Vorwürfe gegen DOSB-Präsident Hörmann Das große Beben

Kurz vor Olympia erschüttert ein offenbar von Mitarbeitenden verfasstes Schreiben den Deutschen Olympischen Sportbund. Präsident Alfons Hörmann wird eine »Kultur der Angst« vorgeworfen. Das könnte ihn den Job kosten.
DOSB-Präsident Alfons Hörmann: »Respekt und Fairplay vermissen wir jeden Tag«

DOSB-Präsident Alfons Hörmann: »Respekt und Fairplay vermissen wir jeden Tag«

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Daniel Reinhardt / picture alliance/dpa

Nach dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) hat auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seine Führungskrise. In einem am Donnerstag verschickten Papier fordern anonyme Verfasser oder Verfasserinnen, nach eigenen Angaben Mitarbeitende des DOSB, mehr als nur den Rücktritt des Präsidenten Alfons Hörmann (CSU): »Es braucht Veränderung! Vor allem aber braucht es eine neue Kultur innerhalb des DOSB. So kann es nicht weitergehen!«

Die Sprengkraft des Schreibens ist enorm. In der DOSB-Zentrale an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt am Main kam es nach Informationen des SPIEGEL am Nachmittag zu einer spontanen Versammlung der Mitarbeitenden – nahezu zeitgleich zum online übertragenen Termin der Mannschaftseinkleidung des deutschen Teams für die Olympischen Sommerspiele in Tokio. Die Stimmung wird als aufgewühlt beschrieben. Parallel dazu fühlen sich jene Verbandsvertreter bestätigt, die hinter den Kulissen seit Monaten an einer Ablösung Hörmanns arbeiten und einen aussichtsreichen Kandidaten für die Wahl auf der Mitgliederversammlung Ende 2022 aufbauen wollen.

Es kracht an allen Ecken und Enden. Erst vor wenigen Wochen hatte das IOC von Hörmann eine Entschuldigung zu seinen Aussagen zur Olympiabewerbung 2032 verlangt: Nur wenn Hörmann aufhöre, »Fehlinformationen« zu verbreiten, nur wenn die »unrichtigen Aussagen« korrigiert werden, werde das IOC wieder mit dem DOSB über ein Olympiaprojekt verhandeln.

»Unter der Führung des derzeitigen Präsidenten hat sich unter den Mitarbeiter*innen eine ›Kultur der Angst‹ im DOSB etabliert. Abweichende Meinungen werden (bestenfalls) abgebügelt und (schlimmstenfalls) bloßgestellt.«

Aus dem offenen Brief an die Spitze des DOSB

Das fulminante, anonyme Schreiben ist an Präsidium und Vorstand des DOSB sowie an den DOSB-Betriebsrat gerichtet und ging zugleich einigen Journalisten zu. »Unter der Führung des derzeitigen Präsidenten hat sich unter den Mitarbeiter*innen eine ›Kultur der Angst‹ im DOSB etabliert. Abweichende Meinungen werden (bestenfalls) abgebügelt und (schlimmstenfalls) bloßgestellt. Und so haben auch wir Angst. Angst davor, bei der Nennung unserer Namen mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen, vielleicht sogar unsere Arbeitsstelle zu verlieren«, heißt es darin. Angeblich steht »mehr als ein Drittel der Mitarbeiter*innen des DOSB« hinter diesem Papier.

Gemäß dem aktuellen Bericht des Präsidiums arbeiten 207 Personen in der DOSB-Geschäftsstelle – das war der Stand im September 2020, seither hat es Kündigungen und Abschiede verdienter Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gegeben. Einige Beispiele werden in der E-Mail erwähnt. Die Rede ist von Mobbing und einer katastrophalen Atmosphäre im »Haus des Sports« in Frankfurt. »Respekt und Fairplay vermissen wir jeden Tag in unseren Führungsgremien, vor allem bei unserem Präsidenten Alfons Hörmann. Bei uns Mitarbeiter*innen hat eine schier endlose Reihe von zweifelhaften Verhaltensweisen, geprägt von einem uns gegenüber herablassenden Auftreten, dazu geführt, dass wir unsere Stimme hörbar machen wollen«, heißt es im Schreiben.

Alfons Hörmann ist seit 2013 Präsident des DOSB

Alfons Hörmann ist seit 2013 Präsident des DOSB

Foto: imago images / MIS

Hörmanns Führungs- und Kommunikationsstil sorgt seit Jahren intern und extern für schwere Verstimmungen. »Aufgrund solcher Verhaltensweisen haben Mitarbeiter*innen gekündigt; andere befinden sich in psychotherapeutischer Behandlung. So kann es nicht weitergehen. So darf es nicht weitergehen«, steht in dem Schreiben. Zu derlei Kündigungsfällen hatten verschiedene Medien in den vergangenen Monaten recherchiert. Auf eine entsprechende Anfrage des SPIEGEL teilte ein vom DOSB beauftragter Medienanwalt im März mit: »Unsere Mandantschaft erteilt grundsätzlich keine Auskunft zu persönlichen Entscheidungen einzelner Mitarbeiter*innen.« Außerdem verkündete der Anwalt im Auftrag des DOSB-Präsidenten: »Es gibt keinerlei Vorwürfe gegenüber Herrn Hörmann, weshalb die Ethik-Kommission des DOSB sich mit diesen auch nicht befasst hat oder befassen muss.«

Die Lage hat sich nun geändert. Die sogenannte Ethik-Kommission des DOSB wird vom ehemaligen Bundesminister Thomas de Maizière (CDU) geleitet. Der dreiköpfigen Kommission gehöre außerdem die Biathlon-Olympiasiegerin Kati Wilhelm und der Jurist Hansjörg Geiger an. Geiger war zuvor Stasi-Beauftragter des DOSB, in den Neunzigerjahren war er Direktor der Gauck-Behörde, danach Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Nächster Sitzungstermin der Ethik-Kommission ist der 18. Juni.

Gemäß Verfahrensordnung müsste das Ethikgremium eigentlich tätig werden und ein Vorverfahren gegen Hörmann und andere DOSB-Führungskräfte einleiten. In der Verfahrensordnung heißt es unter anderem: »Erlangt die Ethik-Kommission von dem Verdacht eines Verstoßes Kenntnis, hat sie zu ihrer Entscheidung darüber, ob sie das Hauptverfahren einleitet, den Sachverhalt objektiv zu erforschen.« Der Schutz »der Hinweisgeber*in, des möglichen Opfers und des/der Betroffenen« sei »durch geeignete Maßnahmen« sicherzustellen.

Die Ethik-Kommission müsste tätig werden

Die Absender des Papiers bleiben anonym. Der Inhalt des Schreibens klingt nach Insiderwissen. Der DOSB behauptet, das Schreiben sei von einem »Fake-Mail-Account« verschickt worden. Korrekt aber ist: Die E-Mail wurde von einem Account des Anbieters Mailfence verschickt, der mit einem »sicheren und vertraulichen E-Mail-Service« wirbt. Das ist ein allgemein anerkanntes Mittel der Wahl in Fällen, bei denen der Absender Wert auf Anonymität legt. DOSB-Kommunikatoren verbreiten die Lesart, das inkriminierende Schreiben sei nicht von DOSB-Mitarbeitenden in Umlauf gebracht worden. Gegen diese unbelegte These sprechen einige detaillierte Schilderungen aus der DOSB-Zentrale.

So oder so ändert das nichts an der Tatsache, dass die Ethik-Kommission tätig werden müsste. Hörmann könnte das am Ende das Amt kosten.

»Nach den seit heute öffentlich im Raum stehenden Vorwürfen kann der deutsche Sport aus meiner Sicht auch mit Blick auf die bevorstehenden Spiele in Tokio nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.«

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag

Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, gab dem SPIEGEL zu Protokoll: »Die Authentizität des heute bekannt gewordenen Schreibens vorausgesetzt, taumelt nach dem DFB mit dem DOSB als Dachorganisation des deutschen Sports nun ein weiterer Verband möglicherweise in eine veritable Führungskrise.« Und: »Nach den seit heute öffentlich im Raum stehenden Vorwürfen kann der deutsche Sport aus meiner Sicht auch mit Blick auf die bevorstehenden Spiele in Tokio nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern muss an einer zügigen Klärung des Sachverhalts selbst ein hohes Interesse haben.«

Die Verfasser des Papiers erklären, sie hätten sich bewusst entschieden, »die Thematik außerhalb des Betriebsrats zu kommunizieren«. Man respektiere »den persönlichen Einsatz aller Gremienmitglieder für den Sport. Dieser Einsatz ist jedoch wertlos, solange die wichtigste Grundregel des Sports dauerhaft mit Füßen getreten wird: ein respektvolles Miteinander.« Ein respekt- und würdevoller Umgang im DOSB-Mikrokosmos sei nicht verhandelbar.