Wada berät über Russland Gedopte Daten

Die Welt-Antidopingagentur berät derzeit darüber, ob Russland bei Olympischen Spielen gesperrt bleibt. Entscheidend dafür ist, ob Moskau erklären kann, ob und warum Labordaten manipuliert wurden.

Russland und Olympia - wird das auch in Tokio nichts?
David J. Philip AP

Russland und Olympia - wird das auch in Tokio nichts?

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Russland und das Dopingproblem - das beschäftigt die Sportwelt nunmehr seit Jahren, und vieles spricht dafür, dass dies auch noch eine Weile so bleibt. Die Welt-Antidopingagentur berät in diesen Wochen darüber, wie die Wada Russland in Zukunft behandeln will.

Dabei spielen brisante Daten aus dem Moskauer Antidopinglabor eine wesentliche Rolle - und die Frage, ob diese Daten tatsächlich systematisch manipuliert wurden, bevor sie an die Wada weitergereicht wurden. Wenn das wirklich so war und die russische Seite dafür keine plausible Erklärung parat hat, dann droht dem Verband neues Ungemach.

Worum es aktuell geht im Dopingkomplex um Russland - hier sind die wichtigsten Informationen.

Sind Sportler aus Russland noch gesperrt - und warum?

Die Wada hat im vergangenen September trotz massiver Kritik beschlossen, das russische Antidopinglabor nach dreijähriger Sperre wieder in ihren Kreis aufzunehmen. Damit ist eigentlich eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme russischer Athleten an Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften erfüllt. Die Sperre war zuvor nach den Erkenntnissen des McLaren-Reports, der Russland flächendeckendes Doping bescheinigt hat, ausgesprochen worden.

Allerdings haben die einzelnen Fachverbände den Spielraum, selbst zu entscheiden, ob Russland wieder vollwertiges Mitglied wird oder nicht. So hat der Leichtathletik-Weltverband IAAF zuletzt beschlossen, den Bann gegen Russland für die WM in Doha aufrechtzuerhalten. Bei den Titelkämpfen nahmen lediglich 30 russische Leichtathleten teil, die unter neutraler Flagge und ohne russische Hymne anzutreten hatten.

Auch der Biathlon-Weltverband IBU will Russland erst ab 2020 wieder zum Vollmitglied machen. Der IAAF begründet seinen Entschluss damit, dass er die Bedingungen, die Russland für eine Wiederaufnahme zu leisten hat, als noch nicht erfüllt ansieht, und kann dabei auf die aktuellen Vorwürfe gegen das russische Antidopinglabor verweisen.

Wie lauten die neuen Vorwürfe gegen Russland?

Bereits im Juli wurde der Verdacht öffentlich, Russland habe Daten aus seinem Antidopinglabor manipuliert, ehe sie an die Wada weitergeleitet wurden. Die Herausgabe der Daten ist eine der Hauptbedingungen, die Russland erfüllen soll, um wieder in der Sportwelt mittun zu dürfen. Nach langem Hin und Her hatte Russland die Daten verspätet ausgeliefert. Sie sollen jedoch teilweise verfälscht worden sein.

Rusada-Generaldirektor Jurij Ganus redet ganz offen
Pavel Golovkin AP

Rusada-Generaldirektor Jurij Ganus redet ganz offen

Was dabei besonders interessant ist: Die Vorwürfe der Datenfälschung kommen nicht nur aus dem Ausland, sie werden auch von dem neuen Generaldirektor der russischen Antidopingbehörde Rusada, Jurij Ganus, erhoben. Dem SPIEGEL sagte Ganus, es seien noch im Januar 2019 Daten manipuliert worden - also zu einem Zeitpunkt, an dem Russland längst versprochen hatte, energisch gegen Doping vorzugehen.

Hinzu kommen Meldungen, nach denen es unmittelbar vor der Einleitung des Verfahrens gegen die Rusada Cyberangriffe gegen mehrere Sport- und Antidopingverbände gegeben habe. Ausgeführt habe dies die Hackergruppe Strontium, bekannt auch unter dem Namen Fancy Bear. Fancy Bear wird eine Nähe zum russischen Geheimdienst nachgesagt. Die Gruppe hatte schon einmal Daten aus US-Dopinglabors gehackt und dabei auch Namen prominenter US-Sportler veröffentlicht, die in ihrer Heimat um Ausnahmegenehmigungen bei der Einnahme leistungssteigernder Mittel nachgesucht hatten.

Was könnte dem russischen Verband und den Athleten drohen?

Die Wada hatte Russland Ende September eine dreiwöchige Frist eingeräumt, um die neuen Vorwürfe aufzuklären oder zumindest zu erklären. Diese Frist ist längst abgelaufen, aber die Wada lässt sich immer noch Zeit damit, den ganzen Vorgang zu bewerten. Eigentlich wollte man schon Ende Oktober eine Empfehlung abgeben, wie mit dem russischen Sport künftig verfahren werden soll. Jetzt hat man dies in den Dezember verschoben. Man sei noch dabei, die russischen Antworten auf den entsprechenden Fragenkatalog zu prüfen, heißt es.

Ganus selbst rechnet damit, dass Russland nach den Enthüllungen auch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio (Sommer) und 2022 in Peking (Winter) zuschauen muss. Er spricht davon, dass "die Krise noch einige Jahre dauern wird". Russland war bereits von den Spielen in Rio 2016 ausgeschlossen worden und hatte die Winterspiele 2018 in Pyeongchang verpasst. Wie bei der Leichtathletik-WM nahmen auch hier einzelne Sportler als neutrale Athleten teil.

Was sagen die Funktionäre, wie verhält sich die Politik?

Der Vorstoß von Ganus kommt auch daher überraschend, weil zuvor von offizieller russischer Seite gemauert und beschwichtigt worden war. Zu Zeiten des berüchtigten Sportministers Witali Mutko wurden die internationalen Vorwürfe regelmäßig zurückgewiesen und mit Gegenvorwürfen gekontert, sein Nachfolger Pawel Kolobkow hat jetzt zumindest zugesichert, Spezialisten würden die möglichen Datenmanipulationen überprüfen.

IOC-Boss Thomas Bach ganz offensichtlich auf der Suche nach einer Lösung
Fabrice Coffrini AFP

IOC-Boss Thomas Bach ganz offensichtlich auf der Suche nach einer Lösung

Auch Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich vor Kurzem zu dem Thema zu Wort gemeldet. Er versicherte, man kooperiere "aktiv mit der Wada", ihre "Anforderungen werden in vollem Umfang erfüllt". Wobei Putin solche Zusicherungen schon häufiger gegeben hat - ohne dass durchgreifend viel passiert ist. So hat Ganus noch in dieser Woche im Deutschlandfunk eine mangelnde Unterstützung bei der Aufklärung des Dopingskandals durch die russische Politik kritisiert.

Wie ist die Position des IOC?

IOC-Präsident Thomas Bach fährt seit jeher eine defensive Linie, was die Sanktionen gegen den russischen Sport angeht. Auch bei den aktuellen Vorwürfen hat der Deutsche zurückgenommen reagiert. Ob Russland an den Sommerspielen in Tokio teilnehmen dürfe, sei die Entscheidung der Wada und des Internationalen Sportgerichtshofes Cas. "Wir vertrauen der Wada, es liegt in ihren Händen", sagte Bach am Rande der Turn-WM in Stuttgart.

Bach hat den strikten Konfrontationskurs mit dem sportpolitisch einflussreichen Russland in seiner Amtszeit stets vermieden, er hätte sich schon 2018 vorstellen können, dass Russland bei der Schlussfeier der Winterspiele in Korea wieder mit Hymne und Fahne präsent gewesen wäre. Nachdem dann allerdings ausgerechnet zwei russische Athleten während der Spiele als Dopingsünder aufgeflogen waren, war diese Option wirklich nicht mehr vermittelbar.

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