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29. Juli 2019, 16:27 Uhr

Tour-Siegerteam Ineos

Die Stimmungskiller

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Die Tour de France war in diesem Jahr so spannend wie selten. Sieger Egan Bernal und Team Ineos arbeiten schon daran, das Rennen wieder langweilig zu machen - doch in den Niederlanden baut sich ein starker Gegner auf.

Etwas verloren lehnte Julian Alaphilippe im Gelben Trikot am Auto seines Teams Quick-Step. Gerade war die 19. Etappe der Tour de France am Col de l'Iseran gestoppt worden und der Franzose erkannte, dass Egan Bernal ihm das Maillot Jaune abgejagt hatte - nur zwei Tage vor dem Schluss der Tour. Wenig später, im Zielort Tignes, konnte Alaphilippe dann schon wieder lachen, als sein Teamkollege Enric Mas ihn Huckepack nahm und über die Straße trug.

"Ich bin erschöpft, glücklich und stolz darauf, was ich erreicht habe und was wir mit dem Team erreicht haben, das eigentlich nicht für den Sieg geschaffen war", sagte Alaphilippe später.

Genau das war das Besondere an der Tour, die in diesem Jahr so spannend war wie selten:

Zuletzt war das vollkommen anders. Als Team Ineos noch unter dem Namen Team Sky sechs der sieben vergangenen Frankreich-Rundfahrten gewonnen hatte, trugen die Sieger Bradley Wiggins, Christopher Froome und Geraint Thomas spätestens auf der 14. Etappe das Gelbe Trikot. Dann spannte sich der Sky-Zug vor das Feld, parierte Attacken seiner Gegner und fuhr souverän zum Sieg in Paris.

Team Ineos und die bröckelnde Dominanz

In diesem Jahr dagegen pedalierte Team Ineos oft nur in der zweiten Reihe und ließ andere Teams arbeiten. Mit dem verletzten vierfachen Tour-Sieger Froome fehlte der Équipe einer ihrer Kapitäne, Vorjahressieger Geraint Thomas war vor der Rundfahrt nicht gut in Form. Da konnte die Mannschaft im Nachhinein fast froh sein, dass Toptalent Bernal sich im Mai bei einem Trainingssturz das Schlüsselbein gebrochen hatte, deswegen nicht am Giro d'Italia teilnehmen und sich auf die Tour de France konzentrieren konnte.

In Zukunft wird die Kapitänsfrage bei Ineos noch spannender: Wird der 34 Jahre alte Chris Froome, dessen Vertrag bis 2020 läuft, bald verabschiedet? Rückt Geraint Thomas wieder in die Rolle eines Edelhelfers? Dem 22-jährigen Bernal gehört nach seinem Tour-Triumph jedenfalls die Zukunft. "Das ist der erste Titel von vielen", sagte Teamkollege Thomas. "Egan verbessert sich die ganze Zeit. Er ist dazu geboren, schnell bergauf zu fahren. Er ist ein phänomenaler Athlet. Er hat das beste Team zu seiner Unterstützung um sich herum und viele großartige Jahre vor sich."

Nach der spannenden Tour 2019 könnten also wieder eintönige Jahre auf die Große Schleife zukommen. Schließlich würde Team Ineos mit einem Kapitän Bernal und kletterstarken Helfern die alte Dominanz gerne wieder aufbauen. Und auch ohne sie hat Ineos in diesem Jahr die Tour gewonnen und mit Thomas den zweiten Platz besetzt. Um die Zukunft muss sich die Mannschaft durch gute Nachwuchsarbeit und das Sponsoring des milliardenschweren Chemieunternehmens Ineos keine Sorgen machen.

Movistar: Strategiewechsel in der Kapitänsfrage?

Vom großen Tour-Triumph hat sich Ineos' Konkurrent Movistar derweil noch weiter entfernt. Seit Jahren geht das spanische Team mit Topfahrern wie Nairo Quintana, Alejandro Valverde und Mikel Landa an den Start. Das Gelbe Trikot hat aber noch keiner von ihnen gewonnen. Vielleicht auch, weil sich die Mannschaft nicht auf einen Kapitän konzentrieren kann.

Giro-Sieger Richard Carapaz soll laut Medienberichten künftig für Ineos fahren. Nairo Quintana steht offenbar vor einem Wechsel zum französischen Team Arkéa-Samsic, Mikel Landas Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Der Sechstplatzierte der Tour hat wohl noch kein Angebot zur Verlängerung erhalten. Die Spanier wollen sich offenbar neu aufstellen, um es zumindest wieder auf das Treppchen des wichtigsten Radrennens der Welt zu schaffen. Die alte Strategie ging nicht auf.

Tom Dumoulin als niederländischer Hoffnungsträger

Unterdessen wächst in den Niederlanden ein neuer Konkurrent heran, der Ineos angreifen könnte. Das Team Jumbo-Visma gewann vier Etappen bei der Tour, in den Bergen führten Laurens De Plus, George Bennett und der Drittplatzierte Kruijswijk oft das Peloton an. Im kommenden Jahr könnte das Team prominente Verstärkung bekommen. Der Niederländer Tom Dumoulin, Giro-Sieger 2017 und Zweiter der Tour 2018, soll laut "Cycling Weekly" zu Jumbo-Visma wechseln. Verletzungsbedingt fehlte der Mann vom deutschen Team Sunweb in den vergangenen Wochen in Frankreich.

Wie bei Ineos würde auch bei Jumbo-Visma die Kapitänsfrage gestellt: Würde das Team bei der Tour für Dumoulin fahren oder für Kruijswijk? Oder doch für Primoz Roglic, der 2018 Vierter der Tour wurde und im Mai auf das Podium beim Giro fuhr? Wie auch immer sich die Niederländer entscheiden, im kommenden Jahr werden sie Team Ineos wieder herausfordern.

Das ist auch das Ziel des deutschen Topfahrers Emanuel Buchmann. Nach seinem vierten Platz in Paris will der 26-Jährige nächstes Jahr auf das Podium. "Wir müssen schauen, dass wir mit mehr Bergfahrern an den Start gehen", sagte der Kapitän des deutschen Teams Bora-hansgrohe: "Wenn man ganz vorne mitfahren will, braucht man ein superstarkes Team."

Wer das hat, könnte die Tour bald wieder langweilig machen.

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