Sportler in der Coronakrise Wo bitte geht's hier zu Olympia?

Die Olympischen Spiele sind um ein Jahr verschoben. Neue Qualifikationsphasen bringen das zum Teil sicher geglaubte Ticket von Sportlern in Gefahr - für andere bringen sie aber auch neue Chancen.
Schwimmerin Jessica Steiger: Viele Sportler haben sich jahrelang auf Olympia 2020 vorbereitet - nun müssen sie erneut zittern

Schwimmerin Jessica Steiger: Viele Sportler haben sich jahrelang auf Olympia 2020 vorbereitet - nun müssen sie erneut zittern

Foto: Gerry Schmit/ imago images/Gerry Schmit

Eigentlich wäre Elena Quirici jetzt in Tokio unterwegs. 21 Turniere hat die Schweizer Karateka schon bestritten, um sich für die Olympischen Spiele in diesem Jahr zu qualifizieren. Doch ihr schon sicher gewesener Startplatz gilt nicht mehr, nachdem die Spiele wegen der Coronakrise  auf 2021 verschoben worden sind.

Über Facebook erhält die 26-Jährige die Mitteilung vom internationalen Karateverband . Eine persönliche Erklärung gegenüber der Athletin gab es nicht. Das Qualifikationsranking für Tokio ist damit wieder geöffnet. 

Dabei hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) Ende März auf Twitter noch ein Statement von IOC-Präsident Thomas Bach veröffentlicht, welches allen qualifizierten Athleten ein Startrecht für die ins kommende Jahr verschobenen Wettkämpfe zusicherte: "Es ist klar, dass Athleten, die sich für die Olympischen Spiele Tokio 2020 qualifiziert haben, qualifiziert bleiben. Das folgt aus der Tatsache, dass diese Olympischen Spiele Tokio 2020, in Absprache mit Japan, Spiele der XXXII. Olympiade bleiben."

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Sechs Tage später musste IOC-Sportdirektor Christophe Dubi in einer Telefonkonferenz diese Aussage präzisieren. Bach hatte mit seinem Versprechen seine Kompetenzen überschritten, da für die Nominierung von Olympiamannschaften die Nationalen Olympischen Komitees zuständig bleiben. Und so muss sich Elena Quirici also neu qualifizieren. 

"Ich kann diese Entscheidung wirklich nicht verstehen, vor allem nicht über die sozialen Medien. Was ich sagen möchte, ist, dass es für mich und viele andere Athleten wirklich sehr, sehr schwer war und ist. Ich denke, die psychische Gesundheit der Athleten sollte viel stärker berücksichtigt werden", schrieb Quirici auf Instagram.

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Quirici muss im kommenden Jahr im April beim Weltcupturnier in Rabat und im Mai bei der Europameisterschaft in Göteborg mindestens ins Finale kommen, um sicher in Tokio dabei zu sein. Doch ob diese Turniere überhaupt stattfinden werden?

Voraussetzung für die Austragung ist, dass alle Athleten die gleichen Möglichkeiten bekommen, an den Turnieren teilzunehmen. Auf SPIEGEL-Anfrage wird im Weltverband ein Szenario, bei dem Karateka aufgrund der Corona-Pandemie verhindert sein könnten, "nicht berücksichtigt". Somit blieben auch die Fragen unkommentiert, ob es dann trotzdem Startplätze für die Nationen geben würde und inwiefern man Schadensersatzforderungen befürchte.

Derzeit würde man sich darauf konzentrieren, bis zum 29. Juni 2021 alle Qualifikationsturniere zu bestreiten, und verweise auf eine Pressemitteilung  vom Mai. In dieser heißt es, dass "die besten Bedingungen für die Athleten garantiert" seien und "dass der Qualifikationsweg für alle Karatekas der Welt so fair, offen und unparteiisch wie möglich" sei.

Vielmehr dient die Verschiebung ins nächste Jahr als Erklärung, warum die bereits zugesicherten Startplätze doch nicht gelten könnten. "Wir glauben, dass mit dem Update die Essenz des ursprünglichen olympischen Qualifikationssystems erhalten bleibt, da nun die gleiche Anzahl von Ereignissen auf dem Qualifikationsweg sichergestellt ist", teilte ein Verbandssprecher dem SPIEGEL mit.

Quirici ist nicht die einzige Athletin, die nochmals um ein Ticket nach Tokio kämpfen muss. Insgesamt vergibt das IOC 11.000 Startplätze, 57 Prozent, also 6270 Teilnehmer, standen im März schon fest. Zwar werden alle Rankingpunkte von Turnieren behalten, welche im Rahmen der ursprünglichen Qualifikationsphase ausgetragen wurden. Das bedeutet aber auch, dass sie sich nicht sicher sein und von der Konkurrenz durchaus noch eingeholt werden können.

 "Wir brauchen konkrete Entscheidungen und Termine"

Hinzu kommt die erhebliche finanzielle Unsicherheit: Viele Sportler hatten voll auf die Spiele in diesem Jahr gesetzt und ihre berufliche, aber auch private Planung komplett daraufhin ausgerichtet. 

Schwimmerin Jessica Steiger hatte bereits einen Job beim Jugendamt nach Olympia fest in Aussicht, wollte kürzertreten und hat ihre Hochzeit extra ins Jahr 2021 verschoben. Nach der Verlegung der Spiele brach für die Gladbeckerin eine Welt zusammen. Zumal ihre Qualifikationsmöglichkeiten bei der Deutschen Meisterschaft im Mai und die Teilnahme an der Nordic Swim Tour in Bergen und Stockholm wegfielen.

"Meine Sponsorenverträge laufen im August aus. Ich stand vor der Entscheidung, ob ich mit dem Leistungssport weitermache oder in einen Beruf einsteige", sagt Steiger dem SPIEGEL. Die 28-Jährige versuchte es mit einem Crowdfunding, bei dem sie 7.000 Euro sammeln wollte. Denn ein Jahr länger schwimmen heißt auch, ein Jahr länger Trainingslager, Ausrüstung und Wettkampfreisen finanzieren zu müssen. Innerhalb eines Monats kamen sogar 10.116 Euro zusammen. Dennoch bleibe die Angst, dass Olympia abgesagt werde und alles umsonst gewesen sei.

"Das zehrt an der Motivation. Wir brauchen konkrete Entscheidungen und Termine", fordert Dominic Ressel, Judoka in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm, der als große Medaillenhoffnung nach Tokio gereist wäre. Er merkt, dass er die Wettkämpfe zur Zielsetzung benötigt. "Wir trainieren ins Leere. Fortschritte sieht man nur im Eins-gegen-Eins", sagt der Weltranglistendritte.

Die Zwangspause, die besonders Kampfsportler aufgrund von Hygienevorschriften einschränkt, nutzte er, um sich an der Schulter operieren zu lassen. "Für den Traum von Olympia hätte ich auch ohne OP weitergemacht. Doch da wir ohnehin keine Wettkämpfe hatten, blieb mir erstmals mehr Zeit für die Heilung."

In welcher Form und in welchem Zeitraum die Qualifikationen ablaufen sollen, hängt für die Sportler derzeit noch in der Schwebe. Offen zudem, auf welcher Grundlage diese Fragen entschieden werden, wenn in großen Teilen der Welt bis in den Winter oder noch darüber hinaus kaum Wettkämpfe stattfinden sollten. 

Die Ungewissheit sei "im ersten Moment bitter", sagt Ressel, "aber es gibt nun wirklich ganz andere Probleme in der Welt". Und im besten Fall sei der Traum nicht geplatzt, sondern einfach nur verschoben.  

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