist FDP-Mitglied, so war wohl vieles an den unausgegorenen NRW-Plänen mit der unausgesprochenen Hoffnung verbunden, der IOC-Vorsitzende werde es irgendwie schon richten. Eine Fehleinschätzung.

Schwank wieder mit von der Partie

In Laschets Staatskanzlei zieht als Sport-Abteilungsleiter Bernhard Schwank die Fäden. Für Schwank ist dies in verschiedenen Funktionen (zuvor als NOK-Generalsekretär, als DOSB-Direktor und Olympia-Geschäftsführer) bereits die fünfte Olympia-Pleite: Leipzig 2012, München 2018, München 2022, Hamburg 2024 und nun NRW 2032. Nur an den Projekten Berchtesgaden 1992 und Berlin 2000 war Schwank nicht beteiligt.

Inoffiziell liefen in diesen Wochen dezente Verhandlungen Nordrhein-Westfalens mit dem für Spitzensport zuständigen Bundesinnenministerium BMI. Nach Informationen des SPIEGEL soll es dabei um gewaltige Summen gegangen sein, die das von Horst Seehofer (CSU) geleitete Ministerium für den nächsten Bundesetat einstellen sollte. Infrastrukturmaßnahmen, die man irgendwie mit Olympiaplanungen verbindet, sind seit Jahrzehnten höchst umstritten. Die Begierde war auch diesmal groß, es soll um vier Milliarden Euro gegangen sein – zunächst, als Anfang.

Die Verhandlungen hatten mit der Installation Laschets zum CDU-Vorsitzenden im Januar an Fahrt aufgenommen. Seither gab es einige Merkwürdigkeiten. Hochrangige BMI-Vertreter, die namentlich nicht genannt werden wollen, sprachen vertraulich davon, dass Seehofer seinem Koalitionspartner Laschet, dem möglichen Kanzlerkandidaten, schwerlich etwas ausschlagen könne. Diese Thematik überschattete zuletzt die Erstellung der »Nationalen Strategie Sportgroßveranstaltungen«. Das 2,4 Millionen Euro teure Konzept sollte eigentlich Anfang März vorgelegt werden. Der SPIEGEL hatte Mitte Januar auf Grundlage interner Dokumente über die inhaltlichen Kämpfe zwischen Ministerialen und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) berichtet. Dabei spielte die Olympiabewerbung NRW 2032 eine zentrale Rolle.

Das ist nun alles Makulatur. Nach Aussagen der Norwegerin Kristin Kloster Aasen, die die IOC-Kommission für künftige Sommerspiele leitet, habe der DOSB Anfang Februar erklärt, man werde derzeit nicht in weitere Gespräche mit dem IOC eintreten. Formal handelte der DOSB diesmal absolut korrekt – es hat weder einen Beschluss einer DOSB-Mitgliederversammlung noch eine Bürgerbefragung gegeben – und in Übereinstimmung mit den Abmachungen zwischen DOSB und BMI. Die Möchtegern-Olympiagastgeber in NRW aber schienen auch davon überrascht.

»Exzellentes Konzept« in Brisbane

Das IOC-Exekutivkomitee hat nun wie erwartet einstimmig eine Empfehlung der zehnköpfigen Arbeitsgruppe für künftige Sommerspiele bestätigt, ab sofort »zielgerichtete Verhandlungen« mit Brisbane aufzunehmen, das ein »exzellentes Konzept habe«, welches weit über allen anderen Interessenten stehe. Wenn die Regierungen von Queensland und die Zentralregierung in Canberra die nötigen Garantien geben, könnte die von Kristin Kloster Aasen geleitete Kommission, handverlesen mit Bach-treuen Mitgliedern besetzt, jetzt jederzeit sagen: Wir sind uns mit Brisbane und Queensland einig. Das Exekutivkomitee würde die Entscheidung fällen und der IOC-Vollversammlung zur Bestätigung vorlegen.

So einfach geht das inzwischen im IOC. Wer wann mit wem spricht, auf welcher Grundlage was diskutiert wird, wer welche Konzepte bietet – kaum etwas ist noch zu überprüfen. Das war schon im alten System schwer, aber da war es noch möglich, die Olympia-Offerten ansatzweise miteinander zu vergleichen. Das ist mittlerweile für die Öffentlichkeit völlig unmöglich geworden. Die Regeln dazu wurden auf der Session im Juni 2019 geändert. Bach verkauft das neue System als »Revolution«, diese Vokabel benutzte er am Mittwoch erneut.

IOC-Boss Thomas Bach: Dankeschön nach Down Under

IOC-Boss Thomas Bach: Dankeschön nach Down Under

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FABRICE COFFRINI/ AFP

Auf der virtuellen IOC-Session in zwei Wochen, auf der Bach für weitere vier Jahre im Amt bestätigt wird, dürfte Brisbane noch nicht Olympiastadt werden. Vielleicht aber schon im Juli auf der Session in Tokio oder im Januar kommenden Jahres in Peking.

Die olympische Welt fragt sich, warum das IOC jetzt unbedingt schon eine Entscheidung für 2032 wollte. Überzeugende Antworten darauf gibt es kaum. Einerseits ist da die Argumentation Kloster Aasens, wonach man Interessenten für 2032 ausgiebig geprüft habe, beispielsweise in Zoom-Meetings. Den Kommissionsbericht hat das IOC nicht veröffentlicht, das soll laut Kloster Aasen aber zeitnah geschehen.

Rolle von Bachs Vize ist umstritten

Bach bügelte vor der Presse kritische Fragen nach seinem Vizepräsidenten John Coates routiniert ab. Coates ist nicht nur IOC-Vize, sondern auch Präsident des australischen NOK und des Welt-Sportschiedsgerichts Cas. Coates zählt zu den wenigen IOC-Mitgliedern, die als Vertraute des IOC-Präsidenten bezeichnet werden können. Ein Mann für alle Fälle: Er leitet für Bach die Koordinierungskommission für die Corona-Sommerspiele in Tokio – und er hat im Auftrag Bachs jene Kommission geführt, die 2019 das neue Olympiavergabe-System ausgearbeitet und vorgestellt hat. Bach hat dafür Sorge getragen, dass Coates’ IOC-Mitgliedschaft mit einer Sonderregel verlängert wurde, obgleich der Australier die für ihn normalerweise geltende Altersgrenze von 70 Jahren bereits überschritten hat.

Olympia in Brisbane gilt in der Szene auch als Dankeschön des IOC-Vorsitzenden an seinen alten Verbündeten Coates. Derlei Vermutungen weist Bach natürlich routiniert von sich. Weder er selbst noch Coates seien in die Arbeit der Kommission von Kloster Aasen einbezogen gewesen. »Coates hat an keiner Diskussion der Kommission teilgenommen. Er war weder direkt noch indirekt daran beteiligt«, behauptete Bach. Das Prozedere sei im Übrigen von der Compliance-Abteilung des IOC abgesegnet. Dass er sich gemeinsam mit Coates mehrfach mit australischen Delegationen getroffen hatte, daran will sich Bach nicht erinnern. Zuletzt trafen er und Coates Mitte November 2020 in Tokio den australischen Premierminister Scott Morrison.

Für Freitag haben Laschet und Mronz in Düsseldorf zu einer Pressekonferenz geladen, auf der die Vorzüge von Rhein-Ruhr 2032 gepriesen werden sollten. Vielleicht wird der Termin abgesagt, vielleicht auch nicht.

Fakt ist: Deutschland ist für 2032 nicht im Rennen. Die Spiele gehen zu 99,99 Prozent nach Australien. Und sollte es mit Brisbane doch noch Schwierigkeiten geben und also die olympische Macht-Tektonik ins Wanken geraten, dann stünden Interessenten parat, die von heute auf morgen gewaltige Milliardensummen aufbringen können und bereits jetzt über alle nötigen Sportstätten verfügen: Katar war mit Doha ohnehin an den Spielen 2032 interessiert. Nach dem arabischen Frieden, der Anfang Januar in Al-Ula geschlossen wurde, sind die Arabischen Olympischen Spiele mittelfristig ein großes Thema: die Gulf Olympics in Katar, Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, den VAE und Oman. Wenn nicht noch für 2032, dann gewiss für 2036.

Damit bleibt Deutschland eine weitere peinliche Debatte darüber erspart, ob man sich für 2036 bewerben solle, 100 Jahre nach den Nazispielen in Berlin 1936. Für 2040 kann man ja mal wieder nachdenken.

Offenlegung: Der Autor wurde vom Sportausschuss des Bundestages für die öffentliche Sitzung am 3. März 2021 als unabhängiger Sachverständiger zum Thema »Nationale Strategie Sportgroßveranstaltungen« eingeladen.

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