Peter Ahrens

Olympia-Verschiebung Das war das Sportjahr 2020

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Fußball-EM, Olympische Spiele: Die Höhepunkte des Sportjahres fallen aus. Die Fans müssen sich auf eine lange Durststrecke einstellen - und die Verantwortlichen sollten das endlich auch tun.
Keine Fußball-EM, keine Sommerspiele, kein Sportjahr

Keine Fußball-EM, keine Sommerspiele, kein Sportjahr

Foto: EDGARD GARRIDO/ REUTERS

Jetzt also auch noch die Olympischen Spiele. Nach der Fußball-EM ist auch das größte Sportereignis des Jahres verschoben worden wie zuvor auch die Frühjahrsklassiker im Radsport, die Tennisturniere, die Fußball-Länderspiele, die Champions League. Der Sportkalender 2020, zu Jahresbeginn noch prall gefüllt, ist vollständig ausgedünnt. In Russland wird noch Schach gespielt.

Es ist zwar erst das Frühjahr, aber schon jetzt kann man das Sportjahr 2020 im Grunde abhaken. Bei den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus ist kein Ende abzusehen, niemand weiß, wie lange wir alle in Isolation verbringen müssen, wie lange wir uns mit alten Fußball-TV-Konserven als Ersatz zu begnügen haben, statt irgendwann mal wieder in ein Stadion gehen zu können. DFB-Pokalfinale 1988, Becker gegen Stich in Wimbledon, Olympische Winterspiele von Lake Placid 1980. Wo ist Behle?

Noch verschieben die Verantwortlichen, nach außen Zweckoptimismus verbreitend, ihre Termine in die nächsten Monate, die French Open im Tennis werden direkt hinter die US Open in den September geknallt, die Tour de France versucht verzweifelt, ihre große Schleife zu retten, und spekuliert ebenfalls mit einem Herbsttermin, die Bundesliga soll sogar ab Mai oder Juni wieder den Ball laufen lassen, auch wenn dann außer Fernsehkameras keiner zugucken darf.

"Von Montag bis Sonntag Primetime"

Eintracht Frankfurts Manager Fredi Bobic will zur Not sogar dauernd spielen lassen: "Wie es auch immer geht, und wenn es täglich sein muss und täglich Spiele sind: Unser Wunschszenario ist, die Saison fertig zu kriegen. Das wäre von Montag bis Sonntag Primetime, das wäre ja auch lukrativ für die Anbieter", sagt er im Interview mit SPOX. Jeden Abend vorm Schlafengehen Geisterspiele, die Gladiatoren in der Arena, mehr Irrsinn wäre dann auch kaum denkbar.

Welche Halbwertzeit solche Pläne haben, haben die vergangenen Wochen gezeigt.

Der heutige Tag ist insofern eine Zäsur, weil er all den Sportplanern, Machern, Veranstaltern, Beratern, Performance Managern, Geldzählern, Organisatoren deutlich macht: Es bringt einfach nichts, an Terminen festzuhalten, die die Realität schon kurze Zeit später überholt. IOC-Boss Thomas Bach hat es vorgemacht, ein grelles Beispiel. Er hat auf Zeit gespielt, bis zum letzten Moment, eigentlich schon lange darüber hinaus, er hat mit dem Vertrauen der Athleten gespielt, er hat es irgendwann verspielt, und gebracht hat es ihm auch nichts. Am Ende musste er doch das tun, was getan werden musste: die Spiele verlegen. Das hätte er vier Wochen früher schon machen können, und er wäre eine Führungspersönlichkeit gewesen. Kein Getriebener.

Und so wie ihm wird es wahrscheinlich auch all den anderen gehen, den Organisatoren der Tour de France, der DFL und all jenen, die noch irgendwie bemüßigt sind, ihr Event über die Zeit zu retten. Um jeden Preis.

So langsam müssen wir uns alle darauf einstellen, uns von diesem Sportjahr zu verabschieden, bevor es so richtig begonnen hat. Und darauf, dass sich stattdessen alle vorrangig um ihre Gesundheit kümmern und nachrangig darum, wie man die Ausfallzeit finanziell und organisatorisch überbrücken kann.

Wer die großen Sportereignisse liebt, der muss ab sofort damit anfangen, sich auf 2021 zu freuen. Auf den dann prallen Terminkalender des nächsten Sportjahres. Mit Olympischen Spielen, mit EM, Weltmeisterschaften. Für dieses Jahr dagegen sollte man ehrlicherweise keine Illusionen hegen.

2020 wird für den Sportfan eine große Wüste. Uns bleibt immer noch Paris. Die French Open 1989, Michael Chang gegen Ivan Lendl. Demnächst in Ihrem Internet oder Fernseher.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.