Zur Ausgabe
Artikel 57 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SPORT Ratten und Geier

Der Größte scheint im Boxgeschäft der Dumme zu sein. Während der kranke Muhammad Ali Talente suchte, beschuldigte die Börsenaufsicht seinen Geschäftspartner des Verstoßes gegen das Aktienrecht. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Der Aufwind, zu dem die »Champion Sports Management Inc.« dem weltweit in Verruf geratenen Profiboxsport verhelfen sollte, bleibt aus.

Richard Hirschfeld, geschäftsführender Direktor der US-Firma, die mit jungen Faustkämpfern Geschäfte machen will, muß sich Ende des Monats in New York vor einem Richter verantworten, nachdem sich die Börsenaufsicht mit den Unterlagen der Firma befaßt hat. Champion Sports und ihrem Boß Hirschfeld wird vorgeworfen, falsche Angaben über das Unternehmen gemacht zu haben.

Muhammad Ali, 42, Hirschfelds PR-Lokomotive - offiziell Chef der Direktion mit einer jährlichen Aufwandsentschädigung von 78 000 Dollar -, ist ganz offensichtlich ein schwerkranker Mann. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Deutschland, wo er als der einstmals »Größte« seiner Branche für Nachwuchs geworben hatte, wurde er wieder in ein New Yorker Krankenhaus eingeliefert.

»Ali kann nur noch flüstern, er zittert am ganzen Körper«, haben entsetzte Freunde beobachtet. Eine Folge der 3000 Kopftreffer, die er nach eigener Rechnung in seiner fast 30 Jahre währenden Boxer-Laufbahn einstecken mußte.

Die Ärzte an der Klinik der Columbia State University haben bei dem berühmten Patienten Symptome wie bei der Parkinsonschen Krankheit entdeckt. Bei alten Boxern nennen Mediziner das Leiden richtiger »Dementia pugilistica« - Verblödung durch Boxen.

Als Ali in der vorletzten Woche für die in Deutschland unter Championship firmierende Niederlassung eine PR-Tournee unternahm, hatte er sich noch bemüht, anscheinend ungebrochenes Sendungsbewußtsein zu dokumentieren: »Ich bin der größte Boxer gewesen, den es je gegeben hat, und ich werde jetzt der größte Boxpromoter aller Zeiten.«

Doch der Mann, der dreimal Weltmeister im Schwergewicht war, ist nur noch ein Wrack: aufgedunsen, unbeholfen, geistesabwesend. Als er im Rheinstadion den Anstoß zur Bundesligapartie Düsseldorf gegen Braunschweig ausführen sollte, geriet der schnaufende Ex-Champion ins Straucheln. Karl Mildenberger, der Rivale von einst, den er beim Kampf um den WM-Titel zwölf Runden lang verprügelt hatte, fing ihn schnell auf.

Mildenberger, 46, früher Europameister, heute Bademeister im Städtischen Hallenbad von Kaiserslautern und von Ali als Talentsucher in Deutschland angeworben, übersah tapfer die Gebrechen des Chefs. »Beim Jogging wirkte Ali sehr frisch«, berichtete der Deutsche.

Andere sahen es besser. Zum Boxkampf, den der Deutsche Manfred Jassmann dann in der vierten Runde gegen den Holländer Alex Blanchard durch K.o. verlor, war neben Ali auch Elie Gamel, künftiger »Champion Sports«-Generaldirektor für Europa, in der Dortmunder Westfalenhalle erschienen. Als Ali, während er zur Vorstellung in den Ring kletterte, erneut ins Wanken geriet, faßte ihn Gamel kräftig unter den Arm. »Aus alter Freundschaft«, wie Gamel vor besorgten Helfern abwiegelte.

Dagegen Augenzeuge Rene Weller, Europameister im Leichtgewicht: »Mir lief es kalt über den Rücken. Wenn ich als Bub diesen Ali gesehen hätte, wäre ich nie Boxer geworden.«

Aber Alis Boxer-Aushebung soll weitergehen. Im Dezember will Championship sechs US-Boxer nach Deutschland holen und gegen Europäer kämpfen lassen. Wer für Europa oder gar für Deutschland boxen soll, weiß keiner. Rene Weller, der einzige amtierende deutsche Europameister, ist den Ali-Leuten »zu unseriös«.

Wo bei Champion Sports und Championship die Seriosität anfängt und aufhört, ahnen Hirschfelds Angestellte in Solingen nicht. Den Mitgliedern der ermittelnden Prüfungskommission in New York eröffneten sich immer neue Abgründe über miteinander verflochtene Firmen wie »Hirsch-Chemie« und »Hirsch Capital«. Alis Champion Sports, an der er und der smarte Partner für etwa 1,425 Millionen Dollar Anteile besitzen, diente als eine Art Verschiebebahnhof für Geld der Hirsch-Gruppe.

Alis Nachfolger als Boxweltmeister, Larry Holmes, der sich wegen Ali dem Hirschfeld-Konzern als prominentester von zwölf noch kampffähigen Boxern angeschlossen hatte, stieg jetzt wieder aus. »Hirschfeld ist ein krummer Hund«, erklärte Holmes den Rückzug.

Der frühere Ali-Fan und Schriftsteller Norman Mailer glaubt jetzt an das letzte schmutzige Geschäft, das mit dem Superstar gemacht werden soll. »Bei Ali sind die Begleittiere ausgewechselt worden«, sagt Mailer. »Früher waren es Blutegel und Schoßhündchen, jetzt sind Ratten und Geier dran.« _(Beim Titelkampf gegen Leon Spinks am 15. ) _(September 1978. Ali siegte. )

Beim Titelkampf gegen Leon Spinks am 15. September 1978. Ali siegte.

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.