Zur Ausgabe
Artikel 86 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FUSSBALL Revolution am Hofe Havelange

Der Streit um die Nachfolge des scheidenden Fifa-Präsidenten João Havelange hat den Weltverband in eine schwere Krise gestürzt. Der Brasilianer wehrt sich mit allen Tricks gegen einen Reformer, der Demokratie und Transparenz verspricht.
aus DER SPIEGEL 13/1998

Bisweilen serviert der Zufall Gelegenheiten, die sich ein eitler Herr einfach nicht entgehen lassen darf: »Ich muß die Konferenz unterbrechen«, verkündete João Havelange den Gästen des Fußball-Weltverbandes Fifa im dicht- gefüllten Palais de Congrès zu Marseille, »der Herr Staatspräsident Chirac wünscht mich am Telefon zu sprechen.«

Das sind Momente, für die es sich lohnt, 24 Jahre der Fifa vorzustehen. Zwar war der Inhalt des Gesprächs eher unerfreulich - Chirac sagte seinen Besuch der Auslosung zum Weltmeisterschaftsturnier am folgenden Abend ab -, aber das behielt Havelange erst mal für sich.

In Show-Inszenierungen und Desinformation ist der Brasilianer gleichermaßen geübt. Havelange, Sproß belgischer Einwanderer, regiert den größten Sportfachverband der Welt im Stile eines entrückten Potentaten. Insider-Geschäfte, Korruption, Vetternwirtschaft - es gibt kaum einen Vorwurf, dessen sich der schlanke Greis über die Jahre nicht erwehren mußte.

Doch damit soll es nun ein Ende haben. Der Brasilianer, immerhin schon 81 Jahre alt, will seinen Posten räumen und sich am 8. Juni nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Vor seinem Gang ins Retiro entfaltet er allerdings noch einmal die Spielarten seines diktatorischen Vermögens.

Den Weltverband möchte Havelange von den Händen eines Gleichgesinnten fortgeführt sehen - und den hat er in dem Schweizer Joseph Blatter ausgemacht, der ihm derzeit noch als Generalsekretär zu Diensten ist. Mit welcher Entschlossenheit der Noch-Präsident seinen Kandidaten durchzudrücken gedenkt, stellte er vorletzten Freitag unter Beweis.

Das Exekutivkomitee wollte während einer Anhörung von Blatter wissen, ob er als Präsident kandidieren werde. In diesem Fall müsse er nämlich seinen Job als Chef der Fifa-Administration sofort niederlegen. Doch der sonst so eloquente Blatter, 62, schwieg.

Havelange redete um so mehr; niemand könne den Eidgenossen zwingen, sich zu erklären, polterte der Chef. Die Mehrheit der Exekutive las die Statuten jedoch anders und wollte über Blatters Demission abstimmen - da beendete Havelange kurzerhand die Sitzung.

Der Eklat kennzeichnet - drei Monate vor der WM in Frankreich - die größte Führungskrise in der Geschichte des Weltverbandes. Es geht darum, ob die Fifa künftig weitergeführt wird wie eine Bananenrepublik oder aber »wie ein moderner Staat« - demokratisch, transparent und sozial, wie es der schwedische Gegenkandidat Lennart Johansson verspricht.

Johansson, 68, seit 1990 Chef des europäischen Verbandes Uefa, gilt in Funktionärskreisen als Revoluzzer. Er war der erste, der das höfische Zeremoniell - Havelange machte Vorschläge, die Exekutivmitglieder nickten - in Frage stellte. Der frühere Industriemanager aus Stockholm wagte es, »mehr Informationen« einzufordern, wenn der Fifa-Boß mal wieder eigenmächtig Fakten geschaffen hatte.

Doch Havelange mag keine Rechenschaft ablegen - aus gutem Grund, wie die Journalisten Thomas Kistner und Jens Weinreich in ihrem diese Woche erscheinenden Buch über »Das Milliardenspiel« ausführen*. Detailgenau zeichnen sie zum Beispiel den größten und umstrittensten Lizenzhandel der Sportgeschichte nach, bei dem sich der Medienmogul Leo Kirch und die Luzerner Agentur ISL für 3,4 Milliarden Mark die Fernsehrechte der WM-Turniere 2002 und 2006 schnappten.

Andere Unternehmen fühlen sich durch den Deal düpiert. So hatte der Vermarktungskonzern IMG über Monate versucht, bei der Fifa die Bedingungen der Rechtevergabe zu erfahren. Blatters Antworten, wenn sie überhaupt kamen, blieben stets vage, zuweilen waren sie widersprüchlich. Mit jedem Brief, den IMG-Vize Eric Drossart in die Verbandszentrale nach Zürich schickte, wurde der Ton rauher. »Es fällt mir schwer zu glauben, daß die Fifa aufrichtig versucht, unser Angebot in einem fairen Wettbewerb zu behandeln«, befand Drossart.

Den Zuschlag erhielten ISL/Kirch in einem Handstreich. Als Tagesordnungspunkt 3.1 der Sitzung des Exekutivkomitees war ein »Bericht der Finanzkommission über die Vergabe der Fernsehrechte« angekündigt. Abgestimmt werden sollte erst sechs Monate später. Doch Havelange überfuhr das Gremium, plötzlich drängte er auf ein Votum. Neun Mitglieder beugten sich dem Patriarchen, drei enthielten sich, sechs waren dagegen - der Milliardendeal war beschlossen.

Während Drossart seit diesem Procedere glaubt, daß »Schlüsselfiguren der Fifa« ihre Fürsorgepflicht verletzten, »indem sie Wettbewerber abschrecken«, werfen die ausgebooteten öffentlich-rechtlichen Sender der Fifa sogar Manipulationen vor: Jean-Bernard Munch, Generalsekretär der European Broadcasting Union (EBU), hegt den Verdacht, daß ISL und Kirch das EBU-Angebot kannten, bevor sie es um 600 Millionen Schweizer Franken überboten.

Gegner von Havelange verbreiten, warum er den Verkauf an ISL/Kirch so forciert habe: Der Fifa-Grande müsse, argwöhnen sie, bei dem Geschäft in irgendeiner Form profitiert haben. Beweise gibt es nicht, derlei Mutmaßungen gründen sich vor allem auf die Vita Havelanges, die sich wie eine gegen Skrupel weitgehend immune Chronique scandaleuse liest.

Nach zweimaliger Teilnahme an Olympischen Spielen - 1936 als Schwimmer, 1952 als Wasserballspieler - machte der Sohn eines Waffenhändlers Karriere als Geschäftsmann und Sportfunktionär. Dem

* Thomas Kistner/Jens Weinreich: »Das Milliardenspiel. Fußball, Geld und Medien«. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main; 288 Seiten; 19,90 Mark.

bolivianischen Diktator Hugo Banzer verkaufte er Munition, im Windschatten brasilianischer WM-Triumphe geriet er ins Internationale Olympische Komitee.

Dem Günstling der brasilianischen Militärjunta war das Anfang der Siebziger nicht mehr genug: Havelange tourte durch 86 Staaten, um sich als Fifa-Präsident zu empfehlen. Viele Drittweltländer fing er ein, indem er versprach, die Zahl der WM-Teilnehmer von 16 auf 24 zu erhöhen; vor allem Afrika und Asien sollten davon profitieren. Havelange gewann die Wahl 1974 gegen Amtsinhaber Sir Stanley Rous.

Kaum hatte er den Posten inne, verdoppelte er das Gehalt des damaligen Generalsekretärs - es galt, sich dessen Loyalität zu sichern. Und auch sonst war der Ehrenamtliche mit dem Geld nicht kleinlich. Sein Spesenkonto betrug rasch mehr als 300 000 Mark, sein Büro in Rio schlug schon in den Achtzigern jährlich mit einer Million Mark im Präsidentenetat zu Buche.

Selbst vor Insider-Geschäften schreckte der neue König nicht zurück. Auf sein Betreiben hin wurde die Atlântica Boavista, eine Assekuranz aus Rio, bei der Havelange als Direktor firmierte, in den Pool der WM-Versicherer aufgenommen.

1986 lud der Regent die Landesfürsten des brasilianischen Fußballverbandes (CBF) zur WM nach Mexiko ein. Die 180 000 Dollar Reisekosten waren gut angelegt: Bei der nächsten Präsidentschaftswahl wurde Havelanges Schwiegersohn Ricardo Teixeira zum CBF-Boß gewählt. Seitdem blüht der Familienklüngel: Onkel Antonio Teixeira wurde CBF-Generalsekretär, Onkel Mauro Teixeira kam im Trainerstab unter. Und der Schwiegersohn stieg in den Olymp der Fifa, das Exekutivkomitee, auf.

»Alles, was ich weiß und kann«, lobpreist Teixeira gern, »habe ich von meinem Schwiegervater.« Das mag stimmen. Jedenfalls führt Fußball-Idol Pelé als brasilianischer Sportminister einen Feldzug gegen den Verband. Er glaubt Beweise dafür zu haben, daß Teixeira stille Anteile an jener Agentur hält, über die der CBF die Fernseh- und Markenrechte der Liga und der Nationalelf verwertet.

Havelange, über den der Generalstaatsanwalt von Rio 1994 öffentlich erklärte, daß er »Geld aus illegalem Glücksspiel erhält«, ist nun auf Konfrontationskurs mit Pelé. Als der jüngst ein Sportgesetz im Parlament einbrachte, das Teixeiras CBF entmachten soll, drohte Havelange, Brasilien von der WM auszuschließen.

Derlei Willkür will Johansson schnell ein Ende machen. Ob es um die WM-Bewerber geht, um Fernsehrechte oder Marketingpartner - der Schwede predigt Offenheit, Chancengleichheit und Kompetenz.

Während dem Generalisten Blatter in Verhandlungen schon mal der Unterschied zwischen Pay-TV und Pay-per-view durcheinandergerät, will sich Johansson mit einem Beraterstab umgeben. Bei der Uefa hat er bereits vorexerziert, wie er auch die Fifa fürs nächste Jahrtausend fit machen will - für den TV-Rechtehandel verpflichtete er den Deutschen Thomas Kappen, der zuvor beim Branchenführer RTL die Sportdeals koordiniert hatte. Um bei den Medienmultis das Maximum herauszuholen, sollen Juristen und Kaufleute aus dem gegnerischen Lager abgeworben werden.

In sieben Jahren als Uefa-Chef machte Johansson den Europapokal zu einem gigantischen Profitcenter; die jährliche Leistungsbilanz läßt er pedantisch genau veröffentlichen: Derzeit spielt die Champions League rund 360 Millionen Mark ein.

Solcher Drang zur Transparenz wäre revolutionär im Palast Havelange. Deshalb will der Throninhaber die Zeitenwende verhindern. Nacheinander schlug er argentinische, italienische und Kameruner Funktionäre vor. Das scheinbar wirre Name-dropping hatte, so ein Fifa-Insider, nur ein Ziel: »Wer hat Appeal, wer hat Wirkung?« Blatter sei jetzt die letzte Karte.

Für den ehrgeizigen Blatter bedeutet eine Kandidatur die Flucht nach vorn: Erstens könnte er als Fifa-Boß die Mängel der von ihm ausgehandelten Verträge kaschieren. Und zweitens hätte er unter Johansson sowieso keine Zukunft mehr.

Sollte sich Blatters Zunge doch noch lösen und der Schweizer seine Kandidatur bekanntgeben, ist ein zermürbender Clinch der beiden Kontrahenten absehbar. Schon wird in Kennerkreisen vermutet, ein solcher Showdown sei ganz im Sinne des alten Patrons. Dann wäre ein Erlöser auf dem Präsidentenstuhl vonnöten. Generös böte sich an: João Havelange.

[Grafiktext]

Aufbau des Fußball-Weltverbandes

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Aufbau des Fußball-Weltverbandes

[GrafiktextEnde]

* Thomas Kistner/Jens Weinreich: »Das Milliardenspiel. Fußball,Geld und Medien«. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main;288 Seiten; 19,90 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 86 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.