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RADRENNEN Raus aus dem Mauseloch

Seit Rudolf Scharping sich zum Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer wählen ließ, findet der Polit-Profi wieder öffentlich statt. Wofür er als Sportfunktionär steht, bleibt indes diffus. Einstweilen gibt er sich als Kumpel der Kompanie.
aus DER SPIEGEL 20/2005

Einen Tag vor dem großen Radrennen in Frankfurt hat Rudolf Scharping noch einen Termin im Taunus. Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung debattiert im Kurort Schlangenbad die Problematik des internationalen Terrorismus.

Der Experte Scharping referiert in seiner Eigenschaft als »Bundesminister der Verteidigung a. D.«. Er trägt ein blaues Hemd und eine orangefarbene Krawatte. Er plädiert dafür, die Quellen des Terrorismus »zu ergründen«, um ihn »nachhaltig« zu bekämpfen.

Dann wird diskutiert. Fünfzig Wissenschaftler, Politiker und hohe Beamte aus Russland und Deutschland reden über die Lage im Irak und in Tschetschenien, den Hitler-Stalin-Pakt, Globalisierung und die Frage, ob man die Nato und die OSZE abschaffen sollte. Alles hängt mit allem zusammen, es ist sehr kompliziert. Scharping wirkt angestrengt, einmal muss er gähnen.

Rudolf Scharping verlässt das Konferenzhotel vorzeitig. Bereits auf dem Weg zum Parkplatz lockert er seinen Schlips. Es ist Samstagmittag, die Luft im Taunus ist warm und klar. Scharping atmet tief durch. Endlich Wochenende.

Am nächsten Tag muss der Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Montabaur wieder früh raus, diesmal jedoch zu seinem Vergnügen. Beim Radklassiker »Rund um den Henninger Turm« in Frankfurt ist Scharping in seiner Funktion als Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) Ehrengast. Er trägt wieder ein blaues Hemd, aber keine Krawatte.

Scharping ist prächtig gelaunt. Im Holiday Inn, wo die Teams untergebracht sind, wirft er Cordula Zabel, der Frau von Vizeweltmeister Erik Zabel, eine Kusshand zu. Auf dem Weg zum Pressezentrum schreibt er Autogramme und erklärt einer jungen Frau, wo später die Profis ins Ziel einrollen werden. Als er dann pünktlich vor dem Start auf der Darmstädter Landstraße erscheint, wo Scharping gemeinsam mit der

Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, CDU, das Rennen eröffnen darf, sind alle Kameras auf ihn gerichtet. Scharping setzt sein breites Scharping-Grinsen auf, dieses Lächeln mit leicht verzogenem Mund. Das Sakko hat er locker über die Schulter geworfen. Neben ihm stehen Kollegen aus dem BDR-Präsidium, sie haben Plastiktüten in der Hand. Neben ihrem Chef wirken sie wie Schlachtenbummler.

Seit einigen Monaten pendelt Rudolf Scharping, 57, zwischen zwei Welten. Die eine ist die Politik, sein Beruf. Sie ist oft anstrengend, in jedem Fall nicht mehr so aufregend wie zu den Zeiten, da der Sozialdemokrat, einst Vorsitzender und Kanzlerkandidat seiner Partei, noch einer der wichtigsten Akteure in Deutschland war. Die andere Welt ist der Radsport. Sie ist spannend und neu. Hier steht Scharping im Mittelpunkt, seit man ihn im März in Saarbrücken zum BDR-Chef kürte.

Das war ein toller Tag für Rudolf Scharping. Er wurde mit 518:24 Stimmen gewählt, es gab allerdings auch keinen Gegenkandidaten. Danach bekam der Westerwälder ein Glückwunschtelegramm von Manfred von Richthofen, dem Präsidenten des Deutschen Sportbundes, der den neuen Kollegen als »zuverlässigen und vertrauensvollen« Förderer des Sports begrüßte. Am Abend wurde Scharpings Triumph sogar in den »Tagesthemen« vermeldet.

Doch seither sucht der Amtsneuling vergebens nach einem Profil. Schon das, was er zu seiner Antrittsrede sagte, war ziemlich dünn: »In Deutschland gibt es 60 Millionen Fahrräder, die werden unterschiedlich genutzt, der BDR hat 125 000 Mitglieder, da bietet es sich doch an, meine Damen und Herren, Brücken zu bilden.« Jetzt, beim Radrennen in Frankfurt, spielt er auf Zeit. Zu Journalisten sagt er: »Och, wissen Sie, ich bin kein Mann großer Ankündigungen. Aber glauben Sie mir, wir werden was Schönes hinkriegen.«

Es gibt unterschiedliche Beweggründe, warum Politiker ein hohes Amt im Sport bekleiden. Willi Weyer, der langjährige Innenminister von Nordrhein-Westfalen, war von 1974 bis 1986 Präsident des Deutschen Sportbundes. Er setzte sich als glühender Kämpfer für den Sport ein. Weyer geißelte sogar den Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau als politischen Fehler - bis ihn die Bundesregierung auf Linie brachte.

Auf der anderen Seite der Skala befinden sich Sportfürsten wie Weyers einstiger FDP-Parteigenosse Josef Ertl. Der Bayer war während seiner Zeit als Bundeslandwirtschaftsminister auch Präsident des Deutschen Skiverbandes und nutzte seinen guten Zugang zum Innenministerium zur Förderung seiner Athleten - ansonsten war Ertl kaum mehr als ein mundartfestes Maskottchen.

Wo Rudolf Scharping steht, ist bislang schwer zu sagen. Fest steht nur, dass er mit seiner Wahl zum Rad-Präsidenten aus einem Hobby ein Amt gemacht hat.

Schon als der begeisterte Freizeitpedaleur, der seit einem schweren Sturz nur mit Helm aufs Rad steigt, noch SPD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag war, diente ihm der Sport als Schaufenster, in dem er sich auch außerhalb der Politik präsentieren konnte. Rudolf, der Radler, grüßte bei der Tour de France mit dem Victory-Zeichen und schrieb Kolumnen für »Bild«. Als sich Helmut Kohl einmal darüber mokierte, dass der Kollege PR-aktiv durch die Pyrenäen kurvte, konterte Scharping etwas plump, man könne es ja auch »keinem Rad zumuten, dass es von Kohl gefahren wird«.

Dennoch hat Scharping lange überlegt, ob er das Amt des BDR-Chefs übernehmen soll. Er fürchtete, dass »die übliche Häme«, die seinen politischen Absturz vor drei Jahren begleitete, »wieder hochkommen« würde.

Als Politiker hat Scharping manchmal das Augenmaß verloren. Sein Abstieg begann, als der Verteidigungsminister der »Bunten« neckische Pool-Fotos von sich und seiner Lebensgefährtin Gräfin Pilati gewährte, während Bundeswehrsoldaten den Kosovo zu befrieden versuchten. Als es ein Jahr später hieß, Scharping habe vom Lobbyisten Moritz Hunzinger Gelder kassiert, musste er abtreten. Seither arbeitet er nur noch an der politischen Peripherie.

Den Sport will Scharping als Bühne zur Rehabilitierung nutzen. »Im Mauseloch«, sagt er, »lebt es sich so beengt.«

Sicherlich ist der Polit-Profi für die deutschen Radfahrer nicht die schlechteste Wahl. Er gilt als Fachmann, er hat sogar die Namen talentierter Athleten aus den Nachwuchskadern drauf. Vor allem aber hält Scharping gute Kontakte zur Wirtschaft, zu Schlüsselfiguren wie den Managern der Tour de France und dem derzeit laufenden Giro d'Italia, und natürlich in die Politik. »Ich bin ja in der glücklichen Lage, keine Türen eintreten zu müssen, um eingelassen zu werden«, sagt Scharping.

So will er dafür sorgen, dass deutsche Veranstaltungen im Rennkalender der Pro Tour stärker berücksichtigt werden. Mit dem Fernsehen verhandelt Scharping darüber, wie man den Radsport in seiner ganzen Breite populärer machen könnte. Bei den ausladenden Live-Übertragungen von der Tour de France wünscht sich der BDR-Boss etwa, dass nicht nur »französische Weingüter vorgestellt werden«, sondern auch mal ein deutscher Radballer oder Mountainbiker. Eine weitere Idee ist, die hiesigen Eintagesrennen unter einem griffigen Label laufen zu lassen, um die Veranstaltungen so aufzuwerten.

Wie er das im Detail hinkriegen will, vermag Scharping allerdings nicht zu sagen. Da weicht er aus und ergeht sich lieber in Andeutungen. Gern erzählt er zum Beispiel, wie er Jan Ullrich dazu bringen werde, auch mal in Schulen für seinen Sport zu werben. »Der Jan« hat nämlich wie er am 2. Dezember Geburtstag. Da habe man doch einen »prima Anlass«, mal »ausgiebig zu plaudern«. Kritische Beobachter unken bereits, Scharpings Programm

bestehe in Wahrheit nur aus den Nummern in seinem Telefonverzeichnis. Dabei gilt es, etliche dringende Probleme im Verband zu lösen.

Vergangenes Jahr stritten Athleten mit Funktionären offen über Nominierungskriterien bei Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen. Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen war erreicht, als die Silbermedaillengewinnerin Judith Arndt bei der Zieleinfahrt in Athen den Stinkefinger zeigte - aus Protest darüber, dass ihre Freundin, die amtierende Deutsche Straßenmeisterin Petra Roßner, nicht nach Olympia geschickt worden war.

Auch das Präsidium des BDR erwies sich zuletzt als Minenfeld. So wurde Scharpings Vorgängerin Sylvia Schenk demontiert, nachdem sie sich mit einem BDR-Granden angelegt hatte, der ihr die seltsam schwankenden Blutwerte des Bahnradfahrers Christian Lademann verheimlichte. Bei ihrem letzten offiziellen Auftritt bei der Bundeshauptversammlung in Saarbrücken platzierte man die Nestbeschmutzerin demonstrativ rechts außen am Präsidiumstisch.

Zu derlei nimmt Scharping, der sich dafür ausgesprochen hat, Doping auch »gesetzgeberisch« zu bekämpfen, ungern Stellung: »Ich sehe mich nicht in einer Schlangengrube.« Überdies sei er kein Mann, der »in der Vergangenheit« lebe.

Lieber verweist er stolz darauf, dass er seinen Laden bisher ja im Griff habe. Den positiv getesteten Sprinter Danilo Hondo beispielsweise entließ das deutsche Team Gerolsteiner umgehend. Und dass der Bahnradfahrer Jens Fiedler Amphetamine im Urin hatte, gab der BDR auf Drängen Scharpings schon wenige Stunden nach Untersuchung der A-Probe bekannt.

Andererseits war es aber auch so, dass der Verband in beiden Fällen nichts zu verlieren hatte. Hondo fuhr mit einer Schweizer Lizenz, Fiedler hatte seine Karriere schon vor dem Dopingbefund beendet.

Die Frage ist also, ob Scharping den Mangel an programmatischer Substanz weiterhin mit einer Art von Kameraderie ausgleicht, die bisweilen peinlich wirkt. Etwa wenn er im Teamhotel in Frankfurt jeden Mechaniker abklatscht oder das Team T-Mobile nach dem Start mit nach oben gestrecktem Daumen auf den Rennkurs verabschiedet.

Dass solche Auftritte den Eindruck hinterlassen, der Präsident verstehe sich gar nicht als großer Macher, sondern eher als Kumpel der Kompanie, als einer, der schon selbst Alpe d'Huez bezwang und mit Jan Ullrich »schon in den Pyrenäen im Hotel« saß, als sich noch »keine Sau« für ihn interessierte, ficht Scharping nicht an. Er will sich die Nähe zu seinen »Jungs« nicht nehmen lassen.

Deshalb saß Scharping nach dem Sieg von Erik Zabel beim Rennen »Rund um den Henninger Turm« auch neben ihm bei der Pressekonferenz. Er legte die Hand auf Zabels Schulter und schmachtete ihn an wie ein Teenager sein Idol. Dann grinste Scharping, die Kameras der Reporter klickten.

Dass Zabel zur Seite wegguckte, bemerkte er nicht. GERHARD PFEIL

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