Radsport-Idol Merckx wird 75 Belgiens Sehnsucht

Eddy Merckx feiert seinen 75. Geburtstag - und das ganze Radsportland Belgien feiert mit. Das Sport-Idol hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Und seinen Nachfolgern damit ein schweres Erbe hinterlassen.
So hat er in seiner Karriere mehr als 500 Mal gejubelt. Eddy Merckx, der Kannibale, wird 75

So hat er in seiner Karriere mehr als 500 Mal gejubelt. Eddy Merckx, der Kannibale, wird 75

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Keystone/ Getty Images

Eigentlich sollte man Remco Evenepoel bedauern. Der junge Mann ist gerade erst 20 geworden und bringt schon alles für einen perfekten Radprofi mit. Er hat Schnellkraft, kann lange Distanzen in hohem Tempo mitgehen, er hat schon gute Resultate bei Eintagesklassikern und Rundfahrten zu verbuchen.

Remco Evenepoel hat nur ein Problem: Er ist Belgier.

Belgien ist ein Radsportland, es ist vom Radsport noch beseelter als die Nachbarn Frankreich und Niederlande, die Flandern-Rundfahrt mit dem berühmten Koppenberg gehört zum nationalen Kulturgut, es ist vor allem das Land von Eddy Merckx. Berühmtester Belgier, Idol, Belgiens Sportler des Jahrhunderts, bester Radrennfahrer des 20. Jahrhunderts, sein heutiger 75. Geburtstag ist eine Art zweiter Nationalfeiertag. Jeder, der in Belgien in die Pedale tritt und ein bisschen Talent hat, muss den Vergleich mit ihm aushalten. Und kann nur verlieren.

1978 ist Merckx vom Rad gestiegen und hat seine einzigartige Karriere beendet. Fünf Toursiege, fünf Giro-Triumphe, sieben Mal hat er Mailand-Sanremo für sich entschieden. Aber im Grunde fährt er immer noch mit. Bei all seinen Nachfolgern sitzt er als Schatten hinterm Sattel. Belgien hat seitdem viele große Fahrer gehabt, aber es hatte eben keinen Merckx mehr. Weil es so einen vermutlich nie mehr geben kann. Den Nachfolgern war diese Aussicht schwacher Trost.

Remco Evenepoel mit seinem Team Quick Step

Remco Evenepoel mit seinem Team Quick Step

Foto: Vincent Kalut/ imago images/Panoramic International

Evenepoel hat im Vorjahr die Belgien-Rundfahrt gewonnen, er siegte bei der Clásica San Sebastián im Baskenland, bei der WM errang er die Silbermedaille im Einzelzeitfahren. Und sofort waren die Vergleiche wieder da. Ist er der neue Merckx? Der große Mann selbst hat das Feuer geschürt und in einem Interview gesagt, Evenepoel könne noch besser werden als er, habe "alle Qualitäten, das zu schaffen". Die Presse hat Evenepoel schon das Etikett "der Kannibale von Scheepdal" angeklebt. Der Kannibale, so haben sie Merckx genannt, weil er immer alles gewinnen wollte und alles gewonnen hat. Weil er die Konkurrenz aufgefressen hat. Weil er nie satt wurde.

Boonen ist dem Schatten davongesprintet

Die Geschichte des belgischen Radsports, sie ist seit Merckx vor allem eine Geschichte derjenigen, die sich an dem Erbe versucht haben: Von Eddy Planckaert bis Claude Criquielion, von Freddy Maertens bis Johan Museuuw, von Greg van Avermaet bis zum Strahlemann Tom Boonen, dem Sprinter- und Klassikerkönig, wahrscheinlich derjenige, dem es am ehesten bisher gelang, dem Schatten von Merckx auszureißen, ihm wegzusprinten.

Aber Boonen war eben auch kein Rundfahrer, der Giro, die Tour de France, die Vuelta, die härtesten Herausforderungen des Radsports waren für ihn nur Möglichkeiten, einzelne Etappen zu gewinnen. Auch etwas Großes, aber nicht das Größte. In Belgien haben sie Boonen geliebt, so wie sie jetzt Philippe Gilbert, den wallonischen Klassikerspezialisten, mögen. Aber zum Denkmal reicht es selbst für ihn nicht, obwohl er bis auf Mailand-Sanremo alle berühmten Monumente des Radsports, die großen Eintagesrennen, gewonnen hat. Monumente des Radsports, was für ein kolossaler Begriff, aber eigentlich hat Belgien nur ein Monument. Das heißt Merckx.

Ihm nahezukommen, das ist eine Bergwertung der allerersten Kategorie, manche sind an diesem Berg regelrecht zerschellt. Wie Frank Vandenbroucke, auch er galt mal als einer der Merckx-Erben. Labil und ehrgeizig gleichermaßen, einer, der alles versucht hat, um nach oben zu kommen. Vandenbroucke wurde zu einem Sinnbild der Doping-Generation, gescheitert, von Depressionen geplagt, früh gestorben. Eine tragische Geschichte. Wie von so vielen im Radsport.

Doping ist Teil der Geschichte

Doping. Auch das gehört zur belgischen Radsporthistorie, auch das gehört zum Erbe von Merckx. Das Radsportdenkmal, es war in dieser Hinsicht kein Unschuldiger. Und um sein Level zu erreichen, haben viele nach ihm zu illegalen Mitteln gegriffen. Und es doch nicht geschafft. Eddy Merckx kann man nicht einholen.

Axel Merckx, auch mal beim deutschen Team T-Mobile

Axel Merckx, auch mal beim deutschen Team T-Mobile

Foto: STEFANO RELLANDINI/ REUTERS

Sein Sohn Axel hat es jahrelang versucht, man darf wohl sagen, er hat sich abgestrampelt. Das muss das Allerschwerste sein: als Radprofi auch noch den Namen Merckx zu tragen. Axel Merckx war mal Zehnter der Tour, er hat Bronze bei den Olympischen Spielen gewonnen. Das wären anderswo echte Erfolge. Aber Bronze für einen Merckx, was ist das schon?

Der große alte Mann, er fährt immer noch regelmäßig seine Runde, seine 50 bis 60 Kilometer, auch jetzt wieder, obwohl er in diesem Jahr auf der Intensivstation lag. Merckx hatte sich böse Kopfverletzungen zugezogen. Ein Sturz vom Rad, natürlich, was sonst?

Remco Evenepoel hat, auf das große Vorbild befragt, abwehrend gesagt, er wolle alles sein, aber bitte nicht mit Merckx verglichen werden. Ein kluger Wunsch. Aber nützen wird es ihm nichts. Er ist nun mal Belgier.