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SPIEGEL Essay Randale im Stadion

Professor Volker Rittner, 39, ist Leiter des Instituts für Sportsoziologie und Freizeitpädagogik an der Deutschen Sporthochschule Köln. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Ist mit den Ereignissen im Heysel-Stadion von Brüssel eine Büchse der Pandora geöffnet worden? Manche Reaktionen in der Öffentlichkeit könnten so verstanden werden.

Fußballkrawalle, auch die ganz schlimmen, sind keine Katastrophen nach Art von Naturgewalten. Die Ergebnisse der einschlägigen empirischen Forschung widersprechen dem ganz entschieden.

In der Internationale der Krawalle gibt es Gemeinsamkeiten wie große Differenzen und unterschiedliche Traditionen. In der Bundesrepublik beispielsweise spielt Arbeitslosigkeit nicht - noch nicht - den ihr zugedachten dominanten Part im Unterschied wohl zu England; die Krawallmacher siedeln keineswegs ausschließlich am untersten Boden der Gesellschaft. Alkohol ist lediglich ein Glied in einem breiten Spektrum brisanter Faktoren.

Fans haben ein besonderes Verhältnis zu ihrem Körper. Normen der körperlichen Stärke, die teils ein Relikt der Arbeiterkultur sind, teils Moment demonstrativ dargestellter Jugendlichkeit, regulieren den prompten Einsatz der Fäuste und ein Ethos der Tat. Die größere körperliche Risikofreude und Formen von Abenteuerlust verdanken sich Orientierung maskuliner Selbstbehauptung. Gewaltbereitschaft, eine spezielle Affektstruktur und Ästhetik, Normen der Gruppenzusammenhänge, Lerngeschichten des bewährten Einsatzes des Körpers und eine größere Schmerzenshärte stehen in einem systematischen Zusammenhang. Sie ermöglichen den Ersatz von Argumenten durch den Körpereinsatz, die Anerkennung läßt manche Wunde schneller heilen und gibt Narben Prestige.

Schon das inszenatorische Moment des öffentlichen Auftritts von Fans - der Wille zur Öffentlichkeit - eine ihnen eigene »Öffentlichkeitsarbeit« und damit verbundene Momente eines gestaltenden Willens zeigen die Unzulänglichkeit von Annahmen blinden Triebverhaltens. Fan wird man durch einen sozialen Prozeß, in dem man eine soziale Rolle erwirbt und darstellt.

Treibende Momente sind häufig drastische Vorbilder, nicht selten Initiationsriten und eine Faszination durch die Ästhetik der Gewalt und Aktion. Mancher Gymnasiast, nicht wenige Lehrlinge mit Ausbildungsvertrag - Kinder von Angestellten, Beamten, Handwerkern - sind engagiert und relativieren die Theorien der sozialen Unterschicht.

Keineswegs sind die gehobenen sozialen Schichten immun gegen die Ästhetik und Moral der Gewalt. Auch in England gibt es einen Dandyismus der Gewalt in Gruppen der gehobenen Mittelschicht und eine Erotik der bösen Tat. Mädchen, deutlich unterrepräsentiert, sind ein besonderes Kapitel der Fan-Gruppen-Empfindsamkeit. Regelgeleitet, straff und ordentlich ist auch der Umgang mit den Fan-Bräuten.

Fanrollen, gerade auch die aggressiven Auslegungen, sind öffentliche Rollen. Dem entsprechen die Schlachtgesänge der Marschkolonnen, Fahnen, Transparente, martialische Monturen sowie die dargestellte Bereitschaft, jederzeit und überall aus der Haut und allen zivilen Rollen zu fallen. Viel Mummenschanz ist im Spiel. Opernhafte Momente, Pöbel könnte nicht besser dargestellt werden, zeigen die vom Bahnhof durch die Innenstädte ins Stadion ziehenden polizeigesäumten Fanzüge.

Die Schaufenster vibrieren und die Passanten. Trotz alledem sind die Aktionen zumeist viel harmloser als ihr Bild; sie sind mehr Symbolik und Dramaturgie als Realität. Die militante, klirrende Prozession ist eine Art natürlicher Breitwand-Film, es gibt Show und Theatralik. Man spielt Indianer; es gibt Skalpjagden, Katz-und-Maus-Spielen mit der Polizei, Regelmäßigkeiten, Sensibilitäten und Ansprüche auf gute Darstellung.

Es geht um Darstellung. Dramatis personae sind die Fangruppe als Wir-Gruppe, teils sind es feste Gruppen, teils lockere Fast-Gruppen, aber auch Stehkurven-Gemeinschaften, dann die Polizei, natürlich die gegnerischen Fan-Gruppen und schließlich auch die unbescholtenen, aber schreckbaren Bürger. In den Medien schließlich wird man den antiken Chor sehen dürfen, der die Taten für die Nachwelt festhält und den allgemeinen Kommentar spricht.

So paradox es klingen mag, das von den gewalttätigen Fans gepriesene Beutemachen, die Jagd nach Trophäen und die vielfältigen Mutproben setzen Stabilität voraus. Damit Unordnung, »action«, Randale möglich sind, bedarf es der Ordnung, nicht nur der Ordnung, die man stören und irritieren will und die man als Stimulans benötigt; es bedarf auch der Ordnung im eigenen Lager, das nur begrenzt chaosfähig ist.

Der massive Einsatz der Kräfte, das Spiel mit dem Risiko und die singulären Gewaltakte benötigen gehörige Portionen von Moral. Die Eroberung gegnerischer Fan-Schals, Mützen, Maskottchen, gar der Fahne gebietet psychischen und gestalterischen Aufwand. Die Dynamik der Handlungen, das ständige Auf-dem-Sprung-Sein benötigt Motive wie moralische Prinzipien und bestätigt sie immer wieder neu.

Rituale regulieren und kontrollieren Emotionen wie Handlungen. Manches ist heiliger Ernst, ihm entsprechen Begriffe von Ehre, Vorstellungen von Treue, Bindung, Solidarität und quasireligiöse Motivstrukturen. Die Fans machen sie mit den Körpern und Muskeln und breitbeinigen Gangarten geltend, sie gestalten Fan-Öffentlichkeit.

Tatsächlich treten Personen in diesem Fall - so wie es Hegel hinsichtlich des antiken Helden beschrieb - ganz und gar für ihre Taten ein und sind sie diese Taten. Damit strömt den Fans auf Zeit Macht zu. Spezifische Ansprüche an die Realität korrespondieren damit. Es gibt den Anspruch auf intensiviertes und dramatisches Erleben.

Es ist ausgesprochene Meinung von mehr als 50 Prozent der deutschen Fans, daß im Stadion üblicherweise verbotene Dinge möglich sind, so eine Studie des Kölner Sozialpsychologen Hans Stollenwerk. Unter den Fahnen und der plakettenübersäten Montur blüht das Ich auf und wird ein sozialer Raum geringerer Kontrollen und ein damit verbundenes stärkeres Selbstempfinden genossen.

Fußballstadion-Atmosphäre, insbesondere die fan-geschätzte und fan-gesteigerte Art, speist sich aus verschiedenen Quellen und Beiträgen. In einem »sozialen Gedächtnis« sind Fehden und Sozialprofile der feindlichen Klubs und ihrer Fan-Folklore wie in einer Art Kriegsgeschichtsschreibung gespeichert. Der Tabellenstand, Fouls auf dem Spielplatz, überhaupt das Geschehen des Kampfes auf dem Rasen, sind weitere Atmosphäre gestaltende Faktoren. Dazu kommen Imponderabilien der Gruppenstruktur, in der Clowns, Vorsänger, Takt- und Stichwortgeber und profilsüchtige Underdogs an ihrer Selbstdarstellung arbeiten und Kleindarsteller sind.

Kein »Aufstand der Massen«, eher wäre an das mittelalterliche Rolandslied zu denken, an die Epen großer Taten, bravouröser Helden, an ausweglose Situationen, an Bewährung. Wenn auch die Fan-Schlachtgesänge wenig literarische Qualität haben, so reflektieren sie doch ein teilweise verblüffend ähnliches Unterfutter von Heldentum.

Einem Normensystem des Tatendurstes entsprechen die Selbstaussagen der Fans, die in Belangen des Körpereinsatzes und im Renommieren redselig werden können. Das Schwingen der Fäuste gebiert Lyrismen eigener Art. Schilderungen von Tatverwirklichungen kommen - fast nach Art Hemingways - ohne Psychologisierung aus, sind lakonisch, fast existentiell und gestalten eine knappe Tatsachen-Prosa. Ein guter Western

arbeitet visuell mit gleichen Metaphern und Mythen.

Der Körper drängt auch in die Sprache, speziell die Körperöffnungen und Körperausscheidungen. Parallel zum Ethos der Tat gibt es ein Ethos der Injurie. Fäkalinjurien, Zoten, Schlüpfrigkeiten, wahre Schimpfwort-Enzyklopädien und ständig neue Funde eines rastlos auf der Suche befindlichen Geistes drängen neben den konkreten Aktionen in die Öffentlichkeit. Es sind gesprochene, gesungene, gebrüllte und rhythmisierte Affekte. Unter Überbietungszwang stehend, lassen sie keine Obszönität aus und repräsentieren eine somatische Kultur in einem speziellen Zuschnitt.

Andernorts entstehen Handlungen, indem man den Körper methodisch in unangenehme Situationen bringt und ihm Aktion auferlegt. Dazu kann man Berge benutzen, eine Wüste, die zu Fuß durchquert wird, eine Wildwasserstrecke, den Atlantik. Der Verzicht auf Sauerstoffmaske, Motor sind Bequemlichkeitsverweigerungen zur thrill-Erzeugung. Bei allen Unterschieden in der Spannungserzeugung greifen die Fans ein altes Muster auf und sind von Reinhold Messner und anderen Künstlern und Virtuosen der Reizsteigerung nicht allzu weit entfernt.

Was den einen der Mount Everest, der Atlantik oder Dschungel ist, sind den anderen Bahnhöfe, Eisenbahnwaggons, Innenstädte, das Stadion. Ist die Sache überstanden, ist man heilfroh. Die Medien sind dabeigewesen, man kann Zeitungsausschnitte sammeln, Ordner anlegen und Trophäen wie Erinnerungen sortieren.

Distanzen sind im Stadion eine heikle Angelegenheit. Stöcke, Schlagringe, Fahrradketten haben eine begrenzte Reichweite und sind an die Hand gebunden. Flaschen, sind sie ins Stadion geschmuggelt, erzielen wie Banderolen und Klosettrollen einen deutlichen Raumgewinn. Es gibt sensible Bereiche der verpflichtenden unmittelbaren Distanz, der Faustschlag-Nähe. Es existieren Schmäh-Distanzen ohne Verwirklichungszwang, weiterhin Johl-Entfernungen und weite visuelle Augendistanzen, die schon geistiger sind.

Nähe verpflichtet. Kommen sich feindliche Fan-Gruppen zu nahe, so kommen sie um Taten kaum umhin. Natürlich wird Territorium verletzt. Schon aus moralischer Selbstverpflichtung muß gehandelt werden. Die Identität der Gruppe ist zu behaupten, es ergeben sich Selbstdarstellungszwänge. Eine üblicherweise gnädig Distanzen gewährende, geordnete und gestaffelte Wirklichkeit wird durch Geographie fatal. Meistens ist das Normengefüge der Gruppierungen robust genug, daß der Wirklichkeitstest mit Fäusten, Schlagwerkzeugen und guter Moral bestanden wird.

Eine mangelnde visuelle oder reale Präsenz der Polizei kann debalancierend sein. Fixieren, früher galt es als Aufforderung zum Duell, kann zum Stein des Anstoßes durch einen Normalbürger werden. Wichtig sind Zeitstruktur und Dosierungen; ein Eingreifen der Polizei kann zu spät, zu lasch oder situativ zu scharf dosiert, zu unsorgfältig in seiner Diskriminationskraft gegenüber der johlenden Menge sein.

Was kann man vorbeugend tun? Zuallererst: Dämonisierung verhindert eine differenzierte Betrachtung, verkennt die Ursachen sowie die Unglücks- und Desaster-Logik und macht angemessene Eingriffe unwahrscheinlich. Überdosierung der Mittel macht den Patienten nicht still, sondern wild. Was im Stadion unter Umständen forciert unterdrückt wird, kann sich im Eisenbahnwaggon, am Bahnhof oder bei der Fan-Prozession kundtun oder auch die Situationen demonstrativer Sichtbarkeit verlassen.

Wichtig ist die Beachtung der Kompositionsregeln des Geschehens. Was die Abläufe gestaltet und formt und selbst Form hat, ist auch gestaltbar. Derartige Einsichten schaffen Operationsbedingungen für Prävention und Therapie. Mit dem rituellen Kalender von Fangruppen, ihrem sozialen Gedächtnis, dem Pathos und ihrem Reiz- und Abenteuerhunger kann ebenso kalkuliert werden wie mit der Bundesbahn.

Zwei Instanzen der Stimmungserzeugung und Gestaltung wie Kontrolle bedürfen in Zukunft größerer Aufmerksamkeit: Einmal die Stadionsprecher, die oft für Stimmung nach Diskjockey-Art sorgen und gewöhnlich keine systematische Schulung erhalten, zum anderen die Sensationen suchenden Reporter. Die Zeitungsausschnitte und Ordner von Fans zeigen, daß die Presse mehr an der Verfertigung von Stimmung beteiligt ist, als manchmal gut sein kann.

Die theatralische Kraft des Fußballstadions macht selbst belanglose Ereignisse, die in anderen Bereichen keine Zeile wert sind, zum Ereignis. Kommen die Engländer, so rüsten sich nicht nur die Fans.

Fußballausschreitungen, Krawalle, Spielplatzbesetzungen und Wandalismus sind keine Erfindungen der Gegenwart. Bei den sozialgeschichtlichen Vorläufern des Fußballsports waren Tote und Verletzte sehr viel mehr die Regel.

Auch zeitgeschichtlich sind die Ausschreitungen keine Novität. Gegenüber Thesen einer zunehmenden Gewalttätigkeit in den letzten Jahren muß man skeptisch bleiben. Gleichwohl gibt es mit der Internationalisierung und Professionalisierung des Spitzenfußballs neue Elemente in der Entstehung von Fußballunruhen. Ein Faktor ist, daß die durch Professionalisierung bewirkte soziale Distanz traditionelle Bindungen zerschneidet und die Sentimente orientierungslos macht.

Die Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 bewirkte beispielsweise eine erste Phase der Durchschneidung alter Fußballkulturen und daran gebundener sozialer Netzwerke. Den Trinkhallen, Kneipen, Vereinslokalen, den Straßenzügen entgehen Redemöglichkeiten. Der gekaufte Star wird anonym, ist nicht mehr anfaßbar und »keiner von uns«.

Auch ist er kein potentieller Arbeitskollege, in der Kneipe trifft man ihn nicht. Statt den Tabakladen mit Toto-Lotto-Annahme oder den Kiosk an der Ecke oder eine Kneipe nach Karriere-Ende zu übernehmen, wird der Star Generalvertreter oder Manager mit den bekannten Merkmalen der Unansprechbarkeit, Zeitknappheit und geographischen Unfaßbarkeit.

Würden die Profis wenigstens beim Spiel Elementarregeln der somatischen Kultur ihrer treuesten Anhänger beachten und sich »richtig einsetzen« und Pflege der Fußballseele betreiben, so wären Star-Gagen kein Hindernis für Liebe, Passion, Hingebung, Verehrung und gebändigte Ausdrucksform. Ein Erosionsprozeß alter Loyalitäten ist unübersehbar eingeleitet.

Eine Folge ist, daß ein zerstörter Humus alter Fußballbegeisterung die Verantwortungsbereitschaft des traditionellen Fans senkt. Auch wenn nicht unbedingt Rowdys entstehen, so unterbleibt doch der stabilisierende Einfluß seriöser Fans und Fanklubs und erhöht sich bei gelockertem Terrain die Lawinengefahr.

Die Beachtung der Kompositionsregeln von Stimmung und Atmosphäre im Stadion und darauf abgestellte Maßnahmen ermöglichen Eingriffschancen. Aber Fußball-Verbände und Vereine werden prinzipieller denken müssen. Die sie tragende, sich teilweise verschiebende Fußballandschaft mit ihren Netzwerken bedarf größerer Aufmerksamkeit und intensiverer Pflege.

Nicht die Emotionen, wohl aber die regulierenden Bindungsmöglichkeiten verknappen. Sie sind nicht nur Bedingungen der Stadion-Ordnung, sondern auch Faktoren der Ordnung in den Kassen. Zurückgehende Zuschauerzahlen sind ein anderer Ausdruck von Liebesentzug und eine Erosionswirkung einer häufig falsch betriebenen Professionalisierung.

Bedrohlich sind die einen, bedroht die anderen. Jeden Tag stirbt die Spezies des alten und loyalen Fans ein Stück mehr aus, geht Fußballkultur verloren. Um so leichter geraten die Dinge aus dem Lot.

Volker Rittner
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