Prozess gegen Erfurter Dopingarzt Anklage nach der Anklage

Zum Auftakt des größten deutschen Dopingprozesses der vergangenen Jahrzehnte äußert der Verteidiger eines Angeklagten massive Bedenken gegen die Methoden der Ermittler. Läuft in München alles rechtens ab?
Angeklagter Mark Schmidt (2. v.l.) am ersten Tag des Prozesses

Angeklagter Mark Schmidt (2. v.l.) am ersten Tag des Prozesses

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PETER KNEFFEL / AFP

Es sollte nur ein "Eingangsstatement" werden. So hatte es Verteidiger Peter Helkenberg aus Erfurt am späten Mittwochnachmittag im Sitzungssaal A 101 des bayerischen Oberlandesgerichts in München angekündigt. Doch was der Anwalt eines Mitangeklagten im Dopingstrafprozess um den Erfurter Mediziner Mark Schmidt am ersten Verhandlungstag zu sagen hatte, ließ nicht nur die Vorsitzende Richterin Marion Tischler hellhörig werden. 

Helkenberg vertritt einen Erfurter Bauunternehmer, der Schmidt laut Anklage der Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft wesentlich dabei geholfen haben soll, mehr als 20 Athleten aus Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern mit Eigenblut zu dopen. Vor allem soll er notwendige Materialien für die Blutpanscherei transportiert haben.  

Für seinen Antrag richtete sich Helkenberg auf, rückte an den Tisch heran und sprach mit ruhiger, klarer Stimme ins Mikrofon. Immer wieder blickte er in Richtung des leitenden Oberstaatsanwaltes Kai Gräber. Der Verteidiger hatte viel Material gesammelt - und schnell wurde klar, dass das kein Vortrag von zehn Minuten werden würde.

In seinem 53 Seiten langen Statement griff Helkenberg die Staatsanwaltschaft schwer an, warf ihr vor, die Arbeit der Verteidigung behindert und ihre Ermittlungen mit rechtswidrigen Methoden vorangetrieben zu haben. Deshalb forderte der Anwalt, das Verfahren gegen seinen Mandanten wegen schwerwiegender Verstöße gegen das Recht auf einen fairen Prozess einzustellen. 

Im Kern legt der Verteidiger der Staatsanwaltschaft Folgendes zur Last:  

  • Vermeintlich rechtswidrige Ermittlungsmethoden: Neben der Staatsanwaltschaft München waren auch Privatermittler an der "Operation Aderlass" beteiligt. Wie diese an Informationen gelangten und was davon wiederum Eingang in die Ermittlungsakten fand, ist laut Helkenberg unklar. Dies müsse aber geklärt werden, denn: "Eine hoheitliche Aufgabe, wie es die Ermittlungstätigkeit darstellt, auf Private zu übertragen, verbieten das staatliche Gewaltmonopol und der Rechtsstaat mit seinen noch aktuellen Regeln." Sollte sich dies bewahrheiten, könnte es das Aus für den Münchner Prozess bedeuten. Mitte 2019 war in Italien ein Dopingverfahren gegen einen Arzt, einen Sportler und dessen Vater eingestellt worden, nachdem festgestellt worden war, dass die eingesetzten Abhörmethoden rechtswidrig waren.

  • Unvollständige Akten: Wie schon Schmidts Verteidiger Juri Goldstein moniert auch Helkenberg, dass die Akten, die den Anwälten von der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt werden, erhebliche Lücken aufweisen würden. Damit sei der Grundsatz des fairen Verfahrens verletzt. So seien etwa E-Mails, die Oberstaatsanwalt Gräber an mutmaßliche Zeugen im Ausland verschickt hatte, nicht mehr auffindbar. Auch Vernehmungsprotokolle eines Beschuldigten aus Innsbruck seien ohne Begründung nur in Teilen übermittelt worden. Ebenso fehlten Korrespondenzen mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada).

  • Unzulässige Untersuchungshaft: Wegen vermeintlicher Fluchtgefahr sitzt Helkenbergs Mandant seit Mitte März 2019 in einer bayerischen Justizvollzugsanstalt ein. Warum, erschließt sich dem Verteidiger nicht: Bereits am 27. Februar 2019 hatte es bei dem Thüringer Bauunternehmer eine Wohnungsdurchsuchung gegeben, bei der er als Beschuldigter belehrt worden sein soll. Rund drei Wochen später erfolgte dann die Festnahme - nicht auf der Flucht, sondern bei ihm zu Hause. Eine Beschwerde gegen den Haftbefehl wurde später vom Landgericht München verworfen.

  • Zuständigkeit des Landgerichts München II sei in vielen Fällen fraglich: Helkenberg moniert, dass nur drei der in der Anklage aufgelisteten Vorwürfe gegen Schmidt und seine Helfer überhaupt vor einem bayerischen Gericht verhandelt werden dürften. Mehr als 95 Prozent der mutmaßlichen Blutrückführungen an Sportlern seien im Ausland erfolgt. Zudem fielen viele der Punkte, die unter anderem dem Bauunternehmer vorgehalten werden, nicht unter die Strafbarkeit des Anti-Doping-Gesetzes, so Helkenberg.

  • Zweifel am Beginn des Ermittlungsverfahrens: Oberstaatsanwalt Gräber betont stets, dass die "Operation Aderlass" durch die Ausstrahlung einer ARD-Dokumentation am 17. Januar 2019 über den ehemaligen österreichischen Skilangläufer Johannes Dürr ausgelöst wurde. Helkenberg hat erhebliche Zweifel daran. Unter anderem gebe es in den Akten ein Schreiben der Nada, das sich auf den TV-Bericht beziehe, aber auf zwei Tage vor dem Sendetermin datiert ist, mit dem Hinweis: "Vorab per Mail." Ein weiteres Indiz: Österreichische Ermittler kannten bereits im November 2018 Aussagen von Dürr, die er gegenüber dem ARD-Team tätigte und in denen er den Arzt Schmidt und seinen ehemaligen Trainer Gerald Heigl als Dopingkollaborateure benennt. Wenig später, im Dezember 2018, fiel dann in Österreich der Beschluss, Heigl zu überwachen - gut einen Monat vor der ARD-Dokumentation. 

  • Aufbauschen des Prozesses: Bereits kurz nach der Festnahme von Schmidt und seinen Helfern sprach Oberstaatsanwalt Gräber vom "größten Erfolg im Kampf gegen Doping", Schmidts Netzwerk habe "weltweit" agiert. Ein Eindruck, der sich verfestigt durch die Anklageschrift - zumindest durch den Teil, der am Mittwoch bei Gericht verlesen wurde. Das waren allerdings nur 37 der 145 Seiten des gesamten Dokuments. Große Teile der Anschuldigungen gegen Schmidts Gruppe, die darin aufgelistet sind, sind aber bereits verjährt und damit nicht mehr strafrechtlich verfolgbar. Anwalt Helkenberg meint, dass "durch die von der Staatsanwaltschaft gewählte Gestaltung der Anklageschrift ein Verfahrensumfang suggeriert werden soll, der erst durch den Teil der Anklageschrift relativiert wird, von dem die Öffentlichkeit entweder gar nichts erfährt", oder in einer unkorrekten Art und Weise unterrichtet werde.

Abschließend bilanziert Helkenberg: "Die gravierende öffentliche Vorverurteilung, die massive Weiterleitung von Informationen an Teile der Presse, die unverblümt einräumt, sich auf Quellen der Ermittlungsbehörden berufen zu können, lassen ein faires Verfahren schlichtweg nicht zu, weil die permanente Stimmungsmache, die einem Bombardement gleicht, jede unvoreingenommene Herangehensweise zunichtemacht." 

Mit starrer Miene hörte sich Oberstaatsanwalt Gräber zunächst an, was sein Gegenüber zu sagen hatte, spielte mit seinem Stift. Dann begann er, sich Notizen zu machen. Was man ihm vorwerfe, so sagte er später in seiner kurzen Replik, stelle die Anklage und seine monatelange Ermittlungsarbeit keineswegs infrage. "Deshalb habe ich irgendwann aufgehört mitzuschreiben", sagte Gräber.  

Vorwurf der unvollständigen Aktenlage

Einen Einsatz "polizeifremder Ermittlungsbehörden" habe es aus seiner Sicht nicht gegeben. Dass man sich mit Ermittlern untereinander ausgetauscht habe, sei unbedenklich. Ein Fehlverhalten darin könne er nicht erkennen. Auf die detaillierten Vorwürfe ging er nicht weiter ein.

Bereits vor Prozessbeginn hatte der SPIEGEL die Staatsanwaltschaft mit dem Vorwurf der unvollständigen Aktenlage konfrontiert. Dem sei nicht so, ließ die Behörde in einer schriftlichen Antwort wissen, die Ermittlungsakten seien vollständig.

Doch nun wird zum wiederholten Mal der Vorwurf erhoben, dass die Staatsanwaltschaft womöglich nicht immer korrekt gearbeitet hat. Und dass sie für einen medienwirksamen Erfolg im Kampf gegen Doping im Spitzensport dem Prozess eine größere Bedeutung zumisst, als es dieser möglicherweise verdient. 

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