Radsport-Skandal Ullrich-Betreuer Pevenage plaudert Dopingdetails aus

Dopingmittel in Coladosen, Asterix und Obelix als Decknamen - der frühere Radsportfunktionär Rudy Pevenage packt in einem Buch über Doping aus. Auch sein langjähriger Begleiter Jan Ullrich kommt nicht gut weg.
2004 gab es schon mal ein Buch über Jan Ullrich und Rudy Pevenage. Das fiel aber positiver aus

2004 gab es schon mal ein Buch über Jan Ullrich und Rudy Pevenage. Das fiel aber positiver aus

Foto: Christian Fischer/ Bongarts/Getty Images

Der ehemalige sportliche Leiter der Radsportteams Telekom, Bianchi und T-Mobile, Rudy Pevenage, hat flächendeckende Dopingpraktiken während seiner Zeit als Verantwortlicher zugegeben. In seiner Autobiografie "Der Rudy" plaudert der langjährige Begleiter von Deutschlands Radsportstar Jan Ullrich ausführlich Details über Dopinggebrauch in der Sportart aus. Das Buch erscheint zwar erst am Donnerstag, Auszüge daraus wurden aber im Vorhinein in belgischen Medien bereits veröffentlicht.

So hat Pevenage nach eigener Aussage im Vorfeld der Tour de France 2004 ein Hotelzimmer in Ostbelgien angemietet, von dem aus er die Verteilung von Dopingmitteln im Fahrerfeld organisiert habe. Pevenage war damals als persönlicher Betreuer Ullrichs tätig, allerdings nicht in offizieller Mission bei T-Mobile, für das Ullrich fuhr. "Ich hatte um einen zusätzlichen Kühlschrank gebeten, und dieser wurde auch in meinem Zimmer aufgestellt. An diesem Tag besuchte mich der ehemalige Mountainbiker Alberto Leon, wir nannten ihn Ali Baba", heißt es in dem Buch des Belgiers, das er in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Journalisten John van Ierland geschrieben hat.

Auch die spanischen Dopingärzte José Luis Merino und Eufemiano Fuentes, die sich ebenfalls in dem Hotel aufgehalten hätten, seien mit Decknamen versehen gewesen: Merino wurde als "Obelix" bezeichnet, Fuentes als "Asterix". Leon alias "Ali Baba" sei als Kurier ausersehen gewesen, er habe den Fahrern die Medikamente gebracht: "Ali Baba war ein perfekt aussehender Tourist“, so Pevenage. „Die Blutbeutel wurden sorgfältig in leere Milchkartons verpackt und mit einem Code versiegelt. Der Plan war, sie dem richtigen Fahrer gleich nach dem Abendessen in den jeweiligen Hotels zu übergeben. Manchmal geschah das auch tagsüber.“

Dopingmittel, gut gekühlt

Zudem habe man unter anderem doppelwandige Coladosen verwendet, in denen man Dopingmittel eingeschleust habe. "Die Dosen konnte man an der Oberseite öffnen, um die Medikamente dort hineinzutun. Durch die doppelte Wand blieb der Inhalt gut gekühlt, und von außen waren sie durch nichts zu unterscheiden von einer echten Coladose."

Ullrich sei in die Dopingaktivitäten jahrelang verwickelt gewesen, so Pevenage, der in dem Buch auch zugab, selbst als Aktiver gedopt zu haben. „Ich habe keine Angst mehr vor Reaktionen oder Bemerkungen“, teilt der 65-Jährige im Vorwort mit. „Ich möchte niemanden verletzen, sondern die Wahrheit darüber sagen, was ich durchgemacht und gesehen habe.“ Der Belgier galt als Mentor und enger Vertrauter Ullrichs, mehr als zehn Jahre lang stand er als Begleiter an der Seite des Toursiegers von 1997.

Pevenage, der als Profi 1980 das Grüne Trikot des Punktbesten bei der Tour de France gewann, war von 1995 zunächst bis 2002 Sportlicher Leiter bei Telekom gewesen. Danach wechselte er gemeinsam mit Ullrich zu Bianchi. Ullrich kehrte 2004 zu T-Mobile zurück, Pevenage folgte ihm ein Jahr später. Im Zuge der Dopingermittlung um Fuentes im Jahr 2006 wurden sowohl Ullrich als auch Pevenage suspendiert. Bereits 2010 hatte der Belgier in einem Interview mit der französischen Fachzeitung "L'Équipe" von der Verwicklung Ullrichs in die Praktiken des Dopingarztes Fuentes gesprochen: "Wozu soll es gut sein, weiter zu lügen?"

Der Internationale Sportgerichtshof Cas hatte 2012 Ullrichs Schuld als erwiesen angesehen und ihm unter anderem den dritten Platz bei der Tour de France 2005 aberkannt. Ullrich selbst hatte anschließend Kontakt zu Fuentes eingestanden. Er hatte allerdings auch dann noch seinen Standpunkt bekräftigt, nicht von Betrug sprechen zu wollen. "Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen", sagte er dem "Focus".

aha