Spanienrundfahrt Vuelta a España Angriff auf die Tour de France

Die Vuelta a España stand lange im Schatten vom Giro d'Italia und der Tour de France. Doch sie hat sich mit neuen, harten Strecken attraktiver gemacht - zum Leidwesen der Sprinter.

Primoz Roglic (l.) und Alejandro Valverde (r.) zählen zu den besten Bergfahrern der Vuelta
Jose Jordan / AFP

Primoz Roglic (l.) und Alejandro Valverde (r.) zählen zu den besten Bergfahrern der Vuelta

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Was bei der Vuelta a España wirklich zählt, wusste John Degenkolb schon vor dem Start. "Man muss überleben", sagte er. "Damit man überhaupt zum Sprint kommt." Sein Konkurrent Sam Bennett hatte auf der dritten Etappe überlebt, zumindest bis zu seinem Sprintsieg in Alicante. "Ich bin ziemlich tot", sagte der Ire, als er später quer auf der Rückbank des Autos lag, das ihn ins Hotelzimmer fuhr.

Degenkolb und Bennett sind Fahrer, die es auf Etappensiege abgesehen haben, vor allem bei Sprints. Doch dafür bietet die Vuelta kaum noch eine Gelegenheit. Wenn eine Etappe als Flachetappe gekennzeichnet ist, dann können die Sprinter damit rechnen, dass sie vor dem Ziel mindestens einen schweren Anstieg bewältigen müssen.

Typisch Vuelta

Dass immer wieder giftige Rampen gesetzt werden, ist ein Markenzeichen der Vuelta, der jüngsten der drei großen Rundfahrten. Doch das war nicht immer so, denn die Spanienrundfahrt brauchte Jahrzehnte, um ihren heutigen Platz neben der Tour de France und dem Giro d'Italia zu finden.

Häufig führt die Vuelta steile Anstiege hinauf - sogar bei vermeintlichen Sprintetappen
Javier Lizon/EPA-EFE/REX

Häufig führt die Vuelta steile Anstiege hinauf - sogar bei vermeintlichen Sprintetappen

Die Vuelta, 1935 erstmals ausgefahren, war lange nur bei spanischen Fahrern und Teams beliebt. Das änderte sich ab 1995, als die Vuelta in den Spätsommer verlegt wurde und mehr Topstars anlockte. Dass die Strecke aber von Jahr zu Jahr schwerer wurde, um mehr Spannung zu erzeugen, sorgte auch für Kritik - unter anderem vom deutschen Team Telekom. "Die Vuelta soll wohl stärker etabliert werden und deshalb wird versucht, die Tour zu kopieren", sagte Teamsprecher Matthias Schumann damals: "Mit der Tour de France lässt sich das Rennen aber nicht vergleichen."

Als der Tour-Veranstalter nach Spanien kam

Spätestens als die Amaury Sports Organisation, der Veranstalter der Tour de France, 2008 auch bei der Vuelta einstieg, kam diese Erkenntnis wohl auch in Spanien an. Die ASO veränderte die Vuelta einerseits freiwillig, andererseits aber auch aus der Not der damaligen Finanzkrise heraus. Die Wirtschaft hatte weniger Geld zur Verfügung, die Städte wollten sich die teuren Aufwendungen als Etappenorte nicht mehr leisten. So sah sich Renndirektor Javier Gullién nach neuen Vuelta-Regionen im spanischen Hinterland um und fand zuvor nicht befahrene Anstiege, wie zum Beispiel den 23 Prozent steilen Berg im 4000-Einwohner-Dorf Valdepeñas de Jaén.

"Wir haben eine Wette auf diese Spektakel abgeschlossen, und es hat sich für uns ausgezahlt", sagte Guillén vor zwei Jahren bei "VeloNews". Sein Rennen hat sich neben der Tour und dem Giro etabliert. "Wir suchen die 'monumentalen' Momente aus, diese explosiven Anstiege, diese unmöglichen Rampen, damit das Rennen zu einem ehrlichen, brutalen Kampf Fahrer gegen Fahrer wird." Die Vuelta sollte offenbar nicht so wie die Tour werden, sondern noch schwerer und unberechenbarer.

Das spiegelt sich in den Strecken der vergangenen Jahre wider: Die Vuelta war zuletzt häufig ein paar Hundert Kilometer kürzer als die Tour de France, das entspricht in etwa ein bis zwei Etappenlängen. Dafür setzte die Spanienrundfahrt jedoch auf mehr steile Anstiege. Oder wie es der britische Radsportjournalist und Blogger Will Newton in seiner Vorschau auf die diesjährige Vuelta schrieb: "Sie führt über verrückte und manchmal völlig barbarische Routen, die vom Teufel selbst organisiert zu sein scheinen."

Studie belegt gleiches Leistungsniveau

Der spanische Sportwissenschaftler Alejandro Lucía verglich bereits zu Beginn des Jahrtausends Leistungsdaten von Fahrern, die sowohl bei der Tour de France als auch bei der Vuelta a España gefahren waren. Die Analyse zeigte, dass die Fahrer in Spanien trotz der kürzeren Strecke die gleichen Energieleistungen vollbrachten wie in Frankreich. Seitdem ist die Vuelta etwas länger, aber im Profil nicht einfacher geworden. Daher ist davon auszugehen, dass dieselbe Studie heute zu ähnlichen Ergebnissen kommen würde.

Auch die diesjährige Vuelta zeigt wieder die Merkmale, die sie in der Vergangenheit vom Giro und der Tour abgegrenzt haben. Die wenigen Sprintetappen, bei denen zudem noch steile Anstiege warten, sind nur einer davon.

Attacke in Andorra

Ein weiteres Beispiel für die typische Vuelta-Streckenplanung zeigt die neunte Etappe am Sonntag in Andorra: Sie ist zwar lediglich 94,4 Kilometer lang, hat es mit fünf Bergwertungen aber in sich, darunter der Coll de la Gallina, ein Berg der schwersten Kategorie, und der Weg hoch auf über 2000 Meter nach Els Cortals d'Encamp. Auf der neunten Etappe wird zwar keiner der Mitfavoriten wie Primoz Roglic oder Miguel Ángel López den Gesamtsieg perfekt machen, aber den Kampf um das Maillot Rojo können einige hier schon verlieren.

Bei der vergangenen Tour de France machten sich die Streckenplaner um Christian Prudhomme gar keine Mühe, zu verstecken, dass sie für Bergfahrer ausgelegt war. Dabei hoben sie sogar hervor, dass gleich fünf Bergankünfte eingeplant seien. Nun, bei der Vuelta sind es acht, bei weniger als 100 Kilometern weniger.

Die Tour de France und die Vuelta a España, sie nähern sich weiter einander an.

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chense90 01.09.2019
1. Leider falsch analysiert ...
... die Vuelta und Letour könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Tour zeichnet sich durch wenige Bergetappen die dann dafür mit vielen langen Anstiegen aus und dadurch, dass sie Allroundertauglicher ist ... da ist für jeden was dabei (außer vllt. heuer für die Zeitfahrer) Bei der Vuelta hingegen sind alle anderen als Puncheure und Sprinter nur nerviges Beiwerk. Man versucht jede Etappe so zu planen, dass sie das GC entscheiden kann und hat außer den Pyrenäenetappen noch unzählige kleine giftige Zielankünfte. Dazu sind die Berge zwar meist kürzer aber dafür steiler als bei der Tour (teilweise schon fast wie überlange Hellinge) ä. Zeitfahrer sind obwohl es mehr Zeitfahrkilometer gibt meist auch nicht bevorzugt, da das zweite Zeitfahren oft sehr spät liegt und ein hartes Profil aufweist, das eher die zeitfahrstarken Klassementsfahrer bevorzugt.
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