Datenanalyse zum Radsport Kann die Tour de France sauber sein?

Die Glaubwürdigkeit des Radsports steckt seit Jahrzehnten in der Krise. Und bei der nun endenden Tour de France stellen Fahrer wie Tadej Pogacar Rekorde aus den Doping-Hochzeiten ein. Wie ist der Erfolg zu erklären?
Die Tour auf einem steinigen Weg

Die Tour auf einem steinigen Weg

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Thibault Camus / AP

Als Egan Bernal das Ziel auf dem Puy Mary erreichte, wirkte er resigniert. "Wenn ich mir meine Zahlen ansehe, gehören sie zu den besten Werten, die ich je erreicht habe", sagte er laut "sporza" . Und trotzdem wurde der Vorjahressieger der Tour de France abgehängt: Am Schlussanstieg der 13. Etappe rangen Primoz Roglic und Tadej Pogacar dem Kolumbianer 38 Sekunden ab. 

Die Leistungen der beiden Slowenen scheinen außergewöhnlich. Entsprechend wurde Roglic bereits mit der Dopingfrage konfrontiert. "Ich bin sauber, Sie können mir vertrauen. Ich habe nichts zu verbergen", sagte er.

Wer Führender der Tour de France war, wurde auch in den vergangenen Jahren oft skeptisch betrachtet. Das resultiert aus der dunklen Dopingvergangenheit des Sports. Umso interessanter ist die Frage, wie sich das Leistungsniveau bei der Tour seit den großen Skandalen um das Team Festina 1998 und den Dopingarzt Fuentes 2006 entwickelt hat. Ist die Durchschnittsgeschwindigkeit der Fahrer gesunken? Kommen sie die höchsten Berge langsamer hoch als die überführten Doper vor ihnen?

Auf dem Papier ist die Tour de France so sauber wie wahrscheinlich nie zuvor. Nur fünf Prozent des aktuellen Starterfelds wurden in der Vergangenheit des Dopings überführt, ein historisches Tief. Es könnte aber sein, dass es nicht dabei bleibt. Wenn Fahrer im Nachhinein positiv getestet werden, erhöht sich der Anteil. Das könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn Doper ein Mittel einnehmen, das mit Tests aktuell noch nicht nachweisbar ist. Auch unter den Mitarbeitern sind immer noch ehemalige Doper im Radsport. So zum Beispiel Bjarne Riis, Manager von NTT, oder Alexander Winokurow, Manager von Astana.

Seit der Festina-Affäre 1998 geht die Zahl der gedopten Fahrer kontinuierlich zurück. Damals war bei der Tour de France das Dopingmittel EPO im Hotelzimmer des Teambetreuers von Festina gefunden worden. Von über der Hälfte der Tour-Teilnehmer des Jahres 1998 weiß man heute, dass sie mindestens einmal verbotene Hilfsmittel verwendet haben. 2015 galt das nur noch für elf Prozent.

Doch die Geschwindigkeit der Fahrer bleibt auch seit dem Fuentes-Skandal 2006 fast unverändert hoch. Der damalige, wegen Dopings disqualifizierte Toursieger, Floyd Landis, fuhr die Strecke im Schnitt mit 41 km/h - genauso schnell wie Egan Bernal die Strecke von 2019. Dazu ein Blick auf die Grafik:

Wie schnell die Fahrer unterwegs sind, wird maßgeblich vom Terrain beeinflusst. Seit 1990 sind Bergetappen immer beliebter geworden. Dieses Jahr müssen sich die Profis acht Mal auf so einer schweren Strecke beweisen.

Die Tour ist kürzer, dafür bergiger geworden. Jörg Jaksche, Doper und Kronzeuge im Fuentes-Skandal, veranlasste das konstante Tempo 2019 zu der Aussage: "Es wird fast so schnell gefahren wie zu den Doping-Hochzeiten. Die Athleten greifen immer noch dazu. Weil es gewollt ist und weil es erwartet wird."

Doch von Doping zu sprechen, nur weil die Durchschnittsgeschwindigkeit konstant bleibt, wäre zu einfach. Denn diese wird nicht nur durch das Terrain, sondern durch viele weitere Faktoren beeinflusst: das Wetter, die Qualität der Straßen oder auch die Renntaktik der Teams.

Zudem hat sich die Technik verändert. Die Fahrer sind nicht mehr auf schweren Stahl-, sondern leichten Carbonrädern unterwegs. Die Räder wurden so leicht, dass der Radsportweltverband ein Mindestgewicht von 6,8 Kilogramm einführen musste.

Fest der Doper: Alpe d'Huez

Besser zu vergleichen als die Durchschnittsgeschwindigkeit ist die Leistung der Fahrer am selben Berg. Und der berühmteste Anstieg der Tour de France führt nach Alpe d'Huez. Bei insgesamt 30 Touren mussten die Radfahrer schon die Serpentinen hinaufkeuchen. Die ewige Bestenliste wird von Dopern dominiert.

Mit deren Spitzenzeiten können moderne Profis auf dem Weg nach Alpe d'Huez jedoch nicht mithalten. Die schnellste Fahrt der letzten fünf Jahre schaffte Nairo Quintana, als er 2015 auf den 22. Rang der ewigen Bestenliste fuhr.

Dieses Jahr ließ die Tour den berühmten Gipfel aus. Die Fahrer zeigten woanders aufsehenerregende Leistungen: Beim finalen Zeitfahren am Samstag war Pogacar, der neue Mann in Gelb, 1:21 Minuten schneller als der Zweitplatzierte Tom Dumoulin. Und auf der 8. Etappe erklomm Pogacar den Col de Peyresourde schneller als jeder andere Fahrer zuvor, 1:40 Minuten schneller als Lance Armstrong und Jan Ullrich 2001 . Den Rekord an diesem Anstieg hielt der überführte Doper Winokurow seit 2003.

Pogacar lud seine Etappe auf der Sport-Plattform Strava  hoch. Dort lässt sich genau nachvollziehen, was er an diesem Berg geleistet hat: Während der 24 Minuten des Aufstiegs trat er eine Leistung von 430 Watt in die Pedale. Auf sein Gewicht umgerechnet ergibt das 6,5 Watt pro Kilogramm. Mit dieser Größe messen Radsportprofis ihre effektive Leistung. In ihren Rädern sind Leistungsmesser eingebaut, die direkt die Zahlen liefern. Auf dem etwas kürzeren Schlussanstieg des Bergzeitfahrens brachte er Schätzungen zufolge  die gleiche Leistung - und errang damit das Gelbe Trikot.

Mit der Energie, die Pogacar dort an der Planche des Belles Filles in nur 16 Minuten abgab, kann man etwa eine Stunden lang einen Flachbildfernseher betreiben, um die Tour anzusehen.

Leistungen um die 6,5 Watt pro Kilogramm haben in der Vergangenheit auch überführte Doper gezeigt. Lance Armstrong fuhr mit ähnlicher Wucht beim Zeitfahren nach Alpe d'Huez hinauf und Alberto Contador hängte beim Giro d'Italia am Großglockner so die Konkurrenz ab. In der folgenden Grafik sind die Leistungen vor 2018 anhand von Steigung, Gewicht und Zeit geschätzt.

Ein Wert von 6,5 Watt pro Kilogramm an einem Anstieg ist nicht automatisch ein Beleg für Doping. Er wird, wie die Durchschnittsgeschwindigkeit, durch weitere Faktoren beeinflusst: die Dauer der Leistung, ob sich ein Fahrer zuvor schonen konnte, ob er den Anstieg in einer Gruppe erklimmen konnte. Oder auch die Lage des Bergs: Muss er am Ende einer 200 Kilometer langen Etappe erklommen werden, haben die Fahrer wahrscheinlich weniger Energie als bei einem Bergzeitfahren.

Letztendlich können die verglichenen Leistungswerte nicht beweisen, ob im Peloton gedopt wird. Sie können nur einen Hinweis darauf geben, ob die Fahrer heute ein ähnliches Leistungsniveau erreichen wie früher. Und daraus wiederum resultiert die Frage, wie diese Leistungen möglich sind.

Eine Antwort darauf ist, dass die Teams Grenzen austesten. Das Team Ineos, ehemals Sky, beispielsweise arbeitete mit medizinischen Ausnahmegenehmigungen. So durfte der vierfache Toursieger Christopher Froome ein Asthmamedikament benutzen, bei der Vuelta 2017 überschritt er gar den Grenzwert für das Mittel Salbutamol - ohne Konsequenzen.

Ein weiteres Beispiel ist die Verwendung von Ketone-Drinks als Nahrungsergänzungsmittel. Ketone werden eigentlich im Körper bei Anstrengungen gebildet, sie gelten vereinfacht gesagt als Reserveenergie. Verboten ist die Einnahme künstlicher Ketone nicht. Doch die Vereinigung für einen glaubwürdigen Radsport (MPCC) rät von der Verwendung künstlicher Ketone-Präparate ab, weil die möglichen gesundheitlichen Konsequenzen nicht bekannt sind. Manche Teams wie Jumbo-Visma - die Mannschaft von Primoz Roglic - benutzen Ketone dennoch.

Dopingexperte Fritz Sörgel formulierte es 2019 in der "Süddeutschen Zeitung"  drastisch: "Da wird alles genommen, was die Küche hergibt und die Chance hat, den Stoffwechsel Richtung Leistungssteigerung zu dirigieren." Sörgel glaubt auch, dass die Coronakrise, zu deren Beginn weniger Dopingtests stattfanden, von Fahrern und Teams zum Doping ausgenutzt wurde.

Maximilian Schachmann vom deutschen Team Bora-hansgrohe glaubt, dass der Sport sauberer geworden ist. "Ich kann nicht für das ganze Fahrerfeld meine Hand ins Feuer legen", sagte der 26-Jährige vor der Tour. Er denke aber, dass Fahrer und Teams es "mittlerweile verstanden haben".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung der "ewigen Bestenliste der Alpe d'Huez" waren die Fahrer Joaquim Rodriguez und Andy Schleck fälschlicherweise als Doper gekennzeichnet. Richtig ist, dass beide nie des Dopings überführt wurden. Wir haben den Fehler korrigiert.

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