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Bundesliga Pleite in Raten

Den Bundesliga-Oberen wachsen die Schwierigkeiten über den Kopf. Das Zuschauer-Defizit nimmt zu; im Skandal drohen weitere Urteile. Deshalb forderten Präsidenten den Schluß der Prozesse.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Endlich fanden Bundesliga-Bosse die Ursache des katastrophalen Zuschauerschwunds: Kindermann ist schuld, der Ankläger im· Bundesliga-Skandal.

Noch immer zappeln große und kleine Fische im Netz der Manipulation, in das sie sich schon in der vorletzten Saison, 1971, verstrickt hatten. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, müßte Hans Kindermann, der Anwalt für Ehrlichkeit im Spielverkehr des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), noch viele Kicker und wenigstens einen Klub -- den Pokalsieger Schalke 04 -- aufs Trockene ziehen.

Allein der überlastete Kindermann geriet mit seinen Prozeßterminen in Verzug und auf den besten Weg ins Abseits der Sympathien von Funktionären und Fans. »Notfalls müssen wir -- das geht ja dem Bundestag in Bonn nicht anders -- mit dem Verdacht der Korruption leben«, stöhnte bei der internen Tagung der Bundesliga-Repräsentanten am vorletzten Wochenende der Präsident eines westdeutschen Bundesliga-Klubs.

Rücksicht auf unausgesprochene Wünsche des DFB kehren die betroffenen Fußballsünder jetzt in Vorwürfe gegen Kindermann um. Seine ersten Anklagen hatte er gegen die Offenbacher Kickers und ihren damaligen Präsidenten. Horst-Gregorio Canellas, gerichtet. Durch dessen Tonband-Protokolle waren die Manipulationen ruchbar geworden. Inzwischen stiegen die Offenbacher Kickers wieder in die Bundesliga auf und kämpften sich zeitweilig auf den zweiten Platz vor.

Kindermanns Klagen führten zu Urteilen gegen Arminia Bielefeld, das ohnehin abgestiegen wäre, gegen 32 schuldige Spieler, sechs Funktionäre und Trainer. Die schwer belastete Mannschaft von Schalke 04 sparte sich Kindermann auf, obwohl er frühzeitig Indizien im Schreibtisch wußte, die bewiesen, daß Schalke für 40 000 Mark ein Punktspiel an Arminia Bielefeld verkauft hatte.

Es traf sich, daß ausgerechnet Schalke die Nachskandal-Saison, das Spieljahr 1971/72 rettete, weil die Mannschaft als einzig ernsthafter Rivale des späteren Meisters Bayern München die Spannung erhielt. Im Pokalwettbewerb siegte Schalke sogar.

Zudem erließ der DFB stillschweigend eine Amnestie: Verurteilte Kicker dürfen im Ausland weiter für Geld spielen, Lothar Ulsaß aus Braunschweig in Österreich, der bei Hertha BSC schuldig gewordene Ungar Zoltan Varga in Schottland. Schalke stieß seinen ebenfalls betroffenen Altstar Reinhard Libuda preisgünstig für 500 000 Mark an Racing Straßburg ab.

Doch mit dem Ende der Spielzeit 1971/72 endete auch die Schonzeit für Schalke. Kindermanns Kontrollausschuß pickte nacheinander sieben Spieler aus der verdächtigten Mannschaft heraus und kündigte weitere Klagen an. »Man stiehlt uns einen Mann nach dem anderen«, schimpfte Schalke-Präsident Günter Siebert. »Wenn der DFB mit Gewalt auch die nächste Saison kaputtmachen will, dann soll er es nur tun.« Siebert drohte für diesen Fall mit einer »Bombe«.

Inzwischen waren Siebert und seine Konkurrenten durch den existenzgefährdenden Zuschauerschwund alarmiert worden. Während der letzten Saison sank der Besucherschnitt pro Spiel auf 17 618. Zur Kostendeckung benötigen die Klubs, von denen wenigstens drei ohnehin durch Millionen-Schulden bedrängt werden, etwa 20 000 zahlende Fans.

Am schlimmsten traf der Rückgang einige tief in den Skandal verwickelte Vereine: Hertha BSC büßte 15 Spieler und drei von sieben Zuschauern ein (394 215 gegenüber 746410 im Spieljahr 1970/71), Rot-Weiß Oberhausen verlor seinen Präsidenten Peter Maaßen auf zwei Jahre und stellte mit durchschnittlich nur 9726 Zuschauern je Spiel einen Minusrekord für die Bundesliga auf. Skandal-Export Libuda büßte sogar in der Fremde: »Schieber. Schieber«, grölten Zuschauer in Straßburg.

In der neuen Spielzeit setzte sich die Pleite in Raten fort. Die erste Bundesliga-Runde dünkte weniger Fans sehenswert als je -- nur 13 665 im Schnitt. Nach fünf Spieltagen kletterte der durchschnittliche Besuch pro Spiel erst auf 16 865.

Der Skandal ist allerdings nicht der einzige Grund. Keine Meisterschaft verspricht weniger Spannung als diese: Vom ersten Spieltag an führte Bayern München. Kein Experte zweifelt auch am Abstieg Rot-Weiß Oberhausens. Die Mannschaft errang in den ersten fünf Spielen weder Sieg noch Unentschieden und erzielte erst zwei Tore. Das DFB-Urteil gegen Oberhausen verlangt überdies, dem Verein am Schluß fünf Punkte abzuziehen.

Das Marktforschungsinstitut »Infratest« belegte in einer Umfrage bei 4000 Männern und 2000 Frauen in 18 Bundesliga-Städten eine Dauer-Misere. Die meisten Zuschauer halten die Stadien für veraltet und den Service für unzulänglich. Aber viele Vereine verlangen für den billigsten Stehplatz auf ungeschützten Traversen sechs Mark, für zugige Tribünensitze bis zu 25 Mark, Summen. die mit den Leistungen der Mannschaften selten übereinstimmen.

Am vorletzten Wochenende, während Kindermann in Frankfurt Libuda und den Schalker Spieler Klaus Fischer aus dem bundesdeutschen Ballverkehr zog, sannen Präsidenten und Vertreter der 18 Bundesliga-Klubs im Münchner Nobel-Hotel »Bayerischer Hof« auf Abhilfe. Beim DFB-Bundestag Ende Oktober wollen sie wegen ihres Notstands durchsetzen, wogegen sich die Mehrzahl seit Jahren gesträubt hatte:

* Selbständigkeit der Bundesliga-Klubs. Bislang entscheidet die Amateur-Mehrheit im DFB über sie.

* Eine zweite Bundesliga, die den Sturz der Absteiger aus der jetzigen Bundesliga in die Regionalligen mildert.

Als erste Hilfe wollte Oskar Maaß. der Präsident des 1. FC Köln, der Runde eine Spaltung der Bundesliga in zwei Gruppen verordnen. Dann sollten die Mannschaften über Kreuz um Meistertitel und Abstieg kämpfen -- ein Plan, der die Fans vollends verwirrte.

»Der Skandal muß vom Tisch«, griff der Frankfurter Kindermann-Gegner Rudolf Gramlich, Vorsitzender des Bundesliga-Ausschusses, den heikelsten Punkt an. »So dumm können nur wir Deutschen sein«, pflichtete ihm Bayern Münchens Präsident Wilhelm Neudecker bei. »In zwei Jahren zur Weltmeisterschaft sperren wir wohl immer noch unsere besten Spieler.«

Abermals erwogen einige Fußball-Herren die Generalamnestie. Möglichst noch im Oktober, verlangten Klubherren streng vertraulich, müsse Kindermann den Skandal abschließen. Gleich zwei Trümpfe halten sie im Ärmel: Die Klubs könnten dem DFB ihre Abgaben verweigern und Bundestrainer Helmut Schön ihre Spieler für die Nationalmannschaft vorenthalten. Schön hatten sie zu ihrer Tagung hinzugezogen.

Verstört wich der Bundestrainer aus. als er nach der Sitzung beim Oktoberfest eine Bayern-Kapelle dirigieren sollte. Schließlich nötigte ihn Bayern-Geschäftsführer Walter Fembeck doch zur Pflicht-Gaudi: »Wenn Sie nicht endlich zum Taktstock greifen, müssen wir Bayern unsere Nationalspieler wirklich zurückziehen.«

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