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Olympiatips aus Ost-Berlin

Obwohl die DDR eine Dauerkampagne gegen Olympia in München führt, ist sie zur Teilnahme entschlossen. Agitationsabweisungen der SED-Führung liefern die Argumente.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Münchens Olympia-Planer finden unerwartet Hilfe: Die DDR will »das in unseren Kräften Stehende tun, damit die Olympischen Sommerspiele 1972 unter annehmbaren Bedingungen stattfinden«. Mit einer Einschränkung: »Soweit das in der BRD überhaupt möglich ist.«

So steht es in einem Schulungsbrief, mit dem das ZK der SED seine Parteikader regelmäßig ideologisch auf die schwankenden Wetterlagen der Politik wappnet. Die »Argumentations-Anweisungen 10/71« behandeln ausschließlich die Haltung des zweiten deutschen Staates zum Olympia in München.

»Durch die Anerkennung und Anwendung der offiziellen Staatsbezeichnung, der Staatsflagge und der Staatshymne«, verkündet eine Fanfare den Erfolg der DDR auf dem Zweiten Weg ins Weltbewußtsein durch internationale Sportarenen, würden ihre Sportler »ausdrücklich als Repräsentanten eines souveränen Staates respektiert«.

Der lange Marsch der SED durch die olympischen Institutionen dauerte 20 Jahre. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen 1952 hatten die Bundesrepublik und die DDR beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beantragt. ihre neu gegründeten Nationalen Olympischen Komitees (NOK) anzuerkennen. Das IOC wollte eine gesamtdeutsche Mannschaft und ein gemeinsames deutsches Olympia-Komitee. DDR-Delegationsleiter Kurt Edel unterschrieb.

Als Edel auf dem Ost-Berliner Flugplatz Schönefeld aus dem Flugzeug kletterte. fingen Genossen den früheren deutschen 400-Meter-Meister ab und chauffierten ihn unverzüglich ins Sekretariat des SED-Zentralkomitees. Der »Vorsitzende Walter Ulbricht übte Kritik und forderte anschließend Selbstkritik. Er setzte seine Unterhändler ab und verlangte, die DDR-Unterschrift zurückzuziehen.

Das geschah durch einen Eklat. In Kopenhagen erwartete der schwedische IOC-Präsident Sigfrid Edström, 81, die DDR-Delegation zur vereinbarten Verhandlung. Ulbrichts Boten blieben aus. Schließlich forschten die Olympier telephonisch nach. Sie müßten sich erst von der Reise erholen, antworteten die DDR-Funktionäre. So brachte die DDR ihre Athleten für 1952 um die Olympia-Teilnahme. Aber sie verhinderte auch ein gesamtdeutsches NOK.

»Heinz Kitzig heißt der Meister, der um seine Chance betrogen wurde«, schrieb das Ost-Berliner »Sportecho« über den Studenten-Weltmeister im Turmspringen, der in Helsinki wahrscheinlich eine Medaille gewonnen hätte. Die Schuld suchte es bei den bundesdeutschen Funktionären -- nicht ganz zu Unrecht: Die BRD-Delegation führte Karl Ritter von Halt, Hitlers letzter Reichssportführer. Er polemisierte heftig gegen die DDR-Ansprüche, nicht aber gegen die von Frankreich durchgesetzte Anerkennung eines saarländischen NOKs.

Doch 1956 beteiligte sich die DDR an der gesamtdeutschen Mannschaft. Bei den Winter- und Sommerspielen errangen acht mitteldeutsche Athleten Medaillen, Wolfgang Behrendt erboxte die erste Goldmedaille für den Arbeiter- und-Bauern-Staat. Auch 1960 und 1964 starteten die DDR-Besten in gemeinsamen Equipen mit den BRD-Sportlern. In Tokio stellten Ulbrichts verdiente Sportmeister sogar die Mehrheit der qualifizierten Teilnehmer. So durfte DDR-Funktionär Manfred Ewald, unter Hitler Napola-Schüler und dann Nachkriegs-Kommunist, der gesamtdeutschen Mannschaft als Chef de Mission voranmarschieren.

Der Durchbruch gelang den kommunistischen Sportpolitikern 1965. Die DDR erhielt eine eigene Mannschaft; nur Fahne (schwarz-rot-gold mit den fünf olympischen Ringen) und Hymne ("Freude, schöner Götterfunken") galten noch bis 1968 für alle Olympia-Deutschen als verbindlich.

In München darf die DDR 1972 auch mit ihren eigenen Symbolen auftreten. Das wiegt in Ost-Berlin schwerer als mögliches Risiko. Weshalb das DDR-Kollektiv trotz aller vermeintlichen Revanchisten in München starten müsse, beantworten die SED-Anweisungen so: »Wir weichen nicht zurück. Unsere Sportlerinnen und Sportler werden im Gegenteil die sozialistische Sportbewegung und ihr sozialistisches Vaterland, die DDR, grade in München besonders aktiv und würdig vertreten.«

Die ZK-Propagandisten beurteilen Olympische Spiele als »politisches Ereignis von hohem Rang«, leiten aus den Leistungen der Athleten »nicht geringen Einfluß auf die internationale Ausstrahlung und das Ansehen der Staaten« ab und stellen die zunehmende Bedeutung internationaler Wettkämpfe »in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus« fest.

Bonn unterstellen sie die Absicht, durch das Münchner Olympia die DDR »politisch und ideologisch aufzuweichen«. Die Ost-Berliner Argument-Aktivisten erinnern daran, daß der deutsche Imperialismus schon die Spiele von 1936 mißbraucht habe, »nationalen Prestigegewinn zu erzielen« und »aggressive Ziele zu verschleiern«.

Die Argument-Aktivisten versuchen auch die Lust der DDR-Bürger zu dämpfen, »unsere Sportler an Ort und Stelle zu unterstützen«. Denn »jeder weiß, daß keine Olympiastadt alle Wünsche« erfüllen kann. Deshalb sollen nur »sportbegeisterte Bürger« ausreisen dürfen, »die zugleich gesellschaftlich aktive Bürger der DDR sind«.

An der Abgrenzung halten sie fest: »Im übrigen ist klar, daß wir auch anläßlich der Olympischen Spiele in München unsere Grenzen nicht durchlässig machen.«

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