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PREISRICHTER Pistole her

aus DER SPIEGEL 6/1964

Wütend hockten Hunderttausende in der Bundesrepublik am Mittwochabend vergangener Woche vor ihren Mattscheiben. Der Zorn des Fernsehvolks galt einer Frau: Susan Francis -Morrow, 33, aus Kanada, Preisrichterin mit der Nummer 4 beim olympischen Eiskunstpaarlauf auf der Eisbahn von Innsbruck.

»Schicken Sie mir eine Pistole, damit ich die Kanadierin schnellstens abschießen kann«, verlangte telegraphisch ein wütender Bundesbürger von dem österreichischen Schiedsrichter Ernst Labin, der die Konkurrenz leitete.

Labin erhielt insgesamt 40 Protesttelegramme, deren deutsche Absender mehr oder minder deftig formulierten, was deutsche Zuschauer schon am Rande der Eisbahn in Sprechchören hinausgebrüllt hatten: »Nummer 4 - 'raus!«

Deutsche von nah und fern protestierten gegen die Preisrichterin aus Toronto, weil sie glaubten, daß Deutschlands Weltmeisterpaar Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler nur durch die von der Kanadierin erteilten ungewöhnlich niedrigen Wertnoten nicht die erhoffte Goldmedaille gewann, sondern sich hinter dem Russenpaar Ludmilla Belousowa und Oleg Protopopow mit einer Silberplakette begnügen mußte.

Dieser Vorwurf traf die Kanadierin zu Unrecht. Die Fachkritiker waren sich einig, daß die deutschen Weltmeister verdientermaßen verloren hatten. Labin: »Sogar Bäumler gab zu, daß er und Marika Kilius zu sehr auf Sicherheit liefen.«

Berechtigt war dagegen der Vorwurf, die kanadische Preisrichterin habe insgesamt auffällig niedrigere Zensuren als die übrigen Preisrichter erteilt, hingegen die Darbietung des kanadischen Paars Debbie Wilkes und Guy Revell ungerechtfertigt hoch - auf den zweiten Platz - eingestuft. Dadurch hatte sie ihren Landsleuten die Bronzemedaille quasi zugeschanzt.

»Aber, Herrgott, hat die Frau Mut: als sie dastand mit ihren Täfelchen, muß ihr ähnlich gewesen sein wie Jeanne d'Arc auf den Holzscheiten oder Valentina Tereschkowa im Raumanzug, wenngleich auch in der falschen moralischen Kategorie«, schrieb die »Welt« über den Zwischenfall. »Sie hatte ihre Landsleute höher bewertet als die Deutschen, nur winzig niedriger als die Russen, und das merkten auch alle, die nicht mitgerechnet hatten. Tausende waren bereit, der adretten Blondine die härtesten Gegenstände an den Kopf zu werfen.«

»Wie Sie das kanadische Paar auf den zweiten Platz setzen konnten, werden Sie mir erklären müssen«, verlangte Schiedsrichter Labin von der Preisrichterin. Ihre Antwort: »Da habe ich meine Gründe. Ich war selbst Eisläuferin.«

Schiedsrichter Labin will bei der Internationalen Eislauf-Vereinigung die Disqualifikation der Doktorin Susan Francis-Morrow (Beruf: Tierärztin) durchsetzen - eine Strafe, die allerdings schon auffallend häufig speziell gegen kanadische Preisrichter verhängt werden mußte.

Das Delikt war stets das gleiche wie im Falle der Susan Francis-Morrow: Die Preisrichter drückten die Noten der Konkurrenz zugunsten ihrer Favoriten. Und sie nahmen dabei in Kauf, daß sie nach vollbrachter Tat aus dem Preisrichterkollegium hinausgeworfen wurden.

So mußten allein in den letzten beiden Jahren zwei kanadische Preisrichter, Gregory und Rodgers, wegen derartiger Vorwürfe das Zensieren von Figuren auf dem Eis einstellen.

Doch gingen die beiden Sünder dem Eissport nicht verloren. Sie wurden Ausbilder des kanadischen und amerikanischen Preisrichternachwuchses. Ihre begabteste Schülerin: Susan Francis-Morrow.

Preisrichterin Susan Francis-Morrow

Nur eine Note brachte die Medaille

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