Zur Ausgabe
Artikel 76 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FUSSBALL Planet Schalke

Von kommender Woche an spielt der FC Schalke 04 in seinem eigenen Tempel. 358 Millionen Mark hat das modernste Stadion Europas gekostet. Doch das privat finanzierte Investment ist riskant. Lässt sich die Arena kostendeckend vermarkten?
aus DER SPIEGEL 32/2001

Alles wird anders in der Arena »Auf Schalke«. Wenn es regnet, schließt sich das Dach. Wenn der Rasen Luft und Licht braucht, wird er aus dem Stadion expediert. Und wenn der Fan Hunger auf eine Bratwurst hat, zahlt er 2,1 Knappen - ein Knappe sind zwei Mark.

Dass im Wirtschaftsraum Schalke eine eigene Währung gilt, hat Symbolkraft. Denn der raumschiffähnliche Fußballtempel, der neben dem maroden Parkstadion wirkt, als sei er geradewegs aus einer fremden Galaxie gelandet, ist Europas kommerziell ausgekochteste Spielstätte.

Niemals zuvor hat ein Bundesligaclub eine neue Arena derart konsequent auf seine wirtschaftlichen Bedürfnisse zugeschnitten. So führt der FC Schalke 04 im Angebot künftig 72 Logen (Mietpreis pro Jahr zwischen 93 000 und 144 000 Mark) und 1400 so genannte Business-Seats zu jeweils 6000 bis 9000 Mark - und fast alle dieser Luxusplätze sind für die kommenden fünf Jahre bereits verkauft.

Andererseits ist der ökonomische Kraftakt beispiellos, mit dem der Verein seine Expansion stemmen will. Denn im Gegensatz zu bisher in Deutschland errichteten Fußballstadien ist die 358 Millionen Mark teure Immobilie - von einer stillen Einlage der Stadt Gelsenkirchen in Höhe von 9,5 Millionen Mark abgesehen - vollständig privat finanziert.

Dass sich der frühere Skandalclub zum Trendsetter aufschwingen würde, überraschte die Branche - zu Beginn der neunziger Jahre stand der FC Schalke noch vor dem Ruin. Doch während etwa in München Endlosdebatten die Renovierung des Olympiastadions lähmten und auch ein Neubau umstritten ist, bastelte der Vizemeister der vorigen Saison tatkräftig an seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Selbst das aufgepeppte Hamburger Volksparkstadion, bis vor kurzem noch als der letzte Schick gepriesen, erscheint nun mickrig angesichts des Planeten Schalke.

Die Bauherren am Berger Feld planten kühn. Als müsse bei Regen nur kurz der Gartenschirm aufgespannt werden, lässt sich das monströse Dach innerhalb von 30 Minuten schließen. Eine andere Raffinesse benötigt etwas mehr Zeit: Sechs Stunden dauert es, dann ist der Rasen, der in einer 11 000 Tonnen schweren und 118 mal 79 Meter großen Betonwanne eingesät wurde, auf Schienen unter der Südtribüne hindurch ins Freie gefahren - was von oben betrachtet aussieht, als strecke das Stadion seine Zunge heraus. Selbst der Getränkenachschub wird in der Arena auf Hightech-Wegen gesichert: Das Bier strömt in neun Kilometer langen Pipelines bis an die Zapfhähne.

Geschickt verhinderten die Macher, dass sich in dem Traditionsverein Widerstände gegen den rasanten Wandel regten. In Zeiten, in denen der Förderturm auf Consol 1/6 abgerissen wurde, für viele das letzte Wahrzeichen der Industrialisierung in Schalke, verpasste der Club seiner neuen Heimstatt keinen Produktnamen - und vermied damit entrüstete Reaktionen wie in Hamburg, wo die Anhänger Sturm laufen gegen eine AOL-Arena. Die Eintrittspreise hat sich der Verein von den Fan-Clubs genehmigen lassen. Manager Rudi Assauer gelobt: »Keiner soll sagen: Dat is nich mehr mein Schalke.«

Gespannt beobachtet die Szene nun, ob die Königsblauen durch ihr Investment auf lange Sicht dem Marktführer Bayern München zu Leibe rücken - oder ob der Verein sich an seinem »Festspielhaus«, wie Assauer das Bauwerk mit viel Pathos in der Kehle nennt, mit Zins und Tilgung verhebt.

Die Lasten sind enorm. Um den 225-Millionen-Mark-Kredit der Hamburgischen Landesbank zu bedienen, muss der FC Schalke 15 Jahre lang je 21 Millionen aufbringen. Weitere 7 Millionen pro Jahr soll die Stadion-Betreibergesellschaft beisteuern, eine Hundert-Prozent-Tochter von Schalke 04, die den multifunktionalen Palast vermarktet.

In den Geschäftsräumen des Bundesligisten herrscht dennoch Gelassenheit vor. Der öffentlich bisher kaum beachtete Mann, der über die Finanzen wacht, sitzt in seinem Büro und referiert wie auf Knopfdruck Zahlenkolonnen. Die Business-Pläne des Vereins, versichert Geschäftsführer Peter Peters, 39, seien »konservativ gerechnet«. So kalkuliere der Club im Zehn-Jahres-Schnitt mit jeweils 17 Bundesligaspielen und nur einer Europapokalpartie. Allein höhere Zuschauereinnahmen, behauptet Peters, »bringen pro Jahr rund 30 Millionen Mark mehr«.

Erlöse aus anderen Fußballmatches wie dem Auftritt der Nationalmannschaft im Oktober gegen Finnland oder dem Champions-League-Finale 2003, für das sich die Arena mit einiger Zuversicht beworben hat, fließen hingegen in die Kassen der Betreibergesellschaft. Für die nächsten fünf Jahre stützt zudem der frühere Trikotsponsor Veltins mit 3,5 Millionen Mark per annum die Ertragslage der Schalke-Tochter - im Gegenzug darf der Bierbrauer mit dem Namen des FC Schalke 04 werben.

Fachleute zweifeln, ob das Mega-Stadion mit gut 52 000 Sitzplätzen, von einem kurzfristigen Veranstaltungsboom nach der Eröffnung abgesehen, als Ort für Events in großem Stil ankommt - und die erwarteten Gewinne abwirft. Wilfried Spronk, Geschäftsführer der Münchner Olympiapark GmbH, bezeichnet die Prognosen als »völlig unrealistisch«.

Die Skepsis scheint begründet. So hat sich das Geschäft mit Rock- und Popkonzerten, Musicals und Reitturnieren für die »Amsterdam Arena« hoch defizitär entwickelt. Das wetterfeste Stadion diente Schalke bei der Konzipierung als ein Vorbild.

Auch hier zu Lande ist der Veranstaltungsmarkt hart umkämpft. Björn Bloching

von der Unternehmensberatung Roland Berger beleuchtete für Borussia Mönchengladbach die Situation mit konkurrierenden Arenen im Ruhrgebiet. Sein Fazit: »Mehrere multifunktionale Großstadien scheinen in Deutschland nur bei regionaler Alleinstellung realisierbar.« Trotz ihrer Monopolstellung, urteilt Bloching, sei die Arena auf Schalke »betriebswirtschaftlich durchaus riskant«.

Einer der Gründe: Weil wegen der TV-Verträge die genauen Spieltage zuweilen nur wenige Wochen im Voraus festgelegt werden und eine Teilnahme von Schalke 04 an der Champions League auch unter der Woche den Freiraum einengt, scheidet die neue Arena im Poker um Großereignisse leicht aus - international tätige Konzertagenturen legen die Tourneen der Popstars mindestens zwei Jahre im Voraus fest.

Wie mühsam die Akquise sein kann, haben auch die Mitarbeiter der Betreibergesellschaft längst bemerkt. Die erste Geschäftsführerin wurde kürzlich geschasst, und was sie bis dahin an Land gezogen hatte, wirkt in der Tat recht dürftig. Neben zwei Konzerten der deutschen Schlager-Combo Pur gilt der Auftritt von Volksmusikanten wie den Wildecker Herzbuben als weiterer Top-Act - Ende September bei der »Wiesn im Revier, bestuhlt mit Biertisch-Garnituren« bei »,Brezn, Bier, Radi und Ochs am Spieß«.

Günter Vornholz indes mahnt zur Geduld. »Nicht jedes Jahr kommt der Boss«, sagt der Diplomvolkswirt von der Nord/LB, ein Anhänger von Bruce Springsteen. Für das norddeutsche Kreditinstitut hat Vornholz kürzlich eine profunde Studie über die Finanzierung von Fußballstadien in Deutschland vorgelegt.

Schalke, glaubt er, weise den Weg. »Denn wenn es dort nicht funktioniert«, raunt der Banker aus Hannover, »dann funktioniert es nirgendwo.« MICHAEL WULZINGER

* Links: mit herausgefahrenem Rasen; rechts: im September 1996in der Amsterdam Arena.

Zur Ausgabe
Artikel 76 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.