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FUSSBALL-EUROPAMEISTERSCHAFT Puls 60

Seit fast zwei Jahren ist Joachim Löw Nachfolger von Jürgen Klinsmann bei der deutschen Nationalmannschaft. Er wird als Trainer neuen Typs gefeiert, seine verbindlich-sachliche Art kommt an bei Publikum und Medien. Nun muss er sich das erste Mal bei einem Turnier beweisen.
Von Christoph Biermann
aus DER SPIEGEL 22/2008

Als der Bundestrainer vom Händewaschen kommt, läuft er in ein Blitzlichtgewitter, und im Presseraum warten schon die »Tigerenten«-Reporter vom Kinderfernsehen. Draußen an der Tribüne des Ono-Stadions in Palma steht auf einem Banner: »Bergtour 2008: Der nächste Schritt zum Gipfel«. So langsam wird es ernst für Joachim Löw.

Seit fast zwei Jahren ist er Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft, die Europameisterschaft wird das erste große Turnier sein, bei dem er allein für Erfolg und Misserfolg verantwortlich ist. Vergangenen Montag begann das Trainingslager auf Mallorca. Langsam müsste sich Nervosität einstellen. 190 akkreditierte Journalisten belauern die Mannschaft, aber bei der ersten Pressekonferenz sorgt Löw erst mal für ein paar Lacher. Am Ende wird er gefragt, was er dazu meint, dass die Bundesliga die meisten Spieler bei der Europameisterschaft stellt.

So recht fällt ihm dazu nichts ein. Er druckst ein bisschen rum, guckt seinen Pressesprecher an und sagt zu ihm mit einem Lächeln: »Das ist mir nicht vorgelegt worden.« Dann macht er eine kleine Pause, zuckt mit den Achseln und fügt schließlich hinzu, als ob er einen höheren Auftrag erfüllen müsste: »Ja dann, find ich gut.« Danach gibt es Beifall für den Bundestrainer. Wäre der Umgang mit der Öffentlichkeit ein Videospiel, würde man sagen: Joachim Löw , 48, hat gerade einen neuen Level erreicht. Man könnte auch sagen: Der Mann ist bei sich angekommen.

Das ist erstaunlich, weil die Erwartungen an Löw und seine Mannschaft enorm sind. Es gibt die Hoffnung im Land, Europameister zu werden, die Konkurrenz scheint nicht viel stärker zu sein, aber vor allem gibt es die große Erwartung, dass der Fußball dieser Mannschaft Spaß macht. Seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann war in solchen Zeiten der Druck anzumerken, er hatte dann schlechte Laune und war gereizt. Jogi Löw macht stattdessen Witze.

Er hat inzwischen die Fähigkeit, sich von Dingen abzukoppeln, die um ihn herum geschehen. Da gibt es zum Beispiel die Autogrammjäger, die ihm überall auflauern, in Bundesliga-Stadien oder bei Zugreisen aus seiner Heimatstadt Freiburg. Manchmal passiert es, dass sich jemand zu ihm an den Tisch setzt und ein bisschen plaudern will. Löw kann in solchen Momenten einen frostigen Ton in seine Stimme legen, ohne dabei unfreundlich zu sein. Er kann auch mit großem Vergnügen Szenen nachspielen, in denen er trotz aller Prominenz von aufgeregten Fans verwechselt wird. »'Ach, Sie sind doch der Trainer von Bayern München!' - 'Nee, das bin ich nicht.' - 'Aber Sie sind der Felix Magath.'«

Der stets als »nett« etikettierte Bundestrainer ist zwar wirklich fast immer freundlich, aber nicht gewillt, Volkseigentum zu werden. Vielleicht kannten bislang auch deshalb den komischen Löw nur seine Freunde, dem Rest hat er fast ausschließlich den Fachmann vorgeführt. Im vergangenen Jahr war er mal bei »Wetten, dass ...?« und tanzte dort mit einem als Frau verkleideten Thomas Gottschalk, aber das blieb ein einmaliger Ausflug in die Welt des Entertainments. Löw ist nicht mit Schauspielern, Popstars und Politikern befreundet, oder sollte er es doch sein, spricht er nicht darüber. »Es gibt Leute, deren Geschäft es ist, beim Filmpreis oder Bambi präsent zu sein, aber mein Geschäft ist ein anderes«, sagt er. Seine Frau begleitet ihn fast nie zu öffentlichen Terminen, er selbst kommentiert keine außersportlichen Ereignisse. So ahnt man nicht einmal, wo er politisch steht. Inzwischen hat Löw Sympathiewerte wie Günther Jauch.

Die Nationalspieler sehen in ihm ebenfalls den Fachmann, der Übergang von Klinsmann nach der WM 2006 verlief reibungslos. Der Bremer Verteidiger Per Mertesacker entkräftet auch das Vorurteil, dass es Löw vielleicht an Schwung fehle. »Zu sachlich ist er nicht. Es gab Spiele, da wurde er auch mal laut.«

Beispielsweise Anfang des Jahres gegen Österreich in Wien, wo die deutsche Mannschaft nie richtig bei der Sache war und es auch die Trainer nicht schafften, wie Löw heute sagt, »die richtige Energie zu übertragen«. Sogar die Fernsehzuschauer konnten ihn über die Außenmikrofone fluchen hören, als Mertesacker einen müden Querpass spielte: »Herrgottsack, diese Scheißbälle da!«

Das war bemerkenswert, weil Löw im Grunde ein Anti-Polterer ist, er gewinnt seine Schärfe aus der Analyse. »Intern schonungslos« seien die Einzelgespräche mit den Spielern, heißt es aus dem Kreis der Nationalmannschaft. Die Härte basiert jedoch nicht auf Lautstärke, sondern wo immer möglich auf Fakten. Löw konfrontiert die Spieler mit mangelnden Sprintwerten, schlechten Zweikampfbilanzen oder zeigt ihnen Videos mit Fehlern im Stellungsspiel.

Natürlich hat Löw den Job des Trainers nicht neu erfunden, aber er hat ihm eine andere Kontur gegeben, weil er das Spiel und alle seine Aspekte erklären will und kann. Im persönlichen Gespräch skizziert er in wenigen klaren Sätzen die Spielweise einzelner Bundesliga-Profis oder die Prinzipien der Defensivarbeit bei Werder Bremen. Selbst in Pressekonferenzen oder bei Fernsehinterviews nach Spielen fällt er manchmal in seinen Erklärmodus, bei dem er besonders wichtige Sätze ("Fouls stoppen Pressing!") wie in Trance wiederholt, als wären die Reporter schusselige Abwehrspieler.

Sein Chefscout Urs Siegenthaler, immer auch ein Trendforscher des Fußballs, benutzt in jüngster Zeit häufiger den Begriff des »intermittierenden Trainings«. Zu Klinsmanns Zeiten wäre daraus womöglich ein Kampfbegriff geworden - als Beleg dafür, wie modern und revolutionär es beim Nationalteam zugeht. Löw aber erwähnt ihn nicht einmal. »Vier Minuten volles Tempo und zwei Minuten Pause, das ist spielgerechtes Trainieren«, sagt er. »Wenn ich auf diese Weise arbeite, gewöhnen sich die Spieler an solche Rhythmuswechsel.« Das versteht wirklich jeder.

Aus dem, was unter Klinsmann noch Projekt war, ist unter Löw ein Standard geworden. Wer es sich leisten kann, holt dazu auch noch fußballfremde Spezialisten, vom Yogalehrer bis zum Basketballtrainer, wie sie auch auf Mallorca zum Einsatz kommen. Löw ist als Cheftrainer eher Mittelpunkt als Chef dieser Gruppe von Spezialisten. Zum inneren Kreis gehören, neben Siegenthaler, der Assistent Hans-Dieter Flick und Torwarttrainer Andreas Köpke. Wenn Siegenthaler die Schwächen eines Gegners referiert, »dann hinterfrage ich diese Informationen nicht mehr«, sagt Löw. Wenn Köpke sich für den jungen Torwart René Adler und gegen Timo Hildebrand entscheidet, macht er sich diese Entscheidung zu eigen. Die Idee, drei Spieler mehr nach Mallorca mitzunehmen, als zur EM-Endrunde fahren können, geht auf einen Vorschlag von Flick und Siegenthaler zurück. Mehr als 20-mal hat sich das Trainerteam in den beiden vergangenen Jahren zu Arbeitssitzungen getroffen, die man sich als lustvolle Fußball-Kolloquien vorstellen kann. »Wir reden gern im Detail über Fußball und haben wirklich Spaß dabei«, sagt Löw. »Aber manchmal übertreiben wir es auch.«

Die »Firma Löw« hat Urs Siegenthaler das Trainerteam vor ein paar Wochen bei einem Vortrag beim Weltfußballverband genannt, und er hat es auch nicht ausgeschlossen, dass ein Verein diese Firma wie ein Dienstleistungsunternehmen unter Vertrag nehmen könnte. Dass man also nicht mehr einen Trainer allein verpflichtet, sondern eine Gruppe. Sogar von Dolmetschern und einem Tanztrainer war die Rede.

Bei den Spielen der deutschen Mannschaft selbst allerdings wirkt Löw mitunter so, als ob ihn sein Unternehmen und dessen Hervorbringungen kaum interessierten. Vor der bislang letzten Partie, in Basel gegen die Schweiz, guckte Löw, als er das Stadion betrat, nur kurz auf seine Spieler, die sich warm machten. Dann winkte er Freunden auf den Rängen zu, während des Spiels lehnte er an einer Werbebande, schlug die Beine übereinander und schaute dem Spiel zu wie ein Passant. »Ich war völlig überzeugt, dass wir ein gutes Spiel machen würden«, sagt er.

Deshalb ist Löw auch davon überzeugt, dass er während der Europameisterschaft nicht in Wallung geraten wird. Als Assistent von Jürgen Klinsmann hatte er sich schon Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft 2006 Sorgen über seinen Umgang mit den Erwartungen im eigenen Land gemacht. Dann stellte er während des Turniers fest, dass sich dieses Problem schlicht nicht stellte. »Ich mache jede Wette, dass ich sogar beim Elfmeterschießen gegen Argentinien einen Puls von 60 hatte.« Den hat man sonst zu Hause auf der Couch, wenn man sich einen Tierfilm anschaut.

»Auch bei der Europameisterschaft wird es keinen Puls von 180 geben, sondern Ruhe und Ausgeglichenheit, aber mit der richtigen Anspannung«, sagt Löw. Im Laufe eines zweistündigen Gesprächs ist das der einzige Satz, dessen Tonlage ahnen lässt, wie schneidend scharf er klingen kann.

Es hat mit den Erfolgen der vergangenen beiden Jahre und auch mit seinem Naturell zu tun, dass er die Last weniger spürt als viele seiner Vorgänger. Löw hat aber auch etwas hinter sich gelassen, was viele seiner Kollegen stets im Griff hält. »Am Anfang meiner Karriere konnte ich nie abschalten«, sagt er, »ich war besessen von Fußball und wusste, dass es mich irgendwann auffrisst.« Das ist inzwischen vorbei. Genau erklären kann Löw nicht, welchen Exorzismus er da betrieben hat. Er habe sich Freunde gesucht, die mit Fußball nichts zu tun haben, sagte er. Und dass er sich manchmal ganz zurückzieht. Dass sein Bild vom Fußball klarer geworden sei, sein Verständnis des Spiels weltläufiger und er auch dadurch selbstsicherer.

Als er vor ein paar Wochen Gast im »Aktuellen Sportstudio« war, kam er auf dem Weg zur Maske an der Torwand vorbei, auf die alle Gäste schießen müssen. »Ah, da müsste ich noch einmal üben«, sagt er gerade so ernst, dass die Betreuerinnen des ZDF schon loslaufen wollten, um Bälle zu holen.

Während der Sendung bekamen die Leute den gewohnt verbindlich-sachlichen Bundestrainer zu sehen. Aber wenn er nicht im Bild war, wirkte er wie jemand, der über den Zirkus staunt, in den er da geraten ist. »Wir werden versuchen, die ersten sechs Spiele zu gewinnen«, sagte er zum Schluss, »dann sehen wir mal weiter.« Ein paar Zuschauer bemerkten den Scherz und kicherten. Sechs gewonnene Spiele, und Deutschland wäre Europameister.

Zum Betriebskick der Betreuer auf Mallorca kommt der Bundestrainer in kurzen Hosen und mit einem Shirt, auf dem »Mountainguide« steht. »Auf dem Platz erfährt man, wie ein Mensch ist«, sagt Teammanager Oliver Bierhoff und schießt Tor auf Tor.

Löw spielt in der gegnerischen Mannschaft im Schritttempo. Mit Ehrgeiz, sagt er, habe das Spielchen nichts zu tun. Bierhoff spottet: »Hier sieht man, dass Jogi ein Schöngeist ist.« Daraufhin stellt Löw sein Team um, Bierhoffs Tordrang ist gebremst. CHRISTOPH BIERMANN

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