Karriereende von Tony Martin Im Schmerz geboren

Handbruch, Wirbelbruch, Kieferbruch: Tony Martin beendet am Mittwoch nicht nur eine großartige Radsportkarriere. Seine zahlreichen Verletzungen, die er im Lauf der Jahre erlitt, zeugen auch von der Härte dieses Sports.
Tony Martin nach seinem Sturz bei der Tour de France 2013

Tony Martin nach seinem Sturz bei der Tour de France 2013

Foto: Tim De Waele / Corbis / Getty Images

Er ist vierfacher Weltmeister im Einzelzeitfahren, ein Weltklasse-Zeitfahrer, er hat an 13 Tour-de-France-Rundfahrten teilgenommen und fünf Etappen dort gewonnen, er hat Paris-Nizza für sich entschieden: Tony Martin ist einer der ganz großen Radprofis des vergangenen Jahrzehnts gewesen.

Aber wenn der 36-Jährige am Mittwoch bei der Weltmeisterschaft im belgischen Brügge für den Mixed-Wettbewerb ein letztes Mal professionell aufs Rad steigt, dann wird man sich auch an den unglaublichen Pechvogel Tony Martin erinnern.

Radsport ist ein ungemein harter Sport. Wie hart er wirklich ist, das kann Tony Martin am allerbesten berichten.

Der Blick auf seine Verletzungshistorie ist auch ein Menetekel dafür, was Radprofis durchstehen, aushalten, mitmachen in so einer Laufbahn. Eigentlich war es ein Tandem-Wettbewerb, diese Karriere von Tony Martin. Der Mann aus Cottbus saß gemeinsam mit dem Schmerz auf dem Rad.

Schon 2012 zu den Olympischen Spielen in London erschien im SPIEGEL ein Text mit der Überschrift »Weltmeister der Schmerzen«. Und dabei war das erst der Anfang.

Martin hatte sich im April des damaligen Jahres Jochbein und Kiefer gebrochen, dazu eine Fraktur der Augenhöhle und ein Riss im Schulterblatt. Im Training hatte ihn eine Frau mit dem Auto angefahren. »Meine linke Gesichtshälfte ist total zermatscht. Mein linkes Auge ist blutunterlaufen und total zugeschwollen«, nach dem Unfall war er 15 Minuten ohne Bewusstsein.

Weiter, immer weiter

Weiter, immer weiter

Foto: David Stockman / imago images / Belga

Zwei Monate später saß er für die Tour de France schon wieder im Sattel. Und gleich auf der ersten Etappe am 1. Juli stürzte Martin so unglücklich, dass er sich das Kahnbein der rechten Hand brach.

Trotzdem ging er am 1. August bei den Olympischen Spielen an den Start und gewann die Silbermedaille.

Die erste Etappe der Tour de France, für Martin ist das so eine Art Fluch gewesen. 2013, es ist die 100. Austragung der Tour, hat es ihn wieder gleich am Anfang der Frankreichschleife erwischt. Auf Korsika stürzt er. Die Diagnose: eine Lungenprellung, eine tiefe Fleischwunde am Ellbogen, Abschürfungen und Hämatome am ganzen Körper. »Mein Hintern ist auf beiden Seiten offen und auch der Rücken ist betroffen.« Es gibt ein berühmtes Foto, da sitzt er am Boden, blutend.

Martin bleibt hart, er macht weiter und wird die 11. Etappe triumphal gewinnen. Das klingt nicht hübsch, aber die Franzosen haben Martin den Spitznamen »Panzerwagen« gegeben.

Zwei Jahre später erlebt er das ganze Drama eines Radprofis innerhalb weniger Tage. Bei der Tour 2015 fährt Martin ins Gelbe Trikot, die ganze Welt schaut auf ihn. Es ist das Größte, was man als Radprofi erleben kann.

Die Euphorie hält zwei Tage an, kurz vor dem Ziel in Le Havre macht sein Rad nur einen kleinen Schlenker, es touchiert das Rad des Franzosen Warren Barguil, Martin verliert die Balance und kommt böse zu Fall, bricht sich das Schlüsselbein. Er quält sich unter irrsinnigen Schmerzen ins Ziel, muss auf dem Rad angeschoben werden. Aber es geht einfach nicht mehr.

»Es handelt sich um einen offenen Bruch mit vielen Trümmern. Ein Knochenteil stieß sogar durch die Haut«, teilt der Teamarzt anschließend mit. Martin wird sofort ins Unfallkrankenhaus nach Hamburg verlegt und operiert, um eine Infektion durch den offenen Knochen zu verhindern. Das war er, der Traum vom Gelb.

Im Gelben Trikot und trotzdem am Boden: Tony Martin 2015

Im Gelben Trikot und trotzdem am Boden: Tony Martin 2015

Foto: ERIC FEFERBERG / AFP

Ein Jahr später versucht es Martin zum nächsten Mal, er kämpft sich durch bis zur Schlussetappe nach Paris, dann sind die Knieschmerzen so unerträglich geworden, dass er die letzten Kilometer nicht mehr schafft. Die Champs Élysées fast in Sichtweite muss er aufgeben. Von seinen 13 Tour-Teilnahmen muss er fünf vorzeitig wegen Verletzung abbrechen. Kein Panzerwagen.

So auch 2018: Auf der achten Etappe nach Amiens stürzt er 17 Kilometer vor dem Ziel, die Lippe muss genäht werden, Martin klagt: »Ich habe große Schmerzen im Brust- und Rückenbereich«, im Krankenhaus stellen sie einen Wirbelbruch fest.

Martin hat immer die Sicherheitsmängel im Radsport angeprangert, gespeist durch die eigenen Erfahrungen. Als er am Sonntag seinen Rücktritt bekannt gibt, sagt er auch: »Wir haben um mehr Sicherheit gekämpft, sind aber nicht einen Schritt vorwärtsgekommen. Da setzt Resignation ein.«

2019 ereilt ihn das Schicksal bei der Vuelta, der Spanien-Rundfahrt. Auf der drittletzten Etappe nach Toledo stürzt er schwer, zieht sich zahlreiche Verletzungen im Gesicht zu, er ist gezeichnet von einer tiefen Wunde über dem rechten Auge. Mit den Folgen des Sturzes hat er monatelang zu kämpfen.

Tony Martin bei der Tour 2013

Tony Martin bei der Tour 2013

Foto: imago images / PanoramiC

2021 beginnt mit Paris-Nizza, dem Rennen, das er 2011 gewann und damit sogar an die Spitze der damaligen Weltrangliste aufstieg. Sein letztes Paris-Nizza erlebt ihn am Ziel nicht mehr, wieder ein Sturz, Martin bricht sich den Ellbogen.

Zur Tour de France ist er wieder da, es ist erneut die erste Etappe. Am Wegesrand hält eine Zuschauerin ein Pappschild in die Höhe und achtet nicht auf das heranrasende Peloton. Martin fährt an der Spitze, kann nicht mehr ausweichen, knallt auf den Asphalt, ein Massensturz ist die Folge. Angeschlagen beendet er die Etappe, zwei Tage später stürzt er erneut, als vor ihm der Brite Geraint Thomas zu Fall kommt und Martin mitreißt.

Wieder rappelt sich der Deutsche auf. Er schafft es bis zur 11. Etappe. Dann wird er von einer Bodenwelle erfasst, stürzt die Böschung herunter und prallt gegen einen Felsen. Wieder gehen die Bilder des blutüberströmten Tony Martin um die Radsportwelt. Prellungen, schwere Verletzungen im Gesicht, mehrere Zähne haben sich gelockert. Bis jetzt kann Martin keinen Apfel oder kein Brot essen, weil die Vorderzähne nicht fest genug sitzen.

»Warum es immer mich trifft, weiß ich nicht«, sagt er. Dass er bis zu diesem Herbst durchgehalten hat, ist angesichts dieser Biografie schon ein kleines Wunder.

Es sagt auch viel darüber aus, welche Sucht vom Radsport für die Sportler ausgeht. Mit 36 sagt Martin jetzt: »Mein Schutzengel hat jahrelang gut gearbeitet. Mein Glück hatten einige andere nicht. Dieses Glück möchte ich nicht überreizen.«

Was Andere als unfassbares Pech bezeichnen, nennt er Glück. Weil es noch schlimmer hätte kommen können. Eigentlich hatte Martin bei seinem Team Jumbo-Visma noch einen Vertrag bis 2022. Den hat er vorzeitig auflösen lassen, »ich will das meiner Familie nicht länger antun.«

Am Mittwoch ist also Martin letztes Rennen. Nach 15 erfolgreichen, leidvollen, aufregenden Jahren als Radprofi. Man weiß genau, was man ihm für dieses Rennen als allererstes wünschen soll.

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