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RADSPORT Probleme in der Familie

Der Telekom-Profi Christian Henn wurde bei einer Dopingkontrolle mit überhöhtem Testosteronwert erwischt. Die Erklärung des fünfmaligen Tour-Teilnehmers überrascht die Fachwelt: Ein wundersames Potenzmittel habe den Wert in die Höhe getrieben.
Von Klaus Brinkbäumer, Matthias Geyer, Udo Ludwig und Heiner Schimmöller
aus DER SPIEGEL 33/1999

Irgendwie lag über der »Nacht von Hannover« kein Segen. Für das Spaßrennen am vergangenen Freitag war die Startnummer 12 ursprünglich mal für den Leipziger Radprofi Uwe Ampler reserviert. Der viermalige Sieger der Friedensfahrt sollte um 22.30 Uhr ran, zu den 100 Runden um den Gilde-Gold-Pokal.

Doch daraus wurde nichts. Zehn Tage vor dem Startschuss lud der Radsportverband Niedersachsen den früheren Profi des Team Telekom wieder aus; der war bei einer Dopingkontrolle mit überhöhtem Testosteronwert auffällig geworden. Das war zunächst nicht weiter schlimm, denn der Ersatzmann war ein richtiger Star: Christian Henn, 35, Deutscher Meister von 1996 und immer noch im berühmten Telekom-Trikot aktiv. Jener Mann also, der nach Einschätzung des Bundestrainers Peter Weibel »der entscheidende Wasserträger war, als Jan Ullrich die Tour de France gewann«.

Am Mittag vor ihrem Rennen mussten die Hannoveraner einen neuen Tiefschlag verkraften - Henn sagte unvermittelt ab. Seit Freitag ist nämlich auch gegen den fünfmaligen Teilnehmer der Tour de France ein Sportgerichtsverfahren wegen des Verdachts der Manipulation eingeleitet.

Der Fall Henn wird die Dopingdiskussion im Radsport neu entfachen. Und die Sorge von Telekom-Kommunikationschef Jürgen Kindervater scheint sich zu bestätigen: Nachdem drei Wochen vor dem Start der Tour de France auch der erfolgreiche deutsche Profirennstall ins Zwielicht geriet, hatte der Manager jeden Verdacht eines systematischen Dopings zurückgewiesen, dabei aber eingeschränkt, er könne »einen Dopingeinzelfall« nicht ausschließen.

Jetzt hat er einen Einzelfall.

Kindervater wehrt sich »gegen Vorverurteilung«, zumal »ich den Menschen Henn sehr geschätzt habe«. Dennoch kamen der Fahrer Henn und sein Sponsor überein, alle Starts bis zur endgültigen Klärung abzusagen. Sollte Henn wegen Dopings verurteilt werden, wäre die Karriere des Olympia-Dritten von 1988 ein Jahr früher als geplant beendet. »Wenn es um einen Dopingfall geht«, sagt Teamchef Walter Godefroot, »wird dem Fahrer gekündigt. Fertig.«

Der Telekom-Radler war bei einer Trainingskontrolle am 20. Mai mit einem auffällig hohen Testosteronwert von 14 erwischt worden - das ist mehr als das Doppelte des Erlaubten. Die Zufuhr von Testosteron erhöht den Anteil männlicher Hormone im Blut und hält die Muskeln stramm. Alle internationalen Sportverbände werten deshalb die nicht medizinisch indizierte Einnahme des Wirkstoffs als verbotene chemische Leistungssteigerung, also Doping.

Die Affäre Henn ist gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Für seinen hohen Testosteronwert lieferte Henn ("Ich habe keine leistungssteigernden Medikamente eingenommen") eine Erklärung, die Fachleute in Staunen versetzt. Und wer im Team Telekom über den Vorgang wann was wusste, wird ebenfalls seltsam begründet.

Die Kontrolle durch die Fahnder der Anti-Doping-Kommission (ADK) des Deutschen Sportbundes (DSB), die normalerweise nur im Training vorgenommen wird, erfolgte diesmal am 20. Mai, einem Tag, an dem Christian Henn ein Rennen fuhr: die erste Etappe der Bayern-Rundfahrt. Und fündig wurden ausgerechnet jene Kontrolleure, die die Telekom selber akquiriert hatte.

Um zu dokumentieren, dass der Bonner Rennstall nur den sauberen Sport fördere, unterwirft er sich seit Anfang des Jahres freiwillig den Trainingskontrollen des DSB und zahlt dafür die Kosten. Aber es dauerte nicht mal ein halbes Jahr, da waren die unabhängigen Geister, die die Telekom rief, schon erfolgreich.

Die Kontrolleure schickten die Urinprobe mit der Codenummer 051286 PWC ins Dopingkontrolllabor Kreischa, wo der überhöhte Wert festgestellt wurde. Die Anti-Dopingkommission des DSB erfuhr die finstere Nachricht am 24. Juni und beschloss, so genannte Nachkontrollen bei Christian Henn durchzuführen. Damit soll festgestellt werden, ob der verdächtige Sportler möglicherweise dauerhaft mit natürlich erhöhtem Testosteronspiegel lebt. Bei Henn stellte sich allerdings ein durchschnittlicher Wert um zwei heraus - unmittelbar vor der Trainingskontrolle im Mai muss also kräftig nachgeholfen worden sein.

Ende Juni wurde der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) informiert, der Henn dann am 16. Juli von der problematischen Probe unterrichtete. Das ist sonderbar, denn das Testverfahren war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen - die letzte Nachkontrolle erfolgte erst drei Tage später.

Am 23. Juli schließlich saß Henn mit Vertretern des BDR zu Rate und präsentierte dabei eine pikante Erklärung: Weil sein Wunsch nach einem zweiten Kind nicht so ohne weiteres zu bewerkstelligen, seine Frau aber kurz vor der Bayern-Rundfahrt empfängnisbereit gewesen sei, habe er nach Rücksprache mit seinem Hausarzt ein Mittel aus Italien genommen - eine Version, die der ebenfalls anwesende Doktor bestätigte.

Tatsächlich ist bei Radfahrern die Libido häufig eingeschränkt. Mediziner streiten sich darüber, ob das eine Folge der langen Verweildauer im Rennsattel ist oder ob nicht eher die extremen körperlichen Belastungen der Profiradler dafür verantwortlich sind. Dass aber die Einnahme von Testosteron kurzfristig Abhilfe schafft, wird von Hormonspezialisten mehrheitlich bestritten.

Der Urologe Michael Truß von der Medizinischen Hochschule Hannover hält die

kurzfristige Zufuhr von Testosteron als Beitrag zur Familienplanung für »nicht angezeigt und nicht sinnvoll«. Truß geht sogar

* Am 22. Mai bei der Bayern-Rundfahrt im Gelben Trikot des Spitzenreiters.

noch weiter: »Wenn ein Arzt zu diesem Zweck Testosteron verschreiben würde, wäre das unverantwortlich.« Der Mediziner will allenfalls eine mythische Erklärung gelten lassen: »Jemand, der auf andere Weise an Testosteron kommt, könnte in seiner laienhaften Vorstellung denken, das würde etwas bringen.«

An derartigen Sagen ist die Welt des Sports reich. Wann immer Athleten beim Dopen erwischt wurden, entwickelten sie außerordentliche Vorstellungskraft. So behauptete

* die Schwimmerin Astrid Strauß, ein übermäßiger Genuss von Erdbeerbowle habe ihren Testosteronwert nach oben getrieben;

* der Sprinter Dennis Mitchell nach positivem Testosteronbefund, er habe fünf Flaschen Bier getrunken und viermal seine Frau beschlafen müssen: »Es war ihr Geburtstag, die Lady hatte eine Behandlung verdient«;

* der japanische Billardspieler Junsuke Inoue, 58, dass die Einnahme des Hormons Methyltestosteron nicht der ruhigen Führung des Queues, sondern einer angestrebten Erektion im Schlafzimmer gedient habe: »Meine Frau hatte ein Anrecht, befriedigt zu werden.«

Alle drei wurden gesperrt. Die anabole Wirkung von Testosteron ist nämlich wissenschaftlich gesichert. Erfunden wurde diese Dopingvariante Mitte der siebziger Jahre von DDR-Forschern. Als damals Kontrollen nach Wettkämpfen eingeführt wurden, mussten die Athleten die traditionelle Einnahme von Anabolika frühzeitig stoppen. Um die anabole Wirkung zu erhalten, klügelten die Mediziner eine Überbrückungstherapie mit Testosteron aus.

Anfang der neunziger Jahre entdeckten auch Tour-de-France-Fahrer den Stoff, der so schwer nachweisbar und so vielversprechend ist: Er hilft beim Muskelaufbau, ohne dick zu machen, und verkürzt die Erholungsphasen. Sportler glauben zudem, dass sie die Einnahme von Testosteron aggressiver und resistent gegen Schmerzen macht. Der Wirkstoff baut sich im Körper zügig ab; Ärzte können auf die Stunde genau berechnen, wann und in welcher Dosierung die letzte Spritze vor dem Startschuss zu setzen ist. Wer heute noch einen unzulässigen Wert von 14 hat, kann morgen schon wieder clean sein.

Henn wurde in einer unangekündigten Trainingskontrolle der Fahnder vom DSB erwischt - und als er am nächsten Tag als Träger des Gelben Trikots zur obligatorischen Wettkampfkontrolle des Veranstalters musste, war die Probe unauffällig. Als Henn seinen Wert erfuhr, schwante ihm Böses. Denn jeder Athlet weiß, wann es kritisch wird. Entscheidend ist das Verhältnis der beiden körpereigenen Sexualhormone Testosteron und Epitestosteron zueinander. Deren Quotient lässt Aufschlüsse über die Einnahme unerlaubter Testosteronmittel zu. In der Regel beträgt das Verhältnis 1 : 1; auch ein 2 : 1 gilt noch als normal. Ein Quotient von 6 : 1 veranlasst die Kontrolleure zu weiteren Untersuchungen, und bis vor wenigen Jahren wurde bei einem Wert von 10 : 1 ohne weitere Prüfung von Doping gesprochen.

Obwohl die DSB-Kontrolleure noch dreimal Proben von Henn einforderten, will der Sponsor von dem drohenden Unheil nichts mitbekommen haben. Kindervater erklärte, er habe erst am vergangenen Donnerstag durch die Recherchen des SPIEGEL von den Vorgängen erfahren: »Dafür hebe ich die Finger zum Schwur.« Fest steht aber, dass Teamchef Godefroot und Mannschaftsarzt Lothar Heinrich während der Tour de France vom verstörten Henn telefonisch informiert wurden.

Godefroot erinnert sich daran, dass Henn ihm erzählt habe, sein Wert liege »genau an der Grenze oder genau über der Grenze oder so« - keine Rede von 14:1. Weil die von Henn angeführten Hindernisse bei der Familienplanung »eine private Sache« gewesen seien, »habe ich mir nie mehr Gedanken darum gemacht«. Und gesagt hat Godefroot auch keinem aus der Telekom-Familie etwas.

Auch Heinrich behielt sein Wissen für sich. Zwar habe ihm Henn den exakten Wert gestanden; aber er sei schließlich »kein Fachmann für Testosteron«. Und: »Christian hat mich nicht gebeten, jemanden zu informieren. Außerdem habe ich eine ärztliche Schweigepflicht in dem Fall.«

So kam auf dem Höhepunkt der Dopingdiskussion ausgerechnet in Deutschlands größtem Kommunikations-Unternehmen eine wichtige Nachricht nicht an. Mit demonstrativer Gelassenheit konnte Kindervater deshalb Ende vergangener Woche den überraschenden »Einzelfall« Henn bedauern.

Als der SPIEGEL die Verantwortlichen bei Telekom und den Verbänden mit seinen Rechercheergebnissen konfrontierte, ging plötzlich alles ganz schnell. Am Donnerstagmorgen erhielt der BDR das abschließende Gutachten der Dopinganalytiker aus Kreischa. Nach einem Vergleich aller Proben schlossen sie aus, dass für den erhöhten Testosteronwert vom 20. Mai »eine physiologische oder pathologische Ursache« in Frage komme. Es handele sich eindeutig »um eine Manipulation von außen«.

Noch am Freitag schickte der BDR ein Einschreiben an Henn, in dem ihm die Einleitung eines Verfahrens eröffnet und eine Frist von zehn Tagen zur Stellungnahme gesetzt wurde. Gleichzeitig forderte der Verband per Fax von seinem Dopingbeauftragten Dirk Clasing ein Gutachten an. Der hat bereits Zweifel daran angemeldet, dass Testosteron Henns privates Problem beheben könnte: »Ich würde sagen: Ein kleiner Schluck Whisky bringt mehr.«

Dann setzten die Beteiligten zum publizistischen Spurt an. Der BDR gab eilig eine Erklärung ab, und auch Henn, vor die Wahl gestellt, entweder als Dopingsünder oder als Mann mit entscheidenden Schwächen dargestellt zu werden, entschied sich für die private Offensive. Bis dahin hatte er allein seinen hilfreichen Hausarzt als fachlichen Berater benannt; jetzt ergänzte er seine Version durch ein südländisches Rührstück.

Das in der sonstigen Welt unbekannte Wundermittel habe eine italienische Hebamme aus Tierprodukten zusammengebraut. Während andere in der Apotheke viel Geld für Viagra zahlen, will der Radprofi seinen Zauberstoff aus der italienischen Heimat seines Schwiegervaters bezogen haben. Henn ist steif und fest davon überzeugt, dass dieser Naturstoff ihm und seiner Frau Paola »schon 1997 zu unserem ersten Sohn verholfen hat«. Und auch der Sondereinsatz kurz vor der Bayern-Rundfahrt habe zum Erfolg geführt: »Meine Frau ist wieder schwanger.«

Bei so viel mediterraner Romantik könnte ein Blick in den klaren Norden helfen. Henns dänischer Kollege Claus Möller ging den Fahndern unlängst mit einem Testosteronwert von 7,0 ins Netz. Anfang August bekam er die Höchststrafe: Möller wurde wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt. KLAUS BRINKBÄUMER, MATTHIAS GEYER,

UDO LUDWIG, HEINER SCHIMMÖLLER

* Am 22. Mai bei der Bayern-Rundfahrt im Gelben Trikot desSpitzenreiters.

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