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LEICHTATHLETIK / EUROPAPOKAL Pille im Tee

aus DER SPIEGEL 40/1967

Sie flogen nach Amerika und trampten durch Ostasien. Geschwächt und krank kehrten die erfolgreichsten Leichtathleten der Bundesrepublik aus Indien zurück. Sie verpaßten den wertvollsten Sieg des Jahres: den Europapokal für Nationalmannschaften.

»Der westdeutschen Mannschaft fehlte nur sehr wenig zu einem legitimen Sieg«, schrieb die Pariser »Le Monde« nach dem Endkampf um den 35 Zentimeter hohen Goldbecher (Neuwert: 4500 Mark) am vorletzten Wochenende in Kiew. Die Sowjet-Union hatte mit dem knappestmöglichen Vorsprung vor der DDR und der Bundesrepublik gesiegt (81 zu 80 Punkte).

Die DDR-Leichtathleten hatten sich während der ganzen Saison auf den Prestigekampf gegen die Bundes-Nachbarn gerüstet. Ihre besten Athleten dosierten das Training so, daß sie im September die Höchstform erreichten. Bei ihren Meisterschaften Ende Juli zeigten sie noch mittelmäßige Leistungen. Die internationale Konkurrenz ließ sich bluffen. Im August bezog die ostdeutsche Athleten-Elite ein Trainingslager.

Dagegen verzettelten die besten Athleten der Bundesrepublik ihre Kräfte. Vor dem Pokalkampf legten sie in fünf Wochen 50 000 Flugkilometer zurück. Ihren gewohnten Rhythmus mußten sie Zeitunterschieden von sechs und neun Stunden anpassen.

Vier Tage nach den Meisterschaften Anfang August starteten sie in Montreal mit der Europa-Mannschaft gegen Amerika. Eine Woche darauf kämpften sie hi Düsseldorf gegen die USA, das beste Team der Welt. Acht Tage später flogen sie zu den Studenten-Weltmeisterschaften nach Tokio.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) konnte seinen Studenten-Athleten nicht wie die DDR die verlockendste Reise des Sportjahres verbieten. »Ich hätte lieber auf Kiew als auf Asien verzichtet«, bekundete der 800-Meter-Europarekordler Franz-Josef Kemper.

Doch der DLV rechnete damit, daß die Funktionäre des Hochschul-Sportverbandes (ADH) die Athleten auf der kürzeren Polarroute unverzüglich zurückschaffen würden. Der ADH hatte für seine Asien-Expedition auch aus Bonn Subventionen kassiert und war deshalb eigentlich an die halbstaatliche Lufthansa gebunden, die Tokio über den Pol anfliegt.

Die findigen ADH-Funktionäre buchten bei der Air India, die ihnen zusätzliche Freiplätze zubilligte. So reisten mit 53 Sportlern auch 13 Begleiter kostenlos über Neu-Delhi, Bangkok und Hongkong in den Fernen Osten. Auf dieser Route flogen die Sportler auch zurück. Denn einige. ADH-Reisende planten noch einen Indien-Trip.

Erst vier Tage bevor die bundesdeutsche Mannschaft in einer gecharterten TU-114 der sowjetischen Aeroflot (Kosten: 92 880 Mark) nach Kiew startete, waren sieben ihrer Stars aus Asien zurückgekehrt. Der Langstreckenläufer Lutz Philipp hatte seine Form verloren und wurde ersetzt. Der schnellste deutsche 400-Meter-Läufer, Ingo Röper, hatte sich verletzt und startete nicht. Eine Salmonellen-Vergiftung schwächte die beste Diskuswerferin der Welt, Liesel Westermann, und den Dreispringer Michael Sauer.

»Eine Woche Durchfall kostet 20 Zentimeter«, klagte Sauer. Keiner der Tournee-Stars siegte in Kiew. »Das passiert nie wieder«, schwor DLV-Präsident Dr. Max Danz.

Schließlich entschied ein einzelner DDR-Star den Cup-Kampf: der Erfurter 800-Meter-Läufer Manfred Matuschewski, 28. Der Olympia-Sechste von 1960 und Europameister von 1962 hatte bei den Olympischen Spielen 1964 versagt und war im Mittelmaß untergetaucht. 1966 überraschte er mit einer Weltklasse-Leistung: Er besiegte im Endlauf der Europameisterschaften den westdeutschen Favoriten Kemper.

Im Frühjahr 1967 scheiterte Matuschewski wieder an zweitklassigen Gegnern. Deshalb wollten ihn die Funktionäre nicht für den Europapokal aufstellen. Wochenlang trainierte der Abgeordnete des Erfurter Bezirkstages für sich. Dann stimmte er die Trainer durch einen Härtetest um. »Ich habe noch nie so geschuftet«, stöhnte er in Kiew.

Erst als der Stadionlautsprecher Matuschewski vor dem Start ankündigte, erfuhren die Westdeutschen, daß er auch gegen den Berliner Europameister und Studenten-Weltmeister Bodo Tümmler im 1500-Meter-Lauf antreten würde. Er siegte im Spurt.

Am nächsten Tag kämpfte er den sichersten bundesdeutschen Favoriten Kemper im 800-Meter-Rennen um eine Handbreite nieder. Ohne Matuschewskis Siege hätte die Bundes-Equipe den Pokal gewonnen. Seine Erfolge gegen die Tokio-Reisenden Tümmler und Kemper verhalfen der DDR zu vier Einzelsiegen und somit zum zweiten Platz vor den Westdeutschen (zwei Siege).

»Matuschewski hatte eine schnelle Pille im Tee«, argwöhnten westdeutsche Trainer und Offizielle. Aber die erste Doping-Untersuchung in der Geschichte der Leichtathletik nahmen sowjetische Ärzte an dem bundesdeutschen Hindernisläufer Manfred Letzerich vor. Er hatte unerwartet seinen DDR-Rivalen Hartmann besiegt, war aber hinter dem Ziel gestürzt.

Geistesgegenwärtig füllte Letzerich zwei Urin-Fläschchen. Die zweite Probe händigte er zur Kontrolle dem Mannschafts-Arzt aus. »Die Ärzte fanden eindeutige Spuren von Doping«, frohlockte das Ost-Berliner »Sportecho« voreilig. Tatsächlich ergab der Test einen erhöhten Eiweiß-Spiegel von 2,8 Promille im Blut. Bei Langstrecklern, so hat der sowjetische Sportmediziner Krestownikow jedoch erforscht, steigt der Eiweiß-Anteil bei besonderer Belastung bis auf 7,0 Promille.

Für die bundesdeutschen Athleten sind die Belastungen dieser Saison freilich keineswegs beendet. Am letzten Wochenende starteten sie schon wieder in London gegen Großbritannien. Und im Oktober fliegen Gruppen nach Mexiko und Südamerika.

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