Anne Armbrecht

Pandemie und Olympia Wie hoch darf der Preis sein?

Anne Armbrecht
Ein Kommentar von Anne Armbrecht
Keine ausländischen Zuschauer, das gesundheitliche Risiko hoch und der sportliche Wert fraglich: Das IOC sollte dringend mit den Athleten einen Plan B für Tokio diskutieren – auch im eigenen Geschäftsinteresse.
Die Olympische Flamme ist in Japan eingetroffen

Die Olympische Flamme ist in Japan eingetroffen

Foto: Eugene Hoshiko/AP/dpa

Die Olympischen Spiele in Tokio finden nun also ohne ausländische Zuschauer statt. Der Beschluss der japanischen Gastgeber ist ein weiterer Rückschlag für die Spiele in dieser Woche. In den vergangenen Tagen hatte es bereits Aufregung in der Leichtathletik und im Fechten gegeben, als sich noch so gut gemeinte Protokolle mit der Pandemie überfordert zeigten. Zahlreiche Coronafälle in Budapest und Torun bei internationalen Events ließen immer stärkere Zweifel aufkommen, ob das alles im Sommer so funktionieren kann: Ein Sportereignis, das in der Pandemie Tausende Menschen aus aller Welt zusammenbringt. Eigentlich kann das doch nur schiefgehen, oder?

Und wofür sollte man das überhaupt noch wollen?

Eine ausgelassene Feier des Sports wird es abgeriegelt von der Welt nicht geben. Selbst viele Sportler sind inzwischen hin- und hergerissen. Sie wünschen sich ihre mögliche Karrierekrönung auf der einen Seite. Doch auf der anderen steht ein gesundheitliches Risiko für sie selbst und andere, dessen Ausmaß – Stichwort Langzeitschäden – längst nicht absehbar ist. Dass Hygienekonzepte bei allem guten Willen ihre Grenzen haben, hat sich nicht erst in dieser Woche gezeigt. All diese Blasen sind letztlich eine Illusion und irgendwo durchlässig. Die von Tokio ist zudem um ein Vielfaches größer, wenn über 10.000 Sportler plus Betreuer und Offizielle, vielleicht auch Journalisten aus aller Welt zusammenkommen.

Doch das IOC hat eine erneute Verschiebung oder Absage Olympias immer wieder ausgeschlossen. Es gebe keinen Plan B, sagte Thomas Bach. Das IOC scheint nur seiner eigenen Kasse verpflichtet. Dabei war es dem auch von Bach immer wieder beschworenen Olympischen Geist ja einmal um den Sport und seine Sportler gegangen. Ihnen gegenüber ist das IOC mindestens moralisch in der Fürsorgepflicht wie ein Arbeitgeber seinen Arbeitnehmern. Es verdient ja auch kräftig pro Zyklus an ihrer sportlichen Darbietung, in Sotschi 2014 und Rio 2016 waren es allein über drei Milliarden TV-Gelder.

Doch manche Sportler halten das bislang vorgelegte sogenannte Playbook mit den Regeln für die Spiele für bei Weitem nicht ausreichend. Nun sind es noch vier Monate bis zur geplanten Eröffnungsfeier. Es bleibt noch Zeit zur Nachbesserung, die dringend geboten ist – im Interesse aller. Schwere Erkrankungen oder gar Todesfälle von Sportlern, die direkt mit Olympia in Verbindung gebracht werden, kann selbst das sonst moralisch nicht zimperliche IOC kaum wollen. Die dürften zynisch gesprochen für das Ansehen des Kernprodukts, das zuletzt immer neue Einnahmerekorde erzielte, noch schädlicher sein als Freundschaften und Geschäftsbeziehungen mit Autokraten und Menschenrechtsverletzern.

Es wird Zeit für das IOC, über einen Plan B zu sprechen: nicht in Hinterzimmern, sondern öffentlich. Auch um Athleten die Angst und den Druck zu nehmen. Das permanente Reden über die Alternativlosigkeit der Spiele im Sommer führt schon jetzt wie in Budapest und Torun zu unkontrollierten Kollateralschäden, deren Tragweite nicht absehbar ist. Wer in Tokio dabei sein will, muss sich international qualifizieren und Wettkampfpraxis sammeln. Das geht in der Pandemie nicht ohne Risiko.

Das IOC sollte mit den Sportlern gemeinsam planen

Auch die meisten Sportler wollen die Spiele nicht absagen. Wenn das IOC Verantwortung übernimmt, kann es nur um eine erneute Verschiebung oder radikale Anpassung gehen. Eine Absage wird es schon aus Geschäftsinteresse wohl nicht geben. Dabei muss man realistisch bleiben: Ansteckungen werden sich nicht ausschließen lassen, solange die Spiele stattfinden. Ein Superspreader-Event mit unabsehbaren Folgen muss aber in jedem Fall verhindert werden, wenn die Zehntausenden das Virus nicht bei der Abreise wieder zurück in eine nicht immunisierte Welt tragen sollen. Das ist das Mindeste.

Wie könnte Olympia also aussehen? Eine Eröffnungsfeier mit allen Teams, auch gegenseitige Besuche und damit die Durchmischung der Sportler untereinander sind kaum vorstellbar. Stattdessen müsste man wohl Sportarten voneinander separieren, statt sie im gemeinsamen Olympischen Dorf zusammenzubringen. Für die Sportler würde all das viel der eigentlichen Faszination von Olympia, das Miteinander und Durcheinander der Sportarten und Nationen nehmen.

So oder so: Das IOC muss sich Gedanken machen. Das sollte es öffentlich und gemeinsam mit den Athleten tun, die am Ende die Konsequenzen tragen. Der Schaden für sein teures Produkt könnte sonst am Ende viel größer werden, als nur die Einbußen der Sommerspiele von Tokio.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.