Marcel Kittel über schweren Sturz in Polen "So was habe ich in meiner Karriere nie gesehen"

Nach dem schweren Sturz in Polen zeigt sich der frühere deutsche Profisprinter Marcel Kittel fassungslos über das Vorgehen des Niederländers Dylan Groenewegen. Er sagt aber auch: "Der ist kein schlechter Mensch."
Ein Interview von Antje Windmann
Beim Sturz in Kattowitz sind viele Fahrer zu Fall gekommen

Beim Sturz in Kattowitz sind viele Fahrer zu Fall gekommen

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ANDRZEJ GRYGIEL/EPA-EFE/Shutterstock

Es war einer der schwersten Unfälle in der Geschichte des Radsports. Bei der Polen-Rundfahrt hatte der niederländische Radprofi Dylan Groenewegen, 27, seinen Sprint-Konkurrenten Fabio Jakobsen, 23, in die Barrikaden gedrängt. Kurz vor der Ziellinie, in höchstem Tempo. Jakobsen zog sich bei seinem Sturz ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, einen gebrochenen Gaumen sowie eine Quetschung der Luftröhre zu. Nach einer fünfstündigen Operation wurde er in ein künstliches Koma versetzt. Auch ein Rennoffizieller wurde schwer verletzt, er befindet sich in stabilem Zustand.

Marcel Kittel, 32, sah das Unfallvideo auf seinem Handy. Vor seinem Karriereende im vergangenen Sommer (Lesen Sie hier mehr über Kittels Entscheidung ) war der Thüringer viele Jahre einer der Sprint-Stars im Profiradsport. Kein anderer deutscher Radprofi hat so viele Etappen bei der Tour de France gewonnen. Kittel hat selbst viele spektakuläre Zieleinkünfte miterlebt.

SPIEGEL: Sie sind die Polen-Rundfahrt mehrfach gefahren, haben die Etappe, auf der sich das Unglück gestern ereignete, 2011 gewonnen. Was macht diese Zieleinfahrt so besonders?

Marcel Kittel: Die Besonderheit dieser Etappe ist, dass sie in einem Bergstück in Kattowitz endet. Da ist so ein kleiner Stadtberg, den man im Finale hochfährt, keine große Schwierigkeit, aus sportlicher Sicht, vielleicht vier Prozent Steigung, aber dann macht man oben eine 180-Grad-Wende und fährt ihn wieder runter. Das beschleunigt den Sprint am Ende enorm, da haben alle am Ende ein ultrakrasses Tempo drauf. Dabei das richtige Timing zu haben, sich clever zu positionieren, entscheidet am Ende über den Sieg.

SPIEGEL: Welchen Respekt hat man selbst als erfahrener Sprinter vor so einer Zieleinfahrt?

Kittel: Wenn ich die Karte der Polen-Rundfahrt aufgeschlagen und gesehen habe, dass Kattowitz wieder dabei ist, hatte ich immer ein mulmiges Gefühl. Und das ging anderen auch so. Man weiß, da kann alles passieren. Eben weil man mit mehr als 80 Kilometern pro Stunde unterwegs ist, so schnell wie auf keinem anderen Zielsprint.

SPIEGEL: Wann haben Sie von dem Sturz erfahren?

Kittel: Wir saßen gestern mit der Familie im Garten und haben gegrillt. Ich habe dann kurz die Ergebnisse auf dem Handy checken wollen und gesehen, dass es einen schweren Unfall gab. Dann habe ich mir das Video angeguckt und war erst mal fertig. So einen schlimmen Sturz, so was habe ich in meiner Karriere nie gesehen.

SPIEGEL: Den Bildern nach zu urteilen: Wer hat die Schuld gehabt?

Kittel: Da gibt es nicht viel zu diskutieren: Eindeutig Groenewegen. Das Reglement gibt klar vor, dass man rücksichtsvoll zu fahren und der eigenen Fahrlinie zu folgen hat. Groenewegen ist aber massiv von seiner Fahrlinie abgewichen. Als Jakobsen in den Sprint reingegangen ist, waren noch zwei Meter Platz rechts neben Groenewegen, da wäre ich an Jakobsens Stelle auch losgefahren, reingegangen. Und dann sieht man ja, wie Groenewegen rüberzieht. Er ist nicht der Erste in der Geschichte des Radsports, der das macht, aber dass er dann noch den Ellenbogen nach rechts einsetzt, damit Jacobsen zu Fall bringt, das ist echt das i-Tüpfelchen.

Marcel Kittel vor seinem Karriereende im Trikot von Team Katusha-Alpecin

Marcel Kittel vor seinem Karriereende im Trikot von Team Katusha-Alpecin

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David Stockman/ BELGA/ DPA

SPIEGEL: Kennen Sie die beiden Fahrer?

Kittel: Ich kenne den Fabio nur vom Hallo sagen. Den Dylan habe ich ein paar Mal kennengelernt. Ich bin davon überzeugt, der wollte dort niemanden absichtlich verletzen, der ist kein schlechter Mensch, aber in dem Moment hat er seinen Erfolg über die Verantwortung für andere gestellt. Gerade als erfahrener Sprinter wie er, der schon bei der Tour de France auf den Champs-Elysées gewonnen hat, da musst du das im Griff haben. Ja, es geht um Erfolg, und in der Corona-Zeit, in der es nur wenige Momente gibt, in denen man sich präsentieren kann, will man diese vielleicht besonders nutzen - aber nicht um jeden Preis.

SPIEGEL: Viele fordern, Groenewegen streng zu bestrafen. Wie sehen Sie das?

Kittel: Groenewegen trägt die Verantwortung für das, was da passiert ist. So eine rabiate Fahrweise muss sanktioniert werden. Ich will nicht sagen, dass da ein Exempel statuiert werden muss, aber die Strafe muss den Konsequenzen gerecht werden, die sich daraus ergeben für Jakobsen und den Rennoffiziellen, der dort auch schwer verletzt wurde.

SPIEGEL: Seit Jahren gibt es Diskussionen um die Sicherheit der Sprinter bei den Zieleinfahrten, die der Höhepunkt fast jedes Rennens sind. Inwiefern werden zugunsten dieser Show Abstriche bei der Sicherheit der Fahrer gemacht?

Kittel: Was mir übel aufstößt, ist, dass die Rennfahrer nur als Opfer dargestellt werden. Jeder Sprinter ist sich der Gefahr bewusst, der er sich aussetzt, und hat das für sich akzeptiert. Aber im Umfeld, bei den Verantwortlichen passiert zu wenig. Damit meine ich die Veranstalter, aber auch die Leute im Weltverband UCI, die die Regeln vorgeben. Wenn man sagt, dass es an sich schon ein gefährlicher Sport ist: Warum ist die Sicherheit der Fahrer nicht die höchste Priorität? Warum abschüssige Zieleinfahrten wie in Kattowitz? Was ist grundsätzlich mit dem Streckendesign? Ja, wir bewegen uns im öffentlichen Raum beim Radfahren, da sind die Möglichkeiten begrenzt, aber in Sachen Sicherheit muss noch eine ordentliche Schippe draufgelegt werden.

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