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SEGELN Patriotische Zeit

Im Kamp um den America's Cup bieten die Segel-Nationen USA, Australien und Großbritannien neueste Technik und weit mehr als 100 Millionen Dollar Sponsorengeld auf. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Stacheldrahtverhaue schützen seit September ein Dutzend geheimnisvoller Schuppen in der Gegend von Fremantle, dem Hafen der westaustralischen Stadt Perth. Bewaffnete Patrouillen umkreisen die Quartiere der zwölf Männergruppen aus sieben Nationen rund um die Uhr; Schleusen versperren Froschmännern den Zugang von der Seeseite her.

»Jedes Syndikat hat eine Art Spionage-Abwehr«, verriet David Arnold, Chef im sorgfältig abgeschirmten britischen Gebäude, »und eine eigene Spionage-Organisation.« Das Agentenspiel zu Lande und zu Wasser gilt den Neubau-Jachten, die vom 5. Oktober an um das Recht kämpfen, den australischen Titelverteidiger um den America's Cup herauszufordern.

Niemals zuvor haben Nationen höheren technischen und finanziellen Aufwand für einen einzigen Sportwettkampf

betrieben (SPIEGEL 36/1986). Die sechs teilnehmenden US-Teams und ihre Sponsoren, in der Fachsprache »Syndikate« genannt, arbeiten mit Budgets bis zu je 15 Millionen Dollar; kaum weniger investierten auch Neuseeland, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien und Australien.

»Das Spiel heißt Prestige«, schrieb die »Financial Times« über das Motiv, das eine neunstellige Dollarsumme und das technische Know-how der wichtigsten seefahrenden Völker mobilisierte. Millionen Angloamerikaner halten für ausgemacht, daß die Nation mit der siegreichen Zwölf-Meter-Jacht im America's Cup auch an der Spitze des technologischen Fortschritts segelt.

Nach dem Sieg soll das große Verdienen beginnen. Eine Studie errechnete, daß allein in Kalifornien aus Werbung, Tourismus und Medien-Aufwand insgesamt eine Milliarde Dollar über den America's Cup herauszuholen wäre - falls eines der kalifornischen Boote gewinnt und den Pokal 1991 vor der amerikanischen Westküste verteidigt.

Eine Umfrage in den USA ergab kürzlich, daß nur zwölf Prozent sich an den Sieger der »Super Bowl« 1983, die Meisterschaft im Nationalsport American Football, erinnerten. Aber 80 Prozent wußten, daß Australien den USA 1983 den America's Cup abgejagt hatte.

Seit das erste US-Schiff 1851 vor der Isle of Wight die von Queen Victoria ausgesetzte Silberkanne - spöttisch oft mit Aladins Wunderlampe verglichen - gewonnen hatte, schienen amerikanische Siege fast eine Selbstverständlichkeit. Schon damals bei der ersten Regatta kreuzte der kohlrabenschwarze Schoner »America« lange vor den 17 schnellsten Briten-Booten auf. Als die Queen fragte: »Wer ist Zweiter?«, mußte sie erfahren: »Es ist kein Zweiter in Sicht.«

Seither trägt der Cup den Namen der America«, seit damals trachteten Briten, Franzosen. Italiener und Australier vergebens, aber mit allen Mitteln, den Pokal zu erobern. Doch der Pokal blieb 132 Jahre in New York; der New York Yacht Club hielt US-Siege für so selbstverständlich, daß er die Trophäe auf einem Eichentisch festschraubte.

1983 vor Newport geschah das Unfaßbare doch: Die »Australia II« segelte der amerikanischen »Liberty« bei der siebten, entscheidenden Wettfahrt zum 4:3-Triumph um 41 Sekunden davon. Der Flügel-Kiel der Siegerjacht, eine aufsehenerregende Neukonstruktion, hatte offenbar den Ausschlag gegeben.

Der Unglücks-Skipper der »Liberty« hieß Dennis Conner. Halb Amerika bedauerte ihn, die andere Hälfte verdammte ihn als Versager. »Ich hatte die Wahl, mich zu Hause in den Sessel zu setzen«, sagte Conner nach der Niederlage, »oder die Herausforderung anzunehmen.« Er entschloß sich, Revanche vorzubereiten.

»Ich werde die beste Crew und die besten Segel auftreiben«, versprach er. »Und ich habe die meiste Erfahrung.« Denn vor der bitteren Niederlage hatte Conner, 44, den Cup zweimal für Amerika gewonnen. Von allen Skippern, die sich um das Herausforderungsrecht bewerben, hat er als einziger Cup-Jachten durch die Regatta gesteuert.

Vor allem mußte Conner jedoch gut zehn Millionen Dollar auftreiben. Er gewann Hotels als Sponsoren, den Autokonzern Ford und einige hundert Minimäzene. Auch die Mickymaus- und Donald-Duck-Firma Walt Disney Productions setzt auf ihn. Die Flugzeugfirma Boeing und Nasa-Mitarbeiter tüftelten ein neues Jacht-Design aus, von dem drei identische Exemplare unter dem Namen »Stars & Stripes« gebaut wurden. In der Kabine, behauptet der Küstenschnack, halte ein Computer Verbindung mit der Nasa auf dem Festland.

Conner zog mit seiner Flottille und 30 Seglern in einen abgelegenen Winkel Hawais. Dort trainierte er unter ähnlichen Wetter- und Wasserbedingungen, wie sie vor Perth herrschen. Warren Jones, der Manager der australischen Titelverteidiger, schätzt Conner als 3:1-Favoriten unter den Herausforderern ein.

Aber die Konkurrenz fand ähnlich potente Sponsoren und baute ebenso hochgezüchtete Jachten. Das Haushaltswaren-Unternehmen Amway begründete sein Ein-Millionen-Dollar-Engagement beim »America II«-Syndikat mit der Chance, »unseren Namen dem Publikum ganz vorn zu präsentieren - in einer patriotischen Zeit«. Auch Cadillac ließ eine Dollar-Million springen.

Von den Cup-Rennen wird den Fans in den USA keine Wende entgehen. Der TV-Riese CBS hat schon 17 TV-Spots verkauft und der Sport-Kanal ESPN genügend Sponsoren gefunden, die eine Live-Übertragung ermöglichen - Australiens Luftlinie Qantas, die Hotelkette Hilton, Anheuser-Busch-Bier.

Dann wird sich das Geheimnis um den Titelverteidiger lüften: Die »Australia IV« lief erst im August abgeschirmt und fast verstohlen vom Stapel. Vor und nach dem Training ankert sie irgendwo 16 Seemeilen vor der westaustralischen Küste - nicht auszumachen für die Fernrohre der Konkurrenz.

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