Radsportstar Froome und der Machtkampf bei Ineos König ohne Untertanen

Sein neues Team wartet schon. Aber noch fährt der viermalige Toursieger Chris Froome für Ineos - und dort will ein neuer Anführer dem zuletzt verletzten 35-Jährigen das Feld nicht kampflos überlassen.
Ist er nach seinem Unfall wieder bereit? Chris Froome hofft im August auf seinen fünften Sieg bei der Tour de France

Ist er nach seinem Unfall wieder bereit? Chris Froome hofft im August auf seinen fünften Sieg bei der Tour de France

Foto: Vincent Kalut/ imago images

Warum Chris Froome beim Team Ineos keine Zukunft mehr hat, ist auch mit seinem Ehrgeiz begründbar. Man könnte Froome verbissen nennen. Eine Szene der Tour de France 2012 steht dafür stellvertretend: Der Brite hatte gerade den höchsten Punkt des Schlussanstiegs in Peyragudes erreicht, da drehte er sich zu seinem Kapitän Bradley Wiggins um und rief ihm zu: "Komm schon, beeil dich."

Der 27 Jahre alte Froome war damals Helfer in der Ineos-Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt noch den Namen Sky trug. Wiggins war ihr Anführer, er war es, den es auf dem Weg zum Sieg bei der Tour zu unterstützen galt. Froome demonstrierte in den Pyrenäen Hilfsbereitschaft, aber vor allem seine fahrerische Überlegenheit. Dort, in den Bergen der legendären Rundfahrt in Frankreich, schauen alle genau hin. Hier werden Sieger und Verlierer gemacht. Einen "teuflischen Mix aus Hilfsbereitschaft und Bloßstellung" nannte die "Neue Zürcher Zeitung" Froomes Verhalten.

Die Tour damals gewann Wiggins, aber er war auch der Verlierer. Und Froome der Gewinner. Jeder wusste nun, die Zukunft wird Froome gehören. Schon im nächsten Jahr fuhr das Team nur noch für ihn - er gewann die Tour de France. Von Erfolg zu Erfolg ging es weiter, Froomes Jahresgehalt wurde auf 4,5 Millionen Pfund angehoben. Der Rennstall unterwarf sich dem Briten komplett. Wie sehr, wurde spätestens 2017 deutlich, als nicht einmal ein positiver Dopingtest, eine fragwürdige Begründung und massive Kritik aus dem Peloton an seinem Ausnahmestatus rütteln konnten.

Sturz des Alleinherrschers

Nun, im September, könnte Froome die Tour de France zum fünften Mal gewinnen. Er könnte mit einer Radsportlegende wie Eddy Merckx gleichziehen und wäre damit endgültig einer der erfolgreichsten seines Sports.

Aber es könnte auch anders kommen.

Froome ist nach einem schweren Unfall vor einem Jahr nicht mehr der Alleinherrscher im Team. Schon 2018, als Froome noch dabei war, gewann sein vermeintlicher Helfer Geraint Thomas die Tour. Im vergangenen Jahr, als Froome verletzt fehlte, triumphierte Egan Bernal. Froomes Teamkollegen haben ihn überholt. Er ist jetzt 35. In die wegen der Covid-19-Pandemie verspätet gestartete Radsportsaison geht Froome als Suchender, er muss seine neue Rolle finden.

Sicher ist nur, wie diese Saison für ihn enden wird - und zwar mit der Trennung von Ineos. Eine Vertragsverlängerung wurde Froome nicht mehr angeboten. Möglicherweise kam es dazu auch, weil Nicolas Portal im März überraschend verstarb, der langjährige Sky/Ineos-Sportchef galt als Froomes treuester Verbündeter.

Auf der 17. Etappe der Tour de France 2012: Froome (vorne) dreht sich zu Teamkapitän Wiggins um

Auf der 17. Etappe der Tour de France 2012: Froome (vorne) dreht sich zu Teamkapitän Wiggins um

Foto: Yorick Jansens/ dpa

Bei Froome ist aber vor allem unklar, wie gut er nach seiner schweren Verletzung im Sommer 2019 noch ist. Mit Tempo 54 war Froome im vergangenen Juni beim Training gegen eine Hauswand gekracht. Dan Martin, der hinter ihm fuhr, sagte damals, Froome "hätte tot sein können". Der Brite lag mit Oberschenkel-, Hüft-, Ellenbogen- und Rippenbrüchen lange im Krankenhaus. Die ersten Trainingslager auf dem Weg zur alten Form musste er vorzeitig abbrechen. Und im Corona-Jahr fehlt ihm praktisch jede Wettkampfpraxis, bei der Tour durch die Vereinigten Arabischen Emirate im Februar wirkte er schwach und belegte nur den 71. Platz.

Die Zukunft von Ineos heißt Bernal

Die Zweifel an der vollständigen Genesung sind ein Grund, warum Ineos den Vertrag mit dem kostspieligen Froome nicht noch einmal verlängert hat. Aber nicht der einzige.

Seine Verbissenheit hat Froome nicht abgelegt, für sein Comeback hat er bis zu sieben Stunden täglich über Tausende Höhenmeter trainiert - und er fordert weiter die "alleinige Mannschaftsführungsposition im nächsten Abschnitt seiner Karriere" ein, wie Ineos-Chef Dave Brailsford nun sagte, aber auch ergänzte: "Das ist etwas, was wir ihm zum jetzigen Zeitpunkt nicht garantieren können."

Der Grund ist der junge Bernal.

Der Kolumbianer will nach seinem Vorjahressieg bei der Tour nicht wieder ins zweite Glied rücken. "Ich werde mich nicht aufopfern. Das würden sie auch nicht machen, keiner würde das tun", sagte der 23-Jährige zuletzt. Heißt: Sollte Bernal vor Froome einen Gipfel erreichen, er würde nicht wie Froome 2012 warten. Er würde einfach weiterfahren, immerhin ist er Titelverteidiger, er darf sich das erlauben. Aber auch Froome würde nicht anhalten. Wenn sich ihm denn so eine Chance überhaupt bietet.

Tour de France 2019 ohne Froome: Egan Bernal (l.) wird vom Ineos-Teamkollegen Geraint Thomas beglückwünscht

Tour de France 2019 ohne Froome: Egan Bernal (l.) wird vom Ineos-Teamkollegen Geraint Thomas beglückwünscht

Foto: Christian Hartmann / REUTERS

Ineos dominiert den Radsport seit Jahren, die drei Spitzenfahrer Froome, Bernal und Thomas, die bei jedem anderen Rennstall Teamkapitän wären, verdeutlichen das. Gleichzeitig liegt darin auch die Gefahr, dass die Kapitäne zuerst an sich denken und sich nicht gegenseitig helfen.

Froome wird die Ellenbogen ausfahren, davon kann man ausgehen: Er ist im Herbst seiner Karriere, sein Abschied steht fest. Was hat Froome schon zu verlieren? Zumal seine Zeit nach Ineos bereits geklärt ist. Froome wechselt zum aufgepeppten Rennstall Israel Start-Up Nation - und will Ineos angreifen.

Hauptverantwortlich für die Verpflichtung des vierfachen Tour-Siegers ist Sylvan Adams. Der israelisch-kanadische Unternehmer hat sein Geld im Immobiliengeschäft verdient und investiert nun in seinen Lieblingssport. Seit diesem Jahr gehört Israel Start-Up Nation zu den großen World-Tour-Teams und wird erstmals an der Tour de France teilnehmen. Mit dem starken Bergfahrer Dan Martin will das Team in die Top 10 der Gesamtwertung fahren - und nächstes Jahr soll dann schon der Sieg beim wichtigsten Radrennen der Welt her.

"Die Tour zu gewinnen, ist kein Traum"

Doch Adams fantasiert nicht. "Die Tour zu gewinnen, ist kein Traum. Das klingt, als sei das nicht zu erreichen", sagte er "sporza" . "Es ist unser Ziel. Ein erreichbares Ziel." Rick Zabel ist neben Sprinter André Greipel und Nils Politt einer von drei Deutschen, die für ISN fahren. Er sagt dem SPIEGEL: "Jemand wie Sylvan Adams denkt in anderen Sphären als unsereins das tut." Sein erstes Ziel habe Adams mit dem Status als World-Tour-Team erreicht: "Jetzt geht er mit Siebenmeilenstiefeln voran und will nächstes Jahr die Tour de France gewinnen. Das ist ein großes Ziel. Aber Sylvan Adams ist jemand, den man ernst nehmen sollte."

Vor allem, weil er das nötige Kapital hat. Immerhin hat sich ISN mit Froome den wahrscheinlich besten Grand-Tour-Fahrer gesichert, der aktuell auf dem Markt ist. Geld aber haben einige Teams, man muss es auch richtig einsetzen. Im Team wird jedenfalls schon über mögliche Zugänge gesprochen. "2021 ist noch hin, wir haben erst mal Ziele für dieses Jahr", sagt Zabel. "Aber man spricht natürlich schon darüber oder spekuliert, welche Fahrer noch kommen könnten. Froome wird noch ein paar Helfer brauchen. So eine Grand Tour gewinnt man nicht allein."

Noch fehlen ISN herausragende Bergfahrer, die dem Neuen zum Tour-Sieg verhelfen könnten. Der ehemalige Sky-Fahrer Richie Porte sowie Greg van Avermaet, Olympiasieger von 2016, gehören zu den möglichen Kandidaten.

Sylvan Adams (l.) ist selbst begeisterter Radsportler

Sylvan Adams (l.) ist selbst begeisterter Radsportler

Foto:

EMMANUEL DUNAND/ AFP

Am Ende aber, wenn es wieder in die Pyrenäen geht oder in die Alpen, wenn Froome am Hinterrad von Bernal hängt, dann wird es vor allem auf die Stärke des Briten ankommen. Wird er nächstes Jahr wieder mit den Großen mithalten können? Das lässt sich im Moment kaum beantworten.

Sein neuer Chef Adams ignoriert das öffentlich. Er spricht nicht nur vom Tour-Sieg, sondern von noch mehr Triumphen bei den drei großen Rundfahrten. Aktuell steht Froome bei sieben Siegen bei der Tour, dem Giro und der Vuelta. "Er könnte den mythischen elf Grand-Tour-Siegen von Eddy Merckx nahekommen", sagte Adams "sporza". "Dann müssten wir noch einmal überdenken, wer der größte Fahrer aller Zeiten ist."

Und das klingt dann angesichts von Ineos' Dominanz und Froomes ungewissem Comeback doch wie ein Traum.