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BASKETBALL Rein in die Großstadt

Ein Startrainer, ein mit Nationalspielern gespicktes Team, eine vermarktungsträchtige Halle: Doch nimmt das Kölner Publikum den Retortenclub RheinEnergy an?
aus DER SPIEGEL 39/2001

Wie ein Feldmarschall schreitet Svetislav Pesic durch Halle 22 der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Coach hält die Hände hinter dem Rücken verschränkt, an seinem Hals baumelt eine Trillerpfeife. »Los jetzt, spielen!«, kommandiert er plötzlich, und sofort beginnen 15 angespannt dreinblickende Basketballer um Stangen zu dribbeln oder auf Körbe zu werfen - Probetraining bei RheinEnergy Cologne.

Aus Weißenfels, Bosnien oder Kalifornien sind sie angereist, um ihr Können zu präsentieren. Pesic, 52, setzt sich auf einen Stuhl und beobachtet die Kandidaten. Der Kader für die neue Saison ist fast komplett, was noch fehlt, ist ein Center. Und Pesic hat die Messlatte verdammt hoch gelegt.

Denn RheinEnergy Cologne steht für ein Experiment im deutschen Sport. Dass der Club in der nächste Woche startenden Basketball-Bundesliga mitspielen darf, verdankt er einer rigorosen Standortpolitik. Auf Geheiß der Basketball Bundesliga GmbH (BBL) rückten die Kölner aus der drittklassigen Regionalliga direkt ins Oberhaus auf. Der Grund ist kommerzieller Natur: Das Team kann für seine Heimspiele Europas modernste Halle nutzen, die Kölnarena.

Mit dem bisherigen Personal wäre der Verein in der höchsten Spielklasse heillos überfordert gewesen. Also wurden in den letzten Wochen drei deutsche Nationalspieler verpflichtet, dazu der jugoslawische Weltmeister Sasa Obradovic. Und weil die Implantierung einer Profitruppe im Schatten der Domtürme in der ersten Saison 6,5 Millionen Mark kostet, wird auch bei den sportlichen Zielen nicht geknausert: »Wir werden schnell oben angreifen«, sagt Marketing-Manager Michael Mronz.

Das ist durchaus im Sinne der BBL, die ihren Sport raus aus der Provinz und rein in die Arenen der Großstädte bringen möchte. »Wir wollen weg vom Turnhallen-Mief«, sagt Präsident Wolfgang Kram. In Ballungsräumen, glaubt er, sei das Interesse an Basketball größer als auf dem platten Land. Und Derbys wie Köln gegen Leverkusen versprächen höhere Einschaltquoten als Oberelchingen gegen Quakenbrück.

Eine Spielstätte wie die Kölnarena, diese imposante Mischung aus Zirkuszelt und Tempel, kommt den Vermarktern da gerade recht. Auf den Geschmack kamen sie im

April vorigen Jahres, als Telekom Bonn

sein Spiel gegen Alba Berlin in die Mega-Halle verlegte. Die Medienschaffenden von Sat.1, die das wöchentliche Magazin »ran Basketball« produzieren, fühlten sich angesichts des prächtigen Budenzaubers vor 18 506 Zuschauern bereits »wie im Madison Square Garden«.

Was in Amerika gang und gäbe ist, gilt deshalb nun auch in der deutschen Basketball-Liga: Der sportliche Wettkampf als Grundwert hat ausgedient. Stattdessen bestimmt die Verkaufsoptimierung als neues Dogma die Branche.

Folglich erhielt RheinEnergy als erster Club eine Wildcard für die Bundesliga. Die Kölner nehmen den Platz ein, der eigentlich dem Meister der Zweiten Liga Nord, der SER Rhöndorf, zugestanden hätte. Doch die Gesellschafterversammlung der BBL verweigerte dem Kleinstadtverein seinen Aufstieg: Rhöndorf vermochte keine erstligareife Spielstätte vorzuweisen. Seit dieser Saison sind aber für alle Bundesligisten Hallen mit mindestens 3000 Plätzen Pflicht - auf Wunsch der Kirch-Gruppe, der die TV-Rechte gehören.

Die Ablehnung, laut BBL-Chef Kram eine »strategische Einzelfall-Entscheidung«, wurde den Rhöndorfern durch einen Deal versüßt: Sie kassierten von den Kölnern 10 000 Mark Entschädigung und bilden künftig deren so genanntes Farmteam. Das heißt: Der klamme Zweitligist, dessen A-Jugend im Sommer Deutscher Meister wurde, fördert Talente, von denen die besten ins RheinEnergy-Team aufrücken dürfen.

Architekt des Modells ist Svetislav Pesic, der einst als Coach von Alba Berlin so eine Kooperation mit dem TuS Lichterfelde initiierte. Pesic, Serbe mit deutschem Pass, gilt als einer der besten Trainer außerhalb des Basketball-Mutterlands USA. 1993 führte er Deutschland, vor zwei Wochen Jugoslawien zum Europameister-Titel.

In Köln will er nun jene Erfolgsgeschichte wiederholen, die ihm mit Alba gelang. Den Berliner Verein formte er in wenigen Jahren zu einer international angesehenen Adresse. Um Ähnliches am Rhein zu wiederholen, müsse er »ein Team mit Charisma« aufbauen - »ein Team, das den Zuschauern Freude macht«.

Schließlich ist die Stadt vom Basketball entwöhnt: Elf Jahre ist es her, dass ein Kölner Club in der Bundesliga spielte. Zwar hat RheinEnergy rund 600 Mitglieder, die in 35 Amateur- und Jugendmannschaften spielen. Doch um den angepeilten Schnitt von 10 000 Besuchern zu erreichen, gilt es erst einmal, Identität und Fankultur aufzubauen. »Eins ist klar«, sagt Stephan Baeck, der sportliche Leiter des Profiteams, »wir müssen uns das Publikum hart erarbeiten.« MAIK GROSSEKATHÖFER

* Oben: Zoran Kukic, Reggie Bassette, Clint Harrison; unten: am9. September nach dem Finalsieg mit dem jugoslawischen Nationalteambei der Europameisterschaft in Istanbul.

Maik Grossekathöfer

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