Protestverbot US-Olympioniken drängen auf Abschaffung der umstrittenen Regel 50

Angeführt von Protestikone John Carlos fordern US-Sportler, die Anti-Protest-Regel für Olympia aufzuheben. Damit stellt sich erstmals die Athletenvertretung eines einflussreichen olympischen Komitees gegen das IOC.
Tommie Smith und John Carlos bei den Spielen 1968 mit der Black-Power-Faust, dem Symbol der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung

Tommie Smith und John Carlos bei den Spielen 1968 mit der Black-Power-Faust, dem Symbol der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung

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AP

"Die Sportler werden nicht länger zum Schweigen gebracht." So steht es in einem offenen Brief  an das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das Internationale Paralympische Komitee (IPC). Gemeinsam mit John Carlos fordern die Athletenvertreter des US-amerikanischen olympischen und paralympischen Komitees (USOPC) darin, das Protestverbot für Olympische Spiele mit sofortiger Wirkung aufzuheben.

Das IOC und das IPC sollten, so die Forderung, nicht weiter mit Sanktionen reagieren, wenn Sportler sich für das einsetzten, woran sie glauben, "insbesondere, wenn diese Überzeugungen die olympischen Ziele veranschaulichen".

Carlos, der bei den Spielen 1968 in Mexiko Bronze über 200 Meter erkämpfte, hatte zusammen mit Gewinner Tommie Smith bei der Siegerehrung die Faust im schwarzen Handschuh in die Höhe gereckt - ein Symbol der Bürgerrechtsbewegung in den USA.

Ein halbes Jahrhundert später setzen sich zahlreiche Athleten, aber auch Sportverbände und -organisationen für die Black-Lives-Matters-Bewegung ein. Vor dem Start der amerikanischen Fußballliga NWSL etwa waren am Samstag die Spielerinnen der Portland Thorns und der North Carolina Courage demonstrativ auf die Knie gegangen. Mit der im Januar noch einmal konkretisierten Regel 50 der olympischen Charta wäre so etwas im kommenden Sommer in Tokio nicht erlaubt. Sie untersagt jegliche Form von "politischer, religiöser oder rassistischer Demonstration oder Propaganda" bei Olympischen Spielen.

"Carlos und Smith haben alles riskiert, um für die Menschenrechte und das, woran sie glaubten, einzutreten, und sie inspirieren weiterhin Generation um Generation, dasselbe zu tun", heißt es in dem Schreiben weiter. Doch während das IOC sich und seine olympischen Werte durch nachträgliches Zurschaustellen dieser Protestaktion feiere, verbiete es gleichzeitig aktiven Sportlern, in deren Fußstapfen zu treten.

Das IOC hatte sich zuletzt gesprächsbereit gezeigt. Man werde sich mit Athleten beraten, "um verschiedene Möglichkeiten auszuloten, wie die Athleten ihre Unterstützung für die in der olympischen Charta verankerten Prinzipien auf würdige Weise zum Ausdruck bringen können", so IOC-Präsident Thomas Bach.

Einzelne Sportler sowie die weltweite Vereinigung "Global Athlete" haben sich bereits klar für die Abschaffung der Regel ausgesprochen. Nun bekam das IOC eine erste Antwort aus einem einflussreichen nationalen Komitee. Das US-amerikanische olympische und paralympische Komitee selbst hatte zuvor angekündigt, sich für das Erlauben von politischen Botschaften seiner Sportler einsetzen zu wollen, die Athletenvertretung des USOPC legte nun mit einer konkreten Forderung zum Umgang mit mündigen Athleten nach: "Es ist an der Zeit, ihren Mut zu ehren, anstatt ihre Taten anzuprangern."

sak/Reuters
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