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KRICKET / RASSISMUS Politischer Ball

aus DER SPIEGEL 39/1968

Es stand in der »Times": Per Anzeige wiegelte MCC-Mitglied Charles Barr zur Revolte im exklusivsten britischen Kricket-Klub auf.

Mehr als 80 Verschwörer beschlossen den Aufstand. Zwölf Mitglieder verließen aus Protest den MCC, dessen Angehörige bis zu 50 Jahre auf der Warteliste gestanden hatten.

Das Auswahl-Komitee des »Marylebone Cricket Club« hatte die britische Mannschaft für die im Vierjahres-Rhythmus ausgetragene Südafrika-Tournee aufgestellt. Einer der besten Spieler fehlte: Basil D'Oliveira, 34. Die Klub-Opposition und Millionen Fans des »ältesten, verbreitetsten und am tiefsten in England verwurzelten Spiels« ("Guardian") argwöhnten eine Kapitulation der MCC-Funktionäre vor Südafrikas Apartheid-Politik. Denn: Unter D'Oliveiras Vorfahren war ein Farbiger.

In Südafrika war der Mischung aufgewachsen. Die Rassenspalter der Burenrepublik verboten ihm, gegen oder mit gleichwertigen Weißen zu kricketieren. Er wanderte 1960 aus, ließ sich in England naturalisieren und gelangte in das britische Nationalteam.

Südafrikas Funktionäre rechneten mit dem Einsatz des fremdrassigen Stars In der bevorstehenden Länderspiel-Serie gegen Großbritannien. Apartheid-Premier John Vorster gestand zu, daß daran die Gastspiele nicht zu scheitern brauchten. Denn internationale Partner sind rar; das schlagballverwandte Kricket floriert nur in wenigen Ländern des ehemaligen britischen Empires.

Doch mit dem diplomatischen Feingefühl eines Elefanten selektierten die MCC-Herren ihren farbigen Nationalspieler aus. Sie behaupteten, seine Form reiche im südafrikanischen Klima nicht aus. »Für diese Chance habe ich gelebt«, verzweifelte D'Oliveira. »Nun ist mein Traum zerstört.« In Südafrika dagegen frohlockte Innenminister Muller öffentlich, daß Großbritannien auf den Kap-Afrikaner verzichte. Der südafrikanische Kricket-Kritiker Louis Duffus vernahm »einen nationalen Seufzer der Erleichterung«.

In England hingegen brach nun ein Kricket-Krieg aus, »gegen den der Buren-Orlog eine ausgesprochen gemütliche Gartenparty war«, witzelte die »Herald Tribune«. 200 Abgeordnete bestürmten im Unterhaus den Sportminister und früheren Schiedsrichter Denis Howell. Rebellierende MCC-Mitglieder verlangten, die Südafrika-Tour abzusagen. Mannschafts-Kapitän Colin Cowdrey erbat Zuspruch von seinem Bischof und heischte Rat vom ehemaligen MCC-Präsidenten Sir Alex Dauglas-Home. Englands Ex-Premier wich aus: »Colin, sieh zu, daß die beste Mannschaft fährt.«

Nun schlachtete die Sonntagszeitung »Sunday News of the World« den Rassen-Rummel aus. Sie engagierte D'Oliveira für 55 000 Mark als Berichterstatter für die Spiele in Südafrika. Doch die Gastgeber riegelten den Vorstoß ab. Sie verweigerten dem Rassen-Reporter einen Presseplatz.

Da verletzte sich Nationalspieler Tom Cartwright. Rasch nominierte der MCC D'Oliveira nachträglich. In die Happy-End-Stimmung polterte Südafrikas Premier Vorster: »D'Oliveira ist kein Sportsmann mehr, sondern ein politischer Kricket-Ball.« Er lud das Briten-Team aus.

Streitopfer D'Oliveira klagte: »Das ist eine Tragödie für den Kricket-Sport.« Mehr noch -- nachdem Südafrika schon von den Olympischen Spielen ausgesperrt worden ist, droht nun wegen seiner Politik der Rassentrennung auch der Abbruch aller Sportbeziehungen zu Großbritannien.

Die Briten fanden bereits einen Ersatz-Gegner. Nach Weihnachten wollen sie gegen Indien spielen, das ebenfalls einen langjährigen Länderkampf-Partner eingebüßt hat: Indien brach aus politischen Gründen den Kricket-Verkehr mit Pakistan ab.

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