Eklat um belarussische Athletin Oppositionsführerin nennt Fall von Olympia-Sprinterin »versuchte Entführung«

Kristina Timanowskaja hatte Offizielle kritisiert – und sollte dafür nach eigenen Angaben unter Zwang nach Belarus gebracht werden. Nun schaltet sich eine Oppositionsführerin ein.
Kristina Timanowskaja am Flughafen Haneda in Tokio: Sie hat Schutz bei der Polizei gesucht

Kristina Timanowskaja am Flughafen Haneda in Tokio: Sie hat Schutz bei der Polizei gesucht

Foto:

ISSEI KATO / REUTERS

Die im Exil lebende belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja hat den Fall der belarussischen Sprinterin

Kristina Timanowskaja als »versuchten Entführung« bezeichnet.

Die Sportlerin Timanowskaja sollte offenbar am Sonntagabend gegen ihren Willen von den Olympischen Spielen in Tokio vorzeitig nach Hause geflogen werden, nachdem sie öffentlich Sportfunktionäre ihres Landes kritisiert hatte. Die 24-Jährige gab an, von Vertretern des Nationalteams zum Flughafen gebracht worden zu sein. Dort suchte sie dann Schutz bei der Polizei, um nicht in den Flieger steigen zu müssen.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) erklärte zuletzt, die Sportlerin sei »in der Obhut der Behörden« und habe die Nacht in einem Hotel am Flughafen verbracht. Zudem habe sich das Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) in den Fall eingeschaltet.

Swetlana Tichanowskaja verglich den Vorfall mit der erzwungenen Landung eines Flugzeugs in Minsk im Mai, um den regimekritischen Journalisten Roman Protassewitsch und seine Freundin zu verhaften. Sie legte nahe, dass alle an der »versuchten Entführung« von Timanowskaja Beteiligten auf die Sanktionslisten der EU und der USA gesetzt werden sollten. »Kein Belarusse, der die belarussischen Grenzen verlassen hat, ist sicher, denn er kann entführt werden, genau wie Kristina Timanowskaja oder Roman Protassewitsch«, schrieb sie auf Telegram.

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Timanowskaja, die am Montag im 200-Meter-Lauf antreten sollte, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dass sie nicht vorhabe, in ihr Land zurückzukehren. Sie habe auf dem Tokioter Flughafen Haneda den Schutz der japanischen Polizei gesucht, um den Flug am späten Sonntagabend nicht antreten zu müssen.

Auf Twitter verbreitete sich ein Video vom Flughafen in Tokio , auf dem mehrere Olympia-Volunteers und Polizisten zu sehen sind. Timanowskaja antwortete demnach auf die Frage, ob sie Angst habe, nach Belarus zu fliegen, mit »Ja«.

Asyl in Polen oder Österreich wäre denkbar

Die Sprinterin bat daraufhin das IOC um Hilfe. »Es wird Druck auf mich ausgeübt. Sie versuchen, mich ohne meine Erlaubnis aus dem Land zu bringen. Ich bitte das IOC, sich einzuschalten«, sagte Timanowskaja in einem Video, das die Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) auf Telegram veröffentlichte. Die Gruppe unterstützt Sportler, die wegen ihrer politischen Ansichten verfolgt werden.

Oppositionsführerin Tichanowskaja forderte das IOC auf, sich des Falls der Athletin anzunehmen. »Sie hat ein Recht auf internationalen Schutz und auf die weitere Teilnahme an den Olympischen Spielen«, twitterte Tichanowskaja. »Es ist auch von entscheidender Bedeutung, dass das belarussische Nationale Olympische Komitee Verstöße gegen die Rechte der Athleten untersucht.«

BSSF-Direktor Alexander Apeikin bestätigte dem SPIEGEL, dass Timanowskaja Schutz bei der Polizei gefunden habe und nun politisches Asyl in Österreich oder Polen beantragen wolle. Das Internationale Olympische Komitee teilte dem SPIEGEL auf Anfrage mit, das IOC habe Kontakt mit der Sportlerin aufgenommen und das NOC »um eine Klarstellung gebeten«.

IOC hatte Belarus schon im Dezember sanktioniert

Timanowskaja hatte am Freitag bereits an den Vorläufen über 100 Meter teilgenommen und sollte am Montag auch über die 200 Meter an den Start gehen. Sie hatte sich über ihren Einsatz in der 4x400-Meter-Staffel beschwert, nachdem einige Mitglieder des Teams wegen fehlender Dopingtests nicht für die Olympischen Spiele startberechtigt waren. Daraufhin gab es in belarussischen Medien eine Kampagne gegen sie.

»Einige unserer Mädchen sind nicht hierhergeflogen, um an der 4x400-Meter-Staffel teilzunehmen, weil sie nicht genügend Dopingtests absolviert hatten«, sagte Timanowskaja am Flughafen der Nachrichtenagentur Reuters. »Und der Trainer hat mich ohne mein Wissen in die Staffel aufgenommen. Ich habe darüber öffentlich gesprochen. Der Cheftrainer kam zu mir und sagte, es habe einen Befehl von oben gegeben, mich zu entfernen.«

Das Internationale Olympische Komitee hatte im Dezember bereits mehrere Mitglieder des Nationalen Olympischen Komitees von Belarus suspendiert – darunter Alexander Lukaschenko, der Staatspräsident ist und gleichzeitig Vorsitzender des Komitees war. Damit folgte das IOC den Forderungen belarussischer und internationaler Athletenvereinigungen. Sportler und Sportfunktionäre hatten wiederholt gegenüber dem IOC Menschenrechtsverletzungen durch die belarussische Führung beklagt. Lukaschenkos Nachfolge als NOC-Präsident trat Ende Februar sein Sohn Viktor Lukaschenko an.

ara
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