Prozess gegen Erfurter Dopingarzt Und dann war Blut im Urin

Im Prozess gegen den Dopingarzt Mark Schmidt sagte heute eine Mountainbikerin aus. Christina Kollmann-Forstner wollte mit seiner Hilfe in der Weltspitze mitfahren, fühlte sich »gut bei ihm aufgehoben« – bis die Nebenwirkungen einsetzten.
Von Matthias Fiedler, München
Neben Doping wird ihm auch gefährliche Körperverletzung vorgeworfen: Mark Schmidt

Neben Doping wird ihm auch gefährliche Körperverletzung vorgeworfen: Mark Schmidt

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PHILIPP GUELLAND/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Christina Kollmann-Forstner muss etwas fester drehen, um die weiße Dose mit dem roten Deckel aufzubekommen. Die zierliche Frau müht sich, kichert etwas beschämt, rückt ihre Brille zurecht. Sie weiß genau, was sie am Dienstagmorgen im Gerichtssaal in der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim in den Händen hält. 

Bei dem Pulver in der Dose handelt es sich um Erythrozyten, rote Blutkörperchen in Form von getrockneten Plättchen – ein Dopingmittel. Es ist jenes Präparat, das der Hauptangeklagte im Münchner Dopingprozess, Mark Schmidt, der früheren Mountainbike-Marathon-Europameisterin Mitte September 2017 verabreichte. Schmidt, 42, hatte das Pulver nach eigener Aussage mit Natriumchlorid in einem Beutel gemischt und Kohlmann-Forstner die Lösung mit einer 50-Milliliter-Spritze in die Armbeuge injiziert. Einen Beipackzettel gab es nicht. 

Christina Kollmann-Forstner im Jahr 2013

Christina Kollmann-Forstner im Jahr 2013

Foto: imago sportfotodienst

Es war ein Experiment, so schildert es die Österreicherin Kollmann-Forstner, 32, am elften Verhandlungstag dem Gericht. Das nicht zugelassene Präparat, das mutmaßlich von einem Kontaktmann aus Kroatien stammt, sollte im besten Fall das aufwendige Verfahren des Eigenblutdopings ersetzen. Das heißt, die Blutabnahme und -aufbereitung mit klobigen Maschinen, die umständliche Lagerung des Bluts in speziellen Tiefkühlschränken. All das, womit Schmidt knapp zwei Dutzend Athleten, vornehmlich aus dem Rad- und Wintersport, seit 2011 behandelt hatte – darunter auch Kollmann-Forstner.

Doch das Experiment mit dem vermeintlichen Wundermittel ging schief. 

Nach 20 Minuten, so schildert es die ehemalige Mountainbikerin, sei ihr plötzlich kalt geworden, Finger und Zehen seien weiß angelaufen, »weil sie schlecht durchblutet waren«. Sie habe sich eine Decke holen und Tee aufbrühen müssen. Später beim Toilettengang habe sie bemerkt, dass ihr Urin dunkelrot gefärbt war. »Eine allergische Reaktion«, nennt sie es. Erst nachdem sie das Präparat vollständig ausgeschieden hatte, habe sich ihr Zustand verbessert. Die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft wirft Schmidt neben Doping deshalb auch gefährliche Körperverletzung vor.

Sie fühlte sich bei Schmidt gut aufgehoben – und will von Nebenwirkungen nichts gewusst haben

»Hätte ich gewusst, welche Nebenwirkungen das Zeug hat, hätte ich es nie genommen«, sagt Kollmann-Forstner. »Da bin ich viel zu sehr Angsthase.« Schmidt habe ihr versichert, dass das Präparat ungefährlich und schon bei anderen Sportlern getestet worden sei. Der Mediziner hingegen will die Sportlerin über die Risiken und mangelnde Erkenntnisse zur Wirkung aufgeklärt haben. So schilderte es Schmidt Mitte September vor dem Münchner Landgericht in einem Geständnis, das er von einem seiner Anwälte verlesen ließ. Demnach habe die Gesundheit seiner Athleten für ihn äußerste Priorität gehabt.

Laut Schmidt habe Kollmann-Forstner vorgehabt, die Behandlung künftig selbst an sich vorzunehmen. Ohne Unterstützung. Um Geld zu sparen. Als die Vorsitzende Richterin wissen will, ob das stimme, muss die frühere Sportlerin laut lachen. »Darüber haben wir nie gesprochen«, sagt sie. Ihr sei es lediglich um die Wirkung des Präparats gegangen. 

Wirklich verschreckt habe sie der Vorfall mit dem ominösen Pulver aus getrockneten Blutblättchen nicht, erzählt Kollmann-Forstner, die bei Schmidt unter dem Tarnnamen »Hugo« registriert war. »Ich habe mich bei Mark zu jedem Zeitpunkt gut aufgehoben gefühlt«, berichtet sie.

Nur wenige Monate später ließ sie sich von Schmidt erneut Blut abnehmen, um es sich vor wichtigen Wettkämpfen wieder zuführen zu lassen – und so bei Rennen kräftiger und ausdauernder in die Pedale treten zu können. Insgesamt zahlte sie für Schmidts Dienste zwischen 12.000 und 15.000 Euro. Nach allem, was sie in der Szene gehört habe, seien das »günstige Preise« gewesen. 

Beim Betrügen hatte Kohlmann-Forstner leichtes Spiel. In zwei Jahren sei sie nur zweimal von Kontrolleuren auf Doping getestet worden. Und das nur bei Großereignissen wie der Welt- und Europameisterschaft. »Da haben sie natürlich nichts gefunden«, sagt sie. Denn Blutkontrollen habe es nie gegeben. »Nur Urintests. Die Chance, dabei irgendwas zu finden, ist gleich null.« 

Ohne Doping, keine Chance, sagt Kollmann-Forstner

Warum sie denn überhaupt gedopt habe, will die Richterin wissen. Sie sei doch schon eine erfolgreiche Mountainbikerin gewesen, bevor sie bei Schmidt um Hilfe bat. Wenn man ganz vorn mitfahren will, habe man keine andere Wahl, sagt Kollmann-Forstner. Als sie in die Weltspitze stieß, seien neun von zehn Topfahrern schon mal gesperrt gewesen oder hätten gerade eine Sperre abgesessen. Nun ist auch sie an der Reihe. 

Die österreichische Anti-Dopingagentur sperrte Kollmann-Forstner Ende Mai 2019 für vier Jahre. Alle seit November 2016 gewonnenen Titel und Preisgelder musste sie zurückgeben. 

Mediziner Schmidt muss bei einer Verurteilung mit einer Haftstrafe zwischen vier und sechs Jahren rechnen. Am kommenden Freitag, lässt sein Anwalt wissen, wolle er sich erneut zur Sache äußern.

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