Nachruf auf Walther Tröger Der letzte Olympionike

Die Olympischen Spiele waren sein Leben. Walther Tröger hat aber auch miterlebt, wie sie sich verändert haben. Unter den IOC-Funktionären, für die Kommerz heute alles bedeutet, war er eine Ausnahme.
Mister Olympia, Walther Tröger

Mister Olympia, Walther Tröger

Foto: Miguel Villagran / dpa

Es würde Walther Tröger gefallen, sein Leben anhand von Olympischen Spielen zu erzählen. »Die Olympischen Spiele waren mein Lebensinhalt«, hat er schließlich selbst zu seinem 90. Geburtstag in einem Interview der »Welt« gesagt. Nun denn: 1964, 1968, 1972, 1980, 1992, 2008. Olympische Jahre, Tröger-Jahre.

1964, Winterspiele in Innsbruck: Es sind die ersten Spiele für den Sportfunktionär Tröger, er ist erst 34, seit drei Jahren aber bereits Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees, und gleich bei seiner Premiere hat er die heikle Aufgabe, den gemeinsamen Auftritt von Athleten aus der Bundesrepublik Deutschland und der DDR zu orchestrieren. Ein politisches Minenfeld.

Die Verbindung von Sport und Politik, das war immer Trögers Revier, er hätte nur müde abgewunken bei dem Satz, man solle Sport und Politik nicht miteinander vermischen. Er wusste von Anfang an, wie untrennbar das zusammenhängt.

Mit den Palästinensern verhandelt

1968 in Mexiko sind West und Ost erstmals getrennt, die DDR als eigene Sportnation präsent, Tröger hat später gesagt, er habe sich auch über die Erfolge der DDR-Athleten gefreut, »ich war immer ein Versöhner, kein Spalter«.

Aber die Spiele in Mexiko sind bei aller politischen Anspannung jener Zeit auch große sportliche Festtage. Tröger sitzt neben der Weitsprunggrube, als US-Athlet Bob Beamon in ein anderes Jahrhundert springt, er schaut Dick Fosbury zu, der den Hochsprung revolutioniert, und spätestens nach diesen Spielen ist Tröger der glühendste Verehrer der Olympischen Idee. Damals, als sie noch greifbar war. Vielleicht muss man so nah und so lange dabei gewesen sein wie Tröger, um das bis heute nachvollziehen zu können.

1972, bei den Spielen in München, ist er schon einer der wichtigsten Sportfunktionäre, als sogenannter Bürgermeister des Olympischen Dorfes erlebt er hautnah einen der furchtbarsten Momente der Olympia-Geschichte, das Attentat der palästinensischen Terroristen auf die israelische Delegation. Geiselnahme, Drohungen, Mord.

Tröger hat mit den Geiselnehmern zu verhandeln, der Anführer der Gruppe sitzt mit der Handgranate griffbereit am Tisch, »es ist das schlimmste, tragischste Ereignis meiner sportpolitischen Karriere«, sagte Tröger. Auch er kann nichts dagegen ausrichten, dass es am Ende ein Blutbad gibt. Anders als der damalige NOK-Chef Willy Daume schlägt sich Tröger auf die Seite derjenigen, die die Fortsetzung der Spiele wollen. Trotz allem. Avery Brundage, der IOC-Chef, sagt den berühmten Satz: »The Games must go on«, und Tröger hätte diesen Satz unterschrieben.

Als Chef de Mission bei den Winterspielen 2002 von Salt Lake City

Als Chef de Mission bei den Winterspielen 2002 von Salt Lake City

Foto: Oliver Multhaup / dpa

Acht Jahre später, 1980, ist er auf der Seite der Boykottgegner, die trotz des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan an den Spielen in Moskau im Sommer teilnehmen wollen. Aber die Politik macht zu viel Druck, der Einfluss von Daume und Tröger stößt an seine Grenzen, das bundesdeutsche Team bleibt den Spielen fern. Tröger hat das immer als einen Fehler bezeichnet, der Boykott habe letztlich nichts gebracht – außer den Konter des Ostblocks vier Jahre später bei den Spielen von Los Angeles.

Zwölf Jahre nach Moskau sind West und Ost wieder zusammen, der Kreis zu 1964 schließt sich, in Albertville präsentiert sich die erste gesamtdeutsche Mannschaft nach dem Mauerfall. Das Olympiateam sahnt in der Medaillenbilanz kräftig ab. Aber die Konflikte, die die Vereinigung der beiden Sportverbände mit sich brachte, verkleisterte auch Tröger, damals wieder Chef de Mission auf deutscher Seite: Doping, Stasi, das ließ man im Medaillenregen von 1992 gern unterm Tisch, da blieb es aber nicht. »Ich denke, das haben wir im Sinne der betroffenen Athleten sauber geklärt«, sagte Tröger in der Rückschau in der »Welt«. Da holte ihn dann doch die Sicht der Funktionäre ein.

2008 in Peking: die letzten Spiele des Walther Tröger als IOC-Mitglied. Mit dem Erreichen der Altersgrenze von 80 Jahren verabschiedet er sich aus dem Gremium, dem er bis dahin 20 Jahre angehört hatte. Die Wandlung des IOC zu einem rücksichtslosen Kommerz-Beschleuniger hat er miterlebt, hat er begleitet – und ist dennoch einer von damals geblieben. Während andere im IOC sich gnadenlos bereicherten, alle Machtspiele mitmachten, am eigenen Karrierismus bastelten, war Tröger so etwas wie der letzte Olympionike im Olymp der Funktionäre. Wenn er sagte, es gehe ihm allein um die Olympischen Spiele, dann war man geneigt, ihm das abzunehmen.

Kein ruhmreicher Abschied

Peking war sein Abschied von der großen IOC-Bühne, kein ruhmreicher für ihn. Er gehörte zu den vehementen Verteidigern der Vergabe der Spiele an China, allen Bedenken der Menschenrechtsorganisationen zum Trotz. Sein Satz: »Wer in gekennzeichneten Bereichen gegen das Verbot unzulässiger Werbung oder Propaganda verstößt, kann unverzüglich und nach Prüfung des Einzelfalls ausgeschlossen werden«, wurde als Drohung an Athleten verstanden, sich während der Spiele politisch zu positionieren.

Er hätte sich einen besseren Abgang verschaffen können, es wäre verdient gewesen. Aber so sehr er den Zusammenhang zwischen Sport und Politik über so viele Jahre miterlebte, mitgestaltete, so sehr war er auch ein Vertreter derer, die das Politische als Aufgabe der Funktionäre ansahen, nicht der Sportler. Auch da war er einer von der alten Schule.

Die Olympischen Spiele von Tokio noch miterleben, das war sein Wunsch. Durch Corona und die Verschiebung der Spiele ist ihm dieser Wunsch verwehrt geblieben. Walther Tröger ist am Mittwoch im Alter von 91 Jahren gestorben. Olympia war seine Welt, »Mister Olympia« hatte man ihn genannt. Aber wie Olympia zuletzt war, das hatte mit dem, was Tröger mal gekannt hatte, was er 1968 am Rand der Weitsprunggrube von Mexiko City zu spüren glaubte, nicht mehr viel zu tun.

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