Wiederwahl von IOC-Präsident Thomas Bach Allmächtiger!

Er dominiert das IOC wie kaum jemand zuvor, nun wird Thomas Bach wiedergewählt. Gegenkandidaten? Gibt es nicht. Ein Problem für das Komitee: Denn Bachs Führungsstil ist so autoritär wie gefährlich.
Thomas Bach im Jahr 2018 in Pyeongchang

Thomas Bach im Jahr 2018 in Pyeongchang

Foto: KAI PFAFFENBACH/ AFP

Es hatte alles so schön sein sollen, es war angerichtet. Kongress in Athen, Geburtsstätte der Olympischen Spiele der Neuzeit, mit dem obligatorischen Tagesausflug auf den Peloponnes, ins altertümliche Olympia. Dann die neuerliche Krönung für den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): die Bestätigung von Thomas Bach (FDP) für eine zweite Amtszeit, ohne Gegenkandidaten natürlich . Doch nun, inmitten der Pandemie, wird es wieder nur eine virtuelle Vollversammlung.

Die 137. Session in der Geschichte des IOC tagt von Mittwoch bis Freitag bloß per Videokonferenz und hakt dabei in Rekordgeschwindigkeit 31 Punkte auf der Tagesordnung ab. Nur einer davon sind die Corona-Spiele im Sommer in Tokio, ein anderer ist die Wiederwahl des Präsidenten. Jene IOC-Angestellten, die stets notieren, mit wie vielen Staats- und Regierungschefs sich Bach getroffen hat, können die Liste in dieser Woche nicht erweitern. Das schmerzt wohl niemanden mehr als den 67 Jahre alten Bach, aus einfachen Verhältnissen aufgestiegen zum Olympiasieger, zum Industrielobbyisten und schließlich zum IOC-Boss, der sich gern auf einer Stufe zeigt mit den wichtigsten Politikern des Planeten, wie etwa Auftritte vor der Uno-Vollversammlung oder bei den G20-Gipfeltreffen belegen.

Bach wird immer mächtiger, die Entscheidungen undurchsichtiger

Am 10. September 2013 wurde Bach in Buenos Aires gekrönt. Turnusgemäß nimmt er nach knapp acht Jahren eine weitere vierjährige Amtszeit in Anspruch. Da Bach das IOC so dominiert wie kaum einer seiner acht Vorgänger seit 1894, war sogar darüber spekuliert worden, die Olympische Charta könne geändert werden, um ihm eine dritte Amtszeit zu gewähren. Raffinierte und skandalöse Amtszeitverlängerungen waren einst unter seinem Vorbild, dem damaligen IOC-Boss Juan Antonio Samaranch, an der Tagesordnung. Am Ende des Krisenjahres 1999 wurde beschlossen, dass Präsidenten nur noch acht Jahre regieren dürfen – plus einer einmaligen Verlängerung von vier Jahren bei Wiederwahl.

Die Gedankenspiele um eine erweiterte Amtszeit sind Ausdruck allgemeiner Hilflosigkeit in der Branche. Man befürchtet das Schlimmste. Denn während der Präsident mit seiner kleinen Führungstruppe immer mächtiger wird und die Entscheidungen undurchsichtiger (aktuell bestens belegt an den Vorgängen um die Olympiabewerbung 2032 ), schwinden Einfluss und Kompetenz einfacher IOC-Mitglieder rasant. Nie war das so deutlich wie im Jahr acht der Bach'schen Regentschaft.

Daraus entstehen grundsätzliche Fragen – und in absehbarer Zeit möglicherweise gravierende Probleme für das IOC.

Der Olympiakonzern wird vor allem von Bach repräsentiert, mit gewaltigen Abstrichen vielleicht noch von Bachs Kumpel John Coates, jenem Vizepräsidenten, für den die Altersbegrenzung aufgehoben wurde und der in zahlreichen Funktionen, die sich eigentlich nicht vertragen, im olympischen Business rotiert . Wen nimmt die Welt sonst noch wahr aus dem IOC, außer jenen natürlich, die in zahlreiche Korruptionsaffären und Kriminalfälle verwickelt sind und weltweit schlechte Schlagzeilen machen? Wer von den aktuell 103 Vollmitgliedern verfügt über unumstrittene Kompetenzen, verbunden mit zweifelsfreier Integrität? Wer kommt infrage, wenn es in vier Jahren, nach dem Abschied von Bach, darum geht, das stolze wie stets umstrittene höchste Gremium des Weltsports in eine selbstbestimmte Zukunft zu leiten?

Das Kompetenzdefizit ist offensichtlich

Im IOC ist ein gewaltiger Braindrain zu beobachten. Viele Mitglieder sind mit den fachlichen Anforderungen überfordert. Das Kompetenzdefizit ist ein Resultat der Politik des Präsidenten. 55 der aktuell 103 Mitglieder wurden unter Bach aufgenommen. Ja, das IOC wurde zwar weiblicher und jünger, das ist positiv. Doch sonst? Impulse von außerhalb, die manche neue Mitglieder bringen sollten, sind schwerlich zu erkennen. Zuletzt wurden beispielsweise die ehemalige kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović und die saudische Prinzessin Reema Bandar Al-Saud kooptiert. Diese und andere Personalien sind kaum mehr als Window Dressing für das IOC.

Nennenswerte oppositionelle Strömungen hat es zwar beim IOC nie gegeben. Die von Bach forcierte Politik des »mit einer Stimme Sprechens« aber zeigt Wirkung: Wann hat zuletzt ein Mitglied in wichtigen Fragen die Gefolgschaft verweigert? Wann wurde eine wirklich offene Debatte geführt auf einer IOC-Vollversammlung?

Entscheidungen werden in kleinen Zirkeln vorbereitet. Die Ethikkommission des IOC ist nicht ernst zu nehmen. Deren Sekretariat mitsamt der Compliance-Beauftragten ist in die Verwaltung eingebunden. Zahlreiche der aktuell 35 olympischen Verbände haben bessere Transparenz- und Ethikregeln als das IOC. Immer mehr von ihnen veröffentlichen Sitzungsprotokolle. Das IOC hat das noch nie getan, die Meetings des Exekutivkomitees und anderer Gremien sind Geheimsache. Zwar gibt es unter Bach alljährliche Finanzberichte – entscheidende Details über Vertragssummen bei TV- und Sponsorverträgen oder Zahlungen an einzelne Nationale Olympische Komitees aber bleiben Geschäftsgeheimnis. Als Bachs Prätorianer, der alles kontrolliert und Abweichler zurechtweist, fungiert der Belgier Christophe De Kepper. Der IOC-Generaldirektor vertritt auch in internationalen Hybridgremien und Good-Governance-Gebilden gegenüber politischen Institutionen die IOC-Interessen.

Wer sich widersetzt hat, wurde abgestraft

Auf IOC-Sessionen unter dem Präsidenten Bach wurden sehr selten Meinungen geäußert, die von der herrschenden Doktrin abwichen. Gegenstimmen noch seltener, weil wohl sportpolitisch gefährlich und karrierezerstörend. Die wenigen Athletensprecher, die sich temporär widersetzten – Claudia Bokel, Adam Pengilly, Hayley Wickenheiser, auch Beckie Scott –, wurden auf vielfältige Weise abgestraft.

Ein anderes Beispiel: Der Kanadier Richard Pound, inzwischen dienstältestes Mitglied des IOC, schlug nach den vielen gescheiterten Bürgerbefragungen einst vor, das IOC solle den Bewerbungsprozess für Olympische Winterspiele aussetzen, reformieren und erst dann mit der Vergabe der Winterspiele 2022 fortsetzen. Doch Bach hielt sich damals keine Minute mit Pounds Mahnung auf. Stattdessen erhielt Peking den Zuschlag für 2022, nach einem dubiosen Verfahren, zu dem das letzte Wort vielleicht noch nicht gesprochen ist: Die Wahl wurde abgebrochen, wegen angeblicher Probleme mit dem elektronischen Abstimmungssystem – das IOC stimmte erneut ab, diesmal mit Zettelchen, und Peking gewann knapp gegen Almaty. Aufgrund der Menschenrechtsverletzungen in China gab es seither scharfe Kritik an der Vergabe .

Peking 2022 ist ein hausgemachtes Problem, genauso wie es die Spiele 2014 im russischen Sotschi waren, in jenem Land also, dem ein Staatsdopingsystem nachgewiesen wurde. Beide Spiele bleiben in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Namen Thomas Bach verbunden. Da kann das IOC noch so sehr um einen anderen Eindruck kämpfen . Zu beiden Potentaten, Russlands Wladimir Putin und Chinas Xi Jinping, pflegen das Komitee und sein Präsident ein ausgesprochen enges Verhältnis. Xi Jinping etwa erhielt 2013 den Olympischen Orden. Verliehen wurde er ihm von Thomas Bach.

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