IOC-Erklärung zu Olympischen Spielen Ein Papier der Hilflosigkeit

Thomas Bach und das IOC wollen mit ihrer Erklärung Zeit gewinnen. Eine Absage der Olympischen Spiele komme nicht infrage. Mit denen, um die es geht, will die Führung allerdings nicht reden: den Sportlern.
Thomas Bach (Archiv): Absage würde "keines der Probleme lösen oder irgendjemandem helfen"

Thomas Bach (Archiv): Absage würde "keines der Probleme lösen oder irgendjemandem helfen"

Foto: Tim Brakemeier/ picture alliance / dpa

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat am Sonntagabend eine weitere Erklärung  zu den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio verschickt. Das Papier ändert nichts am Status quo der weltweit dramatischen Lage. Die Kernbotschaft des Pamphlets lautet lediglich: Man sei mit dem heutigen Tage in die Planung alternativer Szenarien eingestiegen. Innerhalb "der nächsten vier Wochen" will man in Konsultationen mit den japanischen Organisatoren und allen Interessengruppen der olympischen Bewegung (Verbänden, NOK, Fernsehanstalten, Sponsoren und anderen Vertragspartnern) über eine Alternative diskutieren und dann eine Entscheidung fällen.

Eine Absage "stehe nicht auf der Agenda"

Das IOC vermied das Wort Pandemie, erwähnte lediglich eine "dramatische Zuspitzung" von Covid-19-Fällen "in verschiedenen Ländern auf verschiedenen Kontinenten". Kein Wort dazu, dass es sich um eine tödliche weltweite Pandemie handelt. Auch Italien, mit der Lombardei und Mailand als Zentrum Gastgeber der Winterspiele 2026, wurde mit keinem Wort erwähnt. Das Papier gipfelte in der Aussage: "Das IOC-Exekutivkomitee betonte, dass eine Absage der Olympischen Spiele 2020 in Tokio keines der Probleme lösen oder irgendjemandem helfen würde. Deshalb steht eine Absage der Spiele nicht auf der Agenda."

Allerdings: Auch diese Erklärung des IOC löst keines der mit den geplanten Olympischen Spielen 2020 in Tokio verbundenen dramatischen Probleme und hilft auch keinem Sportler.

Nach Informationen des SPIEGEL wird in der IOC-Führung eine Verlegung der Spiele in den Herbst 2020 debattiert - in den Oktober oder November. Dies sei angeblich leichter umzusetzen als die Verschiebung in die Jahre 2021 oder 2022. Aber auch diese Überlegung, Herbst 2020, widerspricht eklatant den Szenarien von Virologen und Politikern weltweit. Das IOC-Exekutivkomitee beriet dazu per Telefonschalte am frühen Sonntagnachmittag. Am Text wurde dann einige Stunden gefeilt. "Gesundheit und Sicherheit stehen an erster Stelle", wird behauptet. Das IOC werde die "beste Entscheidung im Interesse der Sportler und aller anderen Involvierten treffen".

Keiner der Gesprächspartner, die an der Sitzung teilnahmen, wollte seinen Namen genannt sehen und sich zitieren lassen. Angeblich, so Mitglieder des Exekutivkomitees, habe sich die Lage seit dem Board-Meeting am Dienstag so sehr verschärft, dass diese nicht vergleichbar mit der Lage am Sonntag sei. Das mag für den tödlichen Coronovirus und die Maßnahmen zahlreicher Regierungen gelten - weniger aber für das IOC und das Problem Tokio 2020. Denn der offensichtliche Grundkonflikt existierte schon am Dienstag.

Das System ist zerbrochen

In weiten Teilen der Welt ist an Training nicht zu denken, haben sich auch Athleten und Athletinnen den harten Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung unterzuordnen. Sportler sind betroffen, ihre Familien und Freunde. An Olympiaqualifikationen ist nicht zu denken, das System ist zerbrochen. In Gesprächen mit IOC-Mitgliedern, gerade aus der Führungsebene, muss man derlei Basics stets wiederholen. Sie erwecken beständig den Eindruck, mit einigen Wochen mehr Zeit, sei der Stillstand der Welt zu beheben.

An die Sportler, unter denen weltweit der Widerstand wächst, wandte sich IOC-Präsident Thomas Bach in einem gesonderten Brief, der mit den Worten beginnt: "In dieser beispiellosen Krise sind wir uns alle einig." Das Gegenteil ist der Fall, wie an den vielen Absagen, Aufforderungen zur Verschiebung der Spiele und zahlreichen anderen kritischen Äußerungen von Olympiasportlern, darunter olympischen Legenden, zu belegen ist. In den USA wollen die Olympiakader über ihre Teilnahme abstimmen, in Deutschland ebenfalls.

Die Sportler bleiben unerwähnt

Der Brief enthält alle Ingredienzien, die man aus dem sportpolitischen Wirken des Thomas Bach seit Jahrzehnten kennt: Er ruft zur Einheit auf. Er erwähnt seine bitteren Erfahrungen mit dem Olympiaboykott 1980. Er skizziert ein "Dilemma", auch das eines seiner Lieblingswörter in politischen Botschaften. Man müsse die Krise gemeinsam meistern. Am Ende des Tunnels werde die olympische Flamme hell leuchten. 

Ein wichtiges Detail ist nicht zu unterschätzen. Bach wäre nicht Bach, wenn er das in seinem Brief und der Erklärung des Exekutivkomitees nicht genau kontrolliert hätte: Bei der Aufzählung der sogenannten Stakeholder, Interessengruppen der olympischen Bewegung, wird die wichtigste Gruppe nicht erwähnt: die Sportler!

Übersetzt aus dem sportpolitischen Sprachduktus heißt das: Das IOC verhandelt weiter nur mit Verbänden und Nationalen Olympischen Komitees - aber jene Initiativen wie in Deutschland und den USA, wo Sportler über die Entscheidung ihrer Nationen und NOK abstimmen wollen, sind unerwünscht. Derlei Auswüchsen will man einen Riegel vorschieben.

Die Briten fordern bereits eine Verschiebung

Die Botschaft des IOC ist ein Papier der Hilflosigkeit. Vier Wochen Zeit will sich Bach sichern. Viel mehr ist in dem bemerkenswerten Dokument nicht enthalten. Erwartungsgemäß veröffentlichte das Internationale Paralympische Komitee (IPC), das seine Spiele ab Ende August in Tokio geplant hat, eine Botschaft der Unterstützung. Ähnliches ist in Kürze von den Sport-Weltverbänden und vielen kleinen NOK zu erwarten - während das britische NOK bereits die Verschiebung fordert und die Amerikaner damit kaum lange warten werden.

Das IPC allerdings sprach von einer "schrecklichen Krankheit, die die Weltgemeinschaft betrifft" und schrieb: "Das menschliche Leben ist viel wichtiger als alles andere, und derzeit ist es wichtig, dass alle, einschließlich der Sportler, zu Hause bleiben."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.