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Problem mit Nummer 102 599

aus DER SPIEGEL 31/1992

Ganz langsam schiebt Boris Becker einen Gepäckwagen durch das Menschenknäuel auf dem Flughafen von Barcelona. »Es schmerzt«, sagt er. Und: »Ich hab' auch nur ein Herz und nicht zwei oder drei.« Und: »Manchmal war ich nah' dran gewesen, einfach aufzugeben.« Aber nicht mit ihm: »So lasse ich mich nicht brechen.«

Der Superstar des deutschen Sports scheint von tiefer Depression geschüttelt. Doch dann lächelt er nett, hört gar nicht mehr auf zu lächeln, schreibt flink Autogramme und wirkt optisch wie ein glücklicher Olympier aus einem fernen Land.

Statt eines Lederkäppis, mit dem sich der dreimalige Wimbledon-Champion gemeinhin tarnt, trägt Boris einen luftigen Strohhut. Der Bart, der ihm wuchs, »damit ich älter aussehe«, ist ab. Schließlich gehört er jetzt als Nummer 102 599 zur Jugend der Welt. Auf die Gepäckstücke - drei Sporttaschen, ein Lederbeutel und zwei Tennisschläger - hat er bunte Aufkleber ("Barcelona 92") gepappt. »Ja, ich freu' mich jetzt«, sagt er denen, die es noch immer nicht wahrhaben wollen.

Beckers erster olympischer Auftritt ist ein Return in die Ecke keifender Amateure, die mit seinen Zeit-Gedanken über Olympia - ihm gehe es ganz im Sinne der olympischen Idee weniger ums Gewinnen als vielmehr um das »olympische Flair«, Kaffeetrinken mit Carl Lewis zum Beispiel - nichts anfangen können.

Was der Baron de Coubertin womöglich auch ganz prima gefunden hätte, empörte Ulrich Feldhoff, den schnittigen Chef de Mission der deutschen Mannschaft: »Olympia ist kein Kaffeetermin.« Einmütig forderten Deutschlands Wettkämpfer mit Bild am Sonntag: »Boris, bleib zu Hause.«

Es liegt merkwürdiges Unheil über der Liaison Boris Beckers mit Olympia. Da will er nun mit aller Macht hin, doch die Sportkollegen aus der zweiten Reihe funken ihm permanent dazwischen. Vor vier Jahren, in Seoul, als ihn schmerzhafte Blasen an den Füßen matt setzten, lud Deutschlands Chef-Olympier Willi Daume den »Botschafter des Sports« als Touristen ins olympische Dorf.

Ein Speerwerfer namens Wolfram Gambke zischelte damals, Boris werde sicher sein Bestes geben - »bei Stehempfängen und Interviews«. Der Leichtathletiktrainer Günter Eisinger erkannte »eine Frechheit": Der Multimillionär schaffe sein Geld nach Monaco, reise aber »mit unseren Steuergroschen zu den Olympischen Spielen«. Becker blieb daheim.

In großer Runde hat sich der Profi diesmal für das Leben unter den Amateuren von Barcelona fit machen lassen. Zu einem Abendessen in München mit den Kollegen Michael Stich und Carl-Uwe Steeb sowie Bundestrainer Niki Pilic kam eigens Günter Sanders, der Generalsekretär des Deutschen Tennis-Bundes, aus Hamburg angereist, um am Knigge für Olympia mitzuwirken. Hernach ließ Boris verlauten, er freue sich nun ganz besonders »auf den Einmarsch mit der deutschen Mannschaft«.

Doch was hilft ihm das? Es muß nur durchdringen, daß der Herr Becker mit der Lufthansa Erster Klasse, Sitz 1 C, nach Barcelona einflog, und schon ist der Sozialneid neu geschürt. Nichts ist bei Olympia so verhängnisvoll wie die Millionen, die Sportsmann Becker verdient. Geldadel, der sich noch Olympia pur leisten kann, ist nicht erwünscht, wenn die Amateure zusammentreffen, um ihren Marktwert für die Kleingeld-Geschäfte festzuschreiben.

Selbst der olympische Computer »Amic«, selbsternannter Freund aller Athleten, mochte Becker anfangs nicht in sein Programm aufnehmen, führte ihn tagelang unter dem Namen »Beker«. Dafür spuckte »Amic«, ganz exklusiv, Beckers vollständigen Vornamen aus: »Boris Franz«.

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