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Athleten "Ein Schlag ins Gesicht"

Ruder-Weltmeister Oliver Zeidler über das Olympia-Aus.
Ein Interview von Antje Windmann
aus DER SPIEGEL 14/2020
Foto:

Alexandra Wey/ picture alliance/ DPA

Der Ruderer Zeidler, 23, galt als eine der größten deutschen Olympia-Hoffnungen. In einem ersten Telefoninterview am vergangenen Montag mit dem SPIEGEL hatte er sich noch zuversichtlich gezeigt, dass die Spiele stattfinden werden und er sich trotz erschwerter Trainingsbedingungen weiter unbeirrt auf Tokio 2020 vorbereiten kann.

SPIEGEL: Wie haben Sie von der Verschiebung der Spiele am Dienstag erfahren?

Zeidler: Ich saß gerade mit meiner Familie zu Hause beim Mittagessen. Es gab Fisch und Kartoffeln. Auf einmal hat mein Handy nicht mehr aufgehört zu vibrieren. Auf dem Display waren dann viele Nachrichten: "Hast Du es schon gesehen? Olympia auf 2021 verschoben." Da ist mir das Essen erst mal im Hals stecken geblieben.

SPIEGEL: Was waren Ihre ersten Gedanken?

DER SPIEGEL 14/2020
Foto:

cgs

Wie kommen wir da wieder raus?
(ohne uns anzustecken oder zu ruinieren)

Auswege aus dem Corona-Albtraum

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Zeidler: Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich war völlig darauf eingestellt, dass sich das IOC Zeit nimmt mit der Entscheidung, weil das so kommuniziert worden war.

SPIEGEL: Viele sagen, die Entscheidung kam jetzt auch, weil Athleten öffentlich diese Hängepartie kritisiert hatten.

Zeidler: Ich bin immer noch der Meinung, dass man Alleingänge hätte vermeiden sollen. Ich hätte die Spiele niemals boykottiert. Am Ende war es wohl der Todesstoß, dass sich Nationen wie Australien und Kanada dazu entschieden haben, in diesem Jahr keine Athleten nach Tokio zu schicken.

SPIEGEL: Sie leben in einem Mehrgenerationenhaus. Ihr Großvater ist Olympiasieger, Ihr Vater, der Sie auch trainiert, war ebenfalls Weltklasseruderer. Saßen die beiden mit am Mittagstisch?

Zeidler: Ja, beide. Da war erst mal Stille, keiner hat mehr etwas gesagt. Wir mussten uns alle zunächst sammeln. Ich bin regelrecht erschlagen von dem Berg, was nun alles zu regeln und umzuplanen ist. Ich habe mein Studium für die Spiele ein Jahr lang nicht fortgesetzt, wollte in England anschließend meinen Master machen. Die Bewerbung muss ich jetzt zurückziehen. Ich muss mit meinem Arbeitgeber sprechen, ob ich ein weiteres Jahr mit reduzierten Stunden arbeiten kann.

SPIEGEL: Was zeigt, dass Olympia kein gewöhnlicher Wettbewerb ist.

Zeidler: Es ist tatsächlich so, wie Herr Bach das gesagt hat: Es ist nicht wie ein Fußballspiel. Da hängen Lebensträume dran, das ganze Leben ist darauf ausgelegt, bei Olympia dabei zu sein.

SPIEGEL: Mit welchen anderen Athleten haben Sie sich bereits ausgetauscht?

Zeidler: Ich habe gestern Abend eine Videokonferenz gemacht mit meiner Freundin und einem Kumpel, um ein bisschen Luft rauszulassen und zu reden. Aber darüber hinaus habe ich mich bisher mit niemandem ausgetauscht.

SPIEGEL: Was ist das vorherrschende Gefühl, Wut oder Enttäuschung?

Zeidler: Enttäuschung, eben weil man sich so hat täuschen lassen von der Situation. Zwischen der Aussage, dass die Spiele stattfinden, und der Verschiebung lag eine Woche – das ist mir zu impulsiv. Das hätte man definitiv eleganter und schonender lösen können.

SPIEGEL: Konnte Sie jemand aufbauen?

Zeidler: Mein Vater. Wir haben uns hingesetzt und kleinere Ziele gesteckt. Wir müssen jetzt dranbleiben, aber gleichzeitig das Training komplett umplanen.

SPIEGEL: Wie soll es mit Olympia jetzt weitergehen, welche Erwartungen haben Sie?

Zeidler: Von mir aus bekommen die IOC-Funktionäre jetzt vier Wochen Zeit, die sie wollten, um einen neuen fixen Termin festzulegen. Und dann sollten wir zusehen, dass die Dopingkontrollen wieder weltweit stattfinden können. Und dann sollten wir dieses Virus endlich hinter uns lassen können. Ich wünsche mir natürlich, dass der wirtschaftliche Schaden nicht zu schlimm ausfällt auf der ganzen Welt. Und dass wir uns hoffentlich alle bald wieder frei bewegen können.

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