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FUSSBALL Profis nach Peking

Fußballamateure genügen den Chinesen nicht mehr, sie wollen Keegan und Kaltz sehen. Im Juli spielt der Hamburger SV im Reich der Mitte.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Vor fünf Jahren baten die Chinesen um den Besuch einer deutschen Fußballmannschaft, die aus Spielern aller Volksschichten gebildet sein sollte, aus Arbeitern und Studenten, Beamten und Angestellten, Selbständigen und Betriebsleitern. Die Deutschen schickten Amateure, zuerst den kleinen Verein Frechen 05, aus einem Ort bei Köln. Und betäubt von den Langläufen auf den Höhen der Chinesischen Mauer verloren die Freizeitkicker hin und wieder.

Inzwischen erkundeten chinesische Sportstudenten und Traineranwärter im Land des Weltmeisters, daß ihnen damals bestenfalls die dritte Garnitur deutscher Spielmacher entsandt worden war. Jetzt schrieben sie einen Wunschzettel, auf dem »Fußball-Ingenieure und Profis wie Kevin Keegan und Manfred Kaltz« standen.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) stellte über das anfragende. Auswärtige Amt den früheren Furopacupsieger Hamburger SV in Aussicht. Da der HSV im Juli ohnehin Südkorea bereist, unternimmt er noch einen Peking-Abstecher. »Wir sind der erste Profi-Klub, der nach China geht«, vermerkt HSV-Manager Günter Netzer stolz.

*Bei 0:4-Niederlage 1975 gegen eine DFB-Profiauswahl.

Im Reich der Mitte weist Fußball steigende Tendenz auf. Daß sie mit Tischtennis, Turnen und Schwimmen, das sogar Mao auf seine alten Tage noch demonstriert hatte, allein die Massen nicht bewegen können, merkten Chinas Fußballkundschafter an Rhein und Ruhr schnell und berichteten ihren im Mao-Drill regierenden Führern von »Kaisern« und »Königen«, »Bombern« und »Magiern«, die allein die höchste Fertigkeit am Ball besitzen und dafür mit Baupalästen entlohnt werden. Erste Folge: Chinas Fußballer genießen neuerdings Privilegien, wie sie ihren in der Welt konkurrenzlosen Tischtennisspielern noch längst nicht eingeräumt wurden.

»Fußball dürfen in China zwar nur Leute spielen, die in irgendeiner Kommune organisiert sind«, stellte DFB-Präsident Hermann Neuberger fest, als er 1975 mit der Amateur-Nationalmannschaft Peking und Schanghai besuchte. »Aber es genügt, wenn man pro forma irgendeiner Obstbaukommune angehört, ohne je auf einen Apfelbaum gestiegen zu sein.«

Nach leichten Spielen gegen die mehr touristisch als athletisch motivierten deutschen Amateurfußballer fordern Chinas Fußballfunktionäre jetzt Kräftemessen mit den deutschen Profis, die 1954 und 1974 die Weltmeisterschaft gewonnen hatten. Und seit Hua Kuo-feng und sein Stellvertreter Teng an der Macht sind, jagen auch D-Mark-Millionäre wie Maier oder Müller Pekings Funktionären keinen ideologischen Schrecken mehr ein. Im Gegenteil, besonders begabte chinesische Fußballer werden mit kleinen Grundstücken belohnt.

»Sie spielen wie die Südamerikaner«, staunte Bundestrainer Jupp Derwall, der China mit der Amateur-Nationalmannschaft bereist hatte, »nur mit der Kraft hapert es noch.« Und der frühere deutsche Welttrainer Dettmar Cramer, der jetzt saudiarabischen Kickern das Balltreten einpaukt, glaubt: »Im nächsten Jahrhundert werden Chinesen die meisten Welttitel im Fußball gewinnen.«

Noch aber darf sich der HSV als Lehrmeister fühlen. Während Chinas Tischtennisspieler sich manchmal entschuldigen müssen, wenn sie von Westreisen Armbanduhren und Transistorgeräte mitbringen (Weltmeister Tschuang Tse-tung: »Ich schäme mich"). werden die an den deutschen Sportschulen Hennef, Ruit und Grünberg gedrillten chinesischen Fußballtrainer sogar ermuntert, Kassettenrekorder und Video-Geräte einzuführen. Wichtig: Darauf müssen Bänder mit Analysen deutscher Profispiele sein.

DFB-Präsident Neuberger riet ihnen, ihre Trainer und Schiedsrichter in Deutschland ausbilden zu lassen. »Im Augenblick gibt es in China noch Elfmeter, wenn einer ein paar Grashalme zuviel umgeknickt hat«, berichtete Trainer Derwall. Absichtliches Foulspiel erkennen allzeit freundliche chinesische Schiedsrichter ohnehin nicht an, weil sie das keinem Sportler zutrauen.

Deutsche Fußballer erreichten mehrfach, daß bereits verhängte Elfmeter gegen sie wieder zurückgenommen wurden. Amateurnationalspieler Egon Schmitt: »Man mußte denen nur klarmachen, daß ein Foul nur das Ausgleiten auf rutschigem Boden war.« Hinterher verschenkte ein freundlicher China-Schiedsrichter sogar seine Trillerpfeife an einen Fußballrüpel.

Im Fußball gelten die Deutschen in China auch ohne Titel als die eigentlichen Weltmeister. Der deutsche Fußballtrainer Josef Piontek, der im DFB-Auftrag chinesische Sportstudenten in Bundesligastadien begleitet hat, hörte sie untereinander »schnattern und mit der Zunge schnalzen«, wenn Tricks wie das Weiterleiten des Balles mit der Ferse oder gar ein Fallrückzieher, bei dem der Spieler rückwärts zum Tor in der Luft liegend den Ball über den Kopf ins Ziel befördert, gezeigt wurden.

Von mehr als 200 000 Sporttrainern' die bisher in Chinas acht Sportinstituten ausgebildet wurden, sollen mindestens 10 000 Fußballehrer werden.

Über die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien berichtete die Presse des Riesenreiches erstmals und ausführlich. Noch in diesem Jahrhundert planen die Chinesen, im eigenen Land eine Fußball-WM auszurichten. China-Bewunderer Dettmar Cramer schweigt: »Wenn sie dann den Titel gewinnen, errichten sie einen Schrein.«

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