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Fußball Pannen im Sumpf

Korruption und Schlampereien bei den Bauarbeiten für die Weltmeisterschaft in Italien: Zwölf Menschen kamen bislang zu Tode.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Wie ein Halm im Wind knickte der 37 Meter hohe Stahlträger und krachte, indem er zwei weitere Pfeiler mit sich riß, auf die Tribüne des Fußballstadions von Palermo. Unter zwölf Tonnen Stahl begraben, starben fünf Arbeiter, die Ende August damit beschäftigt gewesen waren, ein Dach zu setzen.

Erst am Vortag hatte der Generalmanager des italienischen Organisationskomitees für die Weltmeisterschaften im nächsten Sommer, Luca Cordero di Montezemolo, die Männer gemahnt. Das sehe zwar alles sehr schön aus, so der Funktionär anläßlich einer Inspektion, an der sich auch eine Abordnung des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) beteiligte, aber: »Haltet mir bloß die Termine ein.«

Das wird kaum möglich sein, nachdem während der Trauerfeierlichkeiten auch noch die restlichen sieben Pfeiler in sich zusammenstürzten.

Was in der sizilianischen Hauptstadt geschah, war nicht der erste schwere Unfall im Vorfeld der »Mondiale«. Neun Monate vor Beginn des großen Spektakels haben die Bauarbeiten bereits zwölf Todesopfer gefordert. Handwerker fielen von wacklig aufgestellten Gerüsten oder wurden von Kränen erschlagen - in einem Falle wehte ein heftiger Windstoß Installateure von ihren hochgelegenen Montageplätzen.

Die Kollegen, klagte nach der Katastrophe von Palermo die Baugewerkschaft, schufteten »unter unerträglichen Bedingungen« bei »praktisch nicht vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen«.

Wesentlich trägt die Unsitte dazu bei, daß Baulöwen die lukrativen Aufträge häufig an zwielichtige Kleinfirmen »untervermieten«, die sich um ihre Belegschaftsmitglieder kaum kümmern. Reichlich Schmiergeld fließt bei den Geschäften, und nicht selten wirkt im Hintergrund das organisierte Verbrechen mit. Hinzu kommt das nach Ansicht der Gewerkschaft »völlig unverantwortliche Tempo«, mit dem an den meisten der Sportstätten aufgrund enormer Terminverzögerungen gewerkelt wird.

Als 1984 die Entscheidung gefallen war, die Weltmeisterschaft an Italien zu vergeben, berauschte sich das Land an der Aussicht, groß herauszukommen. Ohne Bedenken wurden die 52 Spiele immerhin auf zwölf Austragungsorte verteilt. Aus dem Steuersäckel bewilligte die fast bankrotte Regierung eine halbe Billion Lire - etwa 700 Millionen Mark - für Bau- und Sanierungsmaßnahmen. Ein »Italien am Vorabend des Jahres 2000« versprach Luca di Montezemolo der Weltöffentlichkeit.

An dem Organisationskomitee wurden acht der wichtigsten Konzerne und Großunternehmen Italiens beteiligt - von Fiat bis Olivetti, die als Sponsoren nicht nur Geld und Material, sondern auch hochqualifizierte Manager zur Verfügung stellen. Doch auch die konnten nicht verhindern, daß sich in den Sümpfen von Kommunalpolitik und Kommerz die Pannen häuften.

So bekam Genua das erste »Stadion für Blinde«. Ein Planungsfehler bewirkte, daß man von einem guten Drittel der Plätze die Spielfläche nicht sehen kann. Jetzt mußte der Rasen um einen Meter angehoben werden.

In Rom, wo das 36 Jahre alte Olympiastadion für das Endspiel renoviert wird, erhielt eine Firma den Zuschlag, in deren Gutachten behauptet wurde, die Tribünen seien stark genug, ein Dach zu tragen. Inzwischen weiß man es besser; seither ermittelt der Staatsanwalt gegen die Firma. In Florenz gerieten die Arbeiten für die WM derart in Rückstand, daß sich in der Stadt die Stimmen mehren, auf die Ehre der Teilnahme ganz zu verzichten.

Auch der Bau von Turins neuer Arena liegt weit hinter der Planung zurück. Der Grund dafür ist ein langanhaltender Krach zwischen der Firma Aqua Marcia und der Stadt. Dem Unternehmen war versprochen worden, zum Baupreis - 60 Milliarden Lire - für 30 Jahre die Werbeeinahmen des Stadions kassieren zu dürfen. »Vergessen« hatte die Kommune dabei, daß die Reklameerlöse aus allen WM-Spielen dem Internationalen Fußballverband gehören.

Die Fifa-Inspektoren zeigten sich denn auch entzückt, als sie kürzlich die Turiner Baustelle besichtigten. »Exemplarisch für andere Städte Europas und der Welt« nannte Vizepräsident Hermann Neuberger überschwenglich das Areal. Einen derartigen Eindruck könne der Deutsche wohl nur »beim Überflug mit dem Helikopter gewonnen haben, von ganz weit oben«, spottete ein etwas nüchterner denkendes Mitglied der Bautruppe.

Mag sein, daß die meisten Sportstätten am Ende dennoch rechtzeitig fertig werden - schwer dürfte nur fallen, sie auch zu erreichen. In sieben der zwölf Austragungsorte gelten die Verkehrsverbindungen mittlerweile als »ungenügend bis äußerst schlecht«. In Rom standen den Planern so plötzlich 62 Rindviecher im Weg, die zu einer kleinen Milchfarm gehörten und den Ausbau einer wichtigen Zufahrtsstraße blockierten.

Ein Handicap, das ebenso übersehen worden war wie ein Hochleistungskabel von 57 Kilowatt, das erst beim Ausheben einer neuen Trasse entdeckt wurde. Ein drittes Straßenbauprojekt mußte schließlich ganz gestoppt werden, als die Bulldozer auf Steine der antiken Via Flaminia stießen, deren Verlauf seit über 2000 Jahren eigentlich bekannt ist.

Für Journalisten entsteht in Rom ein supermodernes Kommunikationszentrum, aber das liegt knapp zehn Kilometer vom Olympiastadion entfernt. Die geplante Schnellstraße ließ sich nicht realisieren - also werden sich die Berichterstatter per Bus oder Taxi durch den Verkehr quälen müssen.

Ärgerlich auch, daß die eh schon schwer strapazierte Umwelt Italiens weiter belastet wird. Im Januar stellte die Regierung per Dekret 4,4 Milliarden Mark zur »Verbesserung der Infrastruktur« zur Verfügung. Über die Vergabe des Geldsegens beschließt ein technisches Komitee, dessen Entscheidungen die Bebauungspläne der Gemeinden außer Kraft setzen - eine Art Notstandsgesetz für die WM.

Zwar besitzen das Umweltministerium und das Ministerium für Kulturgüter ein Vetorecht. Aber unter dem Zeitdruck, der sich inzwischen ergeben hat, sind die beiden Ressorts schwerlich in der Lage, all jene windigen Projekte auch nur zu prüfen, die Italiens Bauspekulanten flugs entwarfen und dem Auswahlkomitee vorlegten. Viele haben mit der WM nicht das Geringste zu tun - Golfplätze, Hotels oder Schwimmbäder in Gegenden, in denen nicht mal ein Trainingsspiel stattfindet.

»Hier steht die letzte Plünderung der italienischen Städte bevor«, orakelt der Nestor der italienischen Urbanistik, Bruno Zevi. Einen »Haufen moderner Ruinen« werde die Weltmeisterschaft hinterlassen; »Sammelplätze des Verfalls und der Tristesse«.

Etliche dieser zweifelhaften Bauvorhaben sind durch den Protest der Umweltschützer wohl gestoppt worden, aber das ist sicher nur die kleinere Zahl. »Die WM wird von unserer Regierung wie ein nationaler Notstand behandelt, wie ein Erdbeben oder eine Überschwemmung«, kritisiert Antonio Cederna, Präsident der Denkmalschutz-Organisation »Italia Nostra«.

Bei der Fülle der lancierten Projekte haben auch die engagiertesten Umweltkämpfer Italiens inzwischen die Übersicht verloren, was sie verhindern konnten und was am Ende doch gebaut wird. Bruno Zevi jedenfalls weiß: »Schlichtweg alles, was in diesem Zusammenhang unterbleibt, ist ein Gewinn für die Städte, die von diesem WM-Wahnsinn heimgesucht werden.«

Nach den ersten Untersuchungen über die Katastrophe von Palermo weiß man inzwischen, daß bei der Aufstellung der Träger die Stahlseile »vergessen« wurden, die sie halten sollten. War es Sabotage? Rächte sich die Mafia dafür, daß der als solide bekannte Bürgermeister Leoluca Orlando die Aufträge nicht (wie bisher in Palermo üblich) an einheimische Baulöwen mit Verbindung zur Unterwelt vergab?

Hartnäckig hält sich die These, die bereits am Unglückstag unter den Arbeitern kursierte: Die Pfeiler seien nur provisorisch aufgestellt worden, um vor der Fifa-Delegation »bella figura« zu machen.

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