Dopingprozess zur »Operation Aderlass« Staatsanwaltschaft muss Fehler einräumen

Im Dopingprozess gegen einen Erfurter Mediziner hat ein Gericht geurteilt, dass die Staatsanwaltschaft das Recht auf ein faires Verfahren verletzt hat. Der beschuldigte Arzt wehrt sich gegen sein Image als »Dr. Frankenstein«.
Von Matthias Fiedler, München

Die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft hatte es vor rund einem Jahr sehr eilig. Kurz vor Weihnachten trommelte sie noch einmal Medienvertreter zusammen, um bei einer Pressekonferenz von ihrem bislang größten Erfolg im Kampf gegen Dopingsünder im Spitzensport zu berichten. 

Chefermittler Kai Gräber erklärte am Vormittag des 19. Dezembers 2019, seine Behörde habe Anklage gegen den Erfurter Mediziner Mark Schmidt und vier Helfer erhoben. Wegen »gewerbsmäßiger und teilweise bandenmäßiger Anwendung verbotener Dopingmethoden bzw. der Beihilfe hierzu« – so stand es in der 145-seitigen Anklageschrift.

Nur wenige Stunden später, am frühen Nachmittag, verschickte die Staatsanwaltschaft eine Pressemitteilung. Darin skizzierte sie wesentliche Anklagevorwürfe, gab einen groben Überblick über das Verfahren – zur großen Überraschung einiger Verteidiger. Denn manch einer von ihnen hatte die Anklageschrift bis zum Abend gar nicht lesen können, musste aus den Medien erfahren, was seinem Mandanten konkret vorgeworfen wird. 

Damit handelte die Staatsanwaltschaft vorschnell, sie »verletzte den Grundsatz eines fairen Verfahrens«, wie es nun im Urteil des Verwaltungsgerichts München heißt. Demnach hätte die Behörde den Verteidigern »zeitlich die Möglichkeit einräumen müssen, angemessen auf das behördliche Informationshandeln reagieren zu können.« Die Anwälte hatten die Anklage jedoch weniger als zwei Stunden vor Veröffentlichung der Pressemitteilung erhalten.

Der leitende Oberstaatsanwalt Gräber räumte ein, dass seine Behörde etwas »vorgeprescht« sei. »Zwischen Versendung von Anklageschrift und Pressemitteilung lag unbestritten eine kurze Zeit.« Über das Timing habe jedoch nicht er bestimmt, sondern die Pressestelle seiner Behörde.

Verteidiger spricht von »Vorverurteilung«

Schmidts Verteidiger Juri Goldstein, der die Klage beim Verwaltungsgericht München eingereicht hatte, spricht von der »Vorverurteilung« seines Mandanten. Durch die frühe Veröffentlichung der Pressemitteilung sei »das Recht auf Waffengleichheit« zwischen den verhandelnden Parteien verletzt worden. Ob er, wenn nötig, mit dem Urteil des Verwaltungsgerichts vor die nächsthöhere Instanz ziehen will, ließ er offen.

Dem Vernehmen nach ist die Vorsitzende Richterin Marion Tischler ebenfalls unglücklich über das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Sie habe bei den Verteidigern jedoch angeregt, das Urteil nicht groß in den Prozess einzuführen, um eine Einigung zwischen Kammer und Anwälten nicht unnötig zu erschweren. Dass die Verteidigung des Mediziners nun das Gegenteil tut, legt nahe, dass sie kaum eine andere Chance sieht, um im laufenden Prozess ein milderes Urteil zu erstreiten. 

Insgesamt werden Schmidt 26 Taten im Zusammenhang mit Eigenblutdoping von gut zwei Dutzend vornehmlich Rad- und Wintersportlern zur Last gelegt. Bei einer Verurteilung drohen ihm zwischen viereinhalb und fünfeinhalb Jahre Gefängnis. Seit Februar 2019 sitzt er in Untersuchungshaft, aktuell in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Dort, in seiner sieben Quadratmeter großen Zelle, habe er viel Zeit zum Nachdenken gehabt, berichtete der Mediziner am Dienstag.

Schmidt spricht von Wiedergutmachung

Und so nutzte Schmidt den 20. Verhandlungstag, um dem Gericht noch einmal seine Sicht der Dinge zu erläutern; sprach mit rauer Stimme davon, dass es ihm nie darum gegangen sei, Athleten blind irgendwelche Mittel zur Leistungssteigerung zu verabreichen. »Auch wenn ich gerne immer als Dr. Frankenstein dargestellt werde.«

»Computerhacker arbeiten ja auch für Sicherheitsbehörden«

Mark Schmidt über eine mögliche Wiedergutmachung

Eigenblutdoping sei bei richtiger Anwendung weitgehend risikofrei, weil man mit einer körpereigenen Substanz arbeite, ließ der Arzt wissen. Andere Präparate zur Leistungssteigerung habe er zwar auf Nachfrage besorgt, aber nicht ohne vorher das Internet auf Nebenwirkungen hin zu durchforsten. Und beim Thema Gendoping habe er eine klare Grenze gezogen. »Da bin ich nicht mitgegangen.«

Dopingexperte Wolfgang Jelkmann, der als Sachverständiger für den Prozess geladen ist, hielt den Ausführungen Schmidts energisch entgegen. Eine Bluttransfusion sei »keine triviale Sache«, sagte er und warnte vor starken Nebenwirkungen wie Immunreaktion oder einer bakteriellen Infektion. Ein Blutgruppentest sei vor jeder Reinfusion zwingend nötig, um eine Verwechselung des Blutes auszuschließen. »Andernfalls könnte es für den Patienten lebensgefährlich werden.«

Dann sprach Schmidt noch von seiner Zukunft – und von Wiedergutmachung. Dass der Erfurter Sport nur noch mit dem Dopingskandal in Verbindung gebracht werde, schmerze ihn. Deshalb könne er sich gut vorstellen, nach seiner Haft Aufklärungsarbeit zum Thema Doping zu leisten. Auch über eine Kooperation mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada habe er nachgedacht. »Keine Ahnung, was da möglich ist, aber Computerhacker arbeiten ja auch für Sicherheitsbehörden.«

Urteil womöglich schon Mitte Januar

Schmidts freimütige Einlassungen kommen nicht von ungefähr. Weil sich mehrere Zeugen weigerten, in München auszusagen, entschied das Gericht vergangene Woche, das Verfahren abzukürzen – ein Urteil könnte schon am 15. Januar fallen. Auf weitere entlastende Zeugenaussagen, etwa von früheren Kunden, kann er damit nicht mehr hoffen. Auch deshalb war Schmidt am Dienstag wohl besonders auskunftsfreudig.

Wie die Vorsitzende Richterin die Rüge seiner Verteidiger bewertet, dazu müsse sie innerhalb der Kammer erst beraten, sagte sie. Schmidts Anwalt Goldstein sagt: »Wir sind sicher, dass das Gericht unseren Antrag in die Strafbemessung mit einfließen lassen muss.«

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