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GLEICHBERECHTIGUNG Paragrafen und Pailletten

Ein Amerikaner will bei Olympia im Synchronschwimmen antreten. Er darf nicht, weil er das falsche Geschlecht hat.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Der junge Mann trägt Badelatschen und tiefe Trauer. Er sitzt auf dem Podium des »Weyerhaeuser Aquatic Center« in Seattle und weint leise.

Vor wenigen Minuten noch ist er seinem Beruf nachgegangen, wobei er jenes Glücksgrinsen in sein Gesicht gezaubert hat, das aussieht, als sei es festgefroren. Er muss so gucken, sein Job verlangt das von ihm: Er grinst, wenn er sich zu Wasser lässt, und wenig später sieht man nur noch seine Arme, die sich um sich selber drehen. Dann taucht, flink wie beim Eisvogel, der Kopf ins Wasser, und in die Höhe schießen seine Beine. Sie zeigen eine Grätsche, zucken durch die Luft, als habe jemand einen Haartrockner ins Becken geworfen, aber irgendwann taucht er immer wieder auf. Natürlich grinst er. Und sein Publikum schmilzt dahin, weil der Vortrag wieder mal hinreißend war.

So ist es auch an diesem Tag gewesen, aber dann wurde es ungemütlich am Bassin. Die Menschen stießen Buhrufe durch die Halle, und Bill May schluchzte, den Rotz noch nicht getrocknet: »Das alles ist sehr entmutigend.«

Soeben war über das Hallenmikrofon verkündet wurden, dass May, 20, nicht an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney teilnehmen darf. Stattdessen werden nun ausschließlich Frauen für die USA jenen Sport vertreten, den May so formvollendet zur Aufführung bringen kann: Synchronschwimmen.

Der Entscheid ist unumstößlich und tritt in den Vereinigten Staaten - einem Land, in dem das Gezappel unter Wasser hohe Wertschätzung genießt - eine erregte Diskussion über kastrierte Männerrechte los. Zwar dürfen die Herren in dieser Disziplin, die 1984 in Los Angeles olympisch wurde, seit fünf Jahren grundsätzlich mittun - bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen allerdings wollen die Sportgremien dann doch lieber nur Frauen ins Ballettbecken einlassen.

Mays Jünger sind darob auf der Zinne, zumal die Emanzipationsbewegung im Sport bisher nur einspurig vollzogen wurde: Frauen dürfen boxen, Gewichte heben und im Schlamm catchen.

Im Fall von Bill May ist es sogar so, dass er von seiner Begabung her beim olympischen Wettbewerb glatt das Funkenmariechen geben könnte.

Er ist Mitglied der amerikanischen Nationalmannschaft, gewann 1998 bei den »Goodwill-Games« mit der Kollegin Kristina Lum die Silbermedaille im Duett und stieg bei den Swiss Open in den letzten drei Jahren sogar als Bester in der Einzelkonkurrenz aus dem Becken. Deutschen Wassersportfreunden ist er seit März dieses Jahres unvergessen, als er mit seiner Riege, den »Santa Clara Aquamaids«, den Titel bei den German Open in Bonn holte. »Seine Beine sind für diesen Sport perfekt geformt«, weiß seitdem auch Peter Purps vom Deutschen Schwimm-Verband.

Dafür hat der zarte Bill auch einiges getan. Als er zehn Jahre alt war, beobachtete er seine Schwester beim seltenen Treiben unter Wasser; seitdem stand für ihn fest: »Ich will das auch machen.« Seit drei Jahren übt er mit den Maids täglich vier Stunden, und selbst in der Damenumkleide fühlt er sich längst zu Hause. »Anfangs war es seltsam«, weiß May noch, »aber inzwischen sind wir eine Familie.«

Vor allem die körperlichen Voraussetzungen waren ihm behilflich: Wegen seiner langen Gliedmaßen hat der Amerikaner eine bessere Hebelwirkung als die Kolleginnen, und das größere Lungenvolumen erlaubt ihm ein paar kunstvolle Sperenzchen mehr, wenn er die Luft anhalten muss.

Allein auf dem weiten Feld der Kosmetik wirkt Bill May noch etwas gehemmt. Zwar trägt auch er raffiniert geschnittene Bademode mit Gold, Pailletten oder Perlen, wie sie in dieser Disziplin gern gesehen wird. Doch sein Haar ist kurz geschnitten, weil er vor der gemeinhin gebräuchlichen Gelatine auf dem Kopf zurückschreckt. May gestattet sich allenfalls jene kleinen Nasenklammern, mit denen die Damen zuweilen den Kopf in die Tiefe lassen.

Gut möglich, dass ihm die Zähren vom Weyerhaeuser Aquatic Center am Ende nicht ganz umsonst über die Wange flossen. Es besteht neuerdings die Hoffnung, dass Bill May in Sydney zumindest als Vorschwimmer eintauchen darf.

»Bevor ich aufhöre, muss sich etwas ändern«, findet der Männerrechtler jetzt. Die Damen vom Fach sehen das ganz genauso und haben den Kampf für die Rechte eines Zurückgesetzten aufgenommen. Esther Williams, seit ihren Hollywood-Revuefilmen der vierziger Jahre so etwas wie die Königin Mutter des parallelen Plantschens, tritt vehement für ein generelles Geschlechtergemisch unter Wasser ein. Und eine Kollegin aus Mays Sportgruppe ahnt: »Wenn er sich nicht unterkriegen lässt, dann ist er irgendwann ein Held.« MAIK GROSSEKATHÖFER

Maik Grossekathöfer
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