Missbrauchsvorwürfe im Kunstturnen Sportausschuss des Bundestages könnte sich mit Turn-Skandal beschäftigen

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag spricht von »furchtbaren Schäden in einer Kinderseele« und will die SPIEGEL-Enthüllung zum Thema machen. Fragwürdig ist die Rolle des Deutschen Turner-Bundes.
Trainerin Gabriele Frehse

Trainerin Gabriele Frehse

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Catalin Soare / dpa

Die Berichte über mentale Misshandlungen von Turnerinnen am Stützpunkt in Chemnitz werden aller Voraussicht nach demnächst den Sportausschuss des Bundestages beschäftigen. »Wir werden sicher die Vorwürfe der Athletinnen aufgreifen. Ich sehe jedenfalls Handlungsbedarf«, sagt die Ausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) dem SPIEGEL. »Wir dürfen nicht vergessen: Der Deutsche Turner-Bund, Bundestrainer und Bundestrainerinnen oder auch der Leiter des Olympiastützpunktes (OSP) – das sind alles Institutionen oder Personen, die mit Bundesmitteln gefördert werden.«

Die Vorwürfe der Athletinnen seien »erschreckend«, sagt Freitag. »Wenn ein junger Mensch von seiner Bezugsperson – und das sind Trainer und Trainerinnen oftmals – ignoriert, herabgesetzt oder bloßgestellt wird, nur weil er oder sie 300 Gramm zu viel auf den Hüften hat, dann richtet dies furchtbare Schäden in einer Kinderseele an. Das ist schlichtweg inakzeptabel und natürlich auch nicht mit dem Streben nach sportlichen Erfolgen zu rechtfertigen.«

Nachhaltige Zweifel daran, wie ernst der DTB die Vorwürfe genommen hat

Ebenso alarmierend sei, so Freitag, »dass es offensichtlich länger bekannt war, dass es dort Hinweise auf Missstände gibt. Ich frage mich etwa: Was weiß eigentlich der Deutsche Olympische Sportbund über die Vorfälle am OSP Chemnitz? Was hat Thomas Weise, der Leiter des dortigen Olympiastützpunktes, dagegen getan oder vielmehr auch nicht getan? Seine lapidare Aussage, Turnen sei nun mal kein Kindergeburtstag, empört mich wirklich, denn sie zeigt eine Herablassung und eine Bagatellisierung der Vorwürfe, die tief blicken lässt. Da stellt sich für mich schon die Frage nach seiner grundsätzlichen Eignung als OSP-Leiter.«

Es gibt auch nachhaltige Zweifel daran, wie ernst der DTB Hinweise auf die Zustände in Chemnitz genommen hat. Der Verband hatte angegeben, erstmals Ende 2018 von Athletinnen über konkrete Vorwürfe am Bundesstützpunkt Chemnitz unterrichtet worden zu sein. Diese bezogen sich auf den unangemessenen Umgang mit Athletinnen im Training und auf einen Fall der Abgabe eines Schmerzmittels. Das geht aus einer schriftlichen Stellungnahme des Verbandes auf eine SPIEGEL-Anfrage hervor. Datiert ist sie auf den 24. November 2020, also gerade mal zehn Tage alt.

Trainerin Frehse war kurz nach der Suspendierung wieder für den DTB im Einsatz

In dem Schreiben des Verbandes steht auch, dass der DTB vor zwei Jahren »umgehend reagiert« und »Maßnahmen ergriffen« hätte. »Unter anderem wurde eine Trainerin unmittelbar von der Mitwirkung an Trainings- und Wettkampfmaßnahmen des DTB ausgeschlossen, die in dessen Richtlinienkompetenz liegen.« Und dass der Arbeitgeber, der OSP Sachsen, jener Trainerin mit arbeitsrechtlichen Maßnahmen begegnet sei. Nach SPIEGEL-Informationen soll es sich dabei um eine Abmahnung handeln. Ferner hatte der DTB geschrieben: »Der Ausschluss der Trainerin von Trainingsmaßnahmen und Wettkämpfen des DTB wurde Ende 2019 aufgehoben.«

Doch das trifft so nicht zu.

Wie unter anderem Fotos dokumentieren, war die betreffende Trainerin Gabriele Frehse schon viel früher wieder für den DTB im Einsatz. Etwa bei einem Länderkampf im belgischen Gent im Juni 2019 sowie einen Monat später beim »European Youth Olympic Festival« in Baku, Aserbaidschan. Die Bilder legen nahe, dass der Verband die Sanktionen gegen Frehse nur wenige Wochen später revidiert hat, nach einer Rolle vorwärts eine Rolle rückwärts machte.

Wie kann das sein?

Der SPIEGEL hat den DTB mit dieser Kehrtwende konfrontiert. Die Antwort des Verbandes: In Folge »der arbeitsrechtlichen Maßnahmen des OSP Sachsen und aufgrund einer sportpsychologischen Einschätzung der Trainingssituation vor Ort« sei Frehse Anfang 2019 zu Trainings- und Wettkampfmaßnahmen des DTB im Juniorinnenbereich wieder zugelassen worden. »Für den Seniorinnenbereich wurde die Suspendierung durch den DTB jedoch im Hinblick auf den bestehenden Konflikt zwischen der Trainerin und Athletinnen bis Ende 2019 fortgesetzt.«

Die Antwort ist beachtlich: Anfang 2019, das heißt also nur kurze Zeit nach Bekanntwerden der Vorwürfe, war man beim DTB offenbar der Meinung, dass man die betreffende Trainerin durchaus mit Juniorinnen – also den Mädchen bis 16 Jahre – weiterarbeiten lassen könne.

Diese nachlässige Haltung ist umso erstaunlicher, weil der DTB propagiert, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Angelegenheit sei, und eine »besondere Sensibilität für Gefahren geschaffen werden« müsse – gerade im Turnen.

Bisher werfen insgesamt 14 Athletinnen ihrer ehemaligen Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse vor, sie mental misshandelt, ihnen zum Teil starke Schmerzmittel gegeben oder sie in die Essstörung getrieben zu haben. Frehse bestreitet das, ihr Anwalt spricht von einer »Vielzahl von Unwahrheiten und haltlosen Vorwürfen«. Der DTB hat eine Rechtsanwaltskanzlei eingeschaltet, die mithilfe einer Psychologin die Vorwürfe der Athletinnen untersuchen soll.

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