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Eingesperrter Football-Leaks-Gründer Rui Pinto "Die Behörden schützen die Fußballbranche"

Rui Pinto, das Gesicht von Football Leaks, äußert sich erstmals zu den 147 Straftaten, die ihm angelastet werden, und zu seinen neun Monaten in Haft.
aus DER SPIEGEL 52/2019
Pinto im Januar in Budapest: "Respektlos behandelt"

Pinto im Januar in Budapest: "Respektlos behandelt"

Foto: Maria Feck / DER SPIEGEL

Das Gefängnis, in dem der schärfste Ankläger der Fußballbranche sitzt, liegt mitten in der Innenstadt von Lissabon. Ein Weg zwischen mehrstöckigen, grauen Häusern endet vor der hohen Mauer des Justizgebäudes, auf der sich Stacheldraht kräuselt. Am Montagvormittag herrscht hier Stille, die nur von Lautsprecherdurchsagen der Wärter durchbrochen wird.

In diesem Gefängnis ist seit rund neun Monaten Rui Pinto untergebracht, der Mann hinter Football Leaks. Pinto übergab seit 2016 dem SPIEGEL mehr als 70 Millionen Dokumente, die gemeinsam mit Partnern vom Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) ausgewertet wurden. So entstanden mehr als tausend Artikel, viele zogen juristische Konsequenzen nach sich.

Doch der Einzige, der im Zuge der Enthüllungen im Gefängnis landete, ist Pinto. Der Portugiese, 31, wurde im Januar in Budapest verhaftet und im März nach Lissabon ausgeliefert. Die Staatsanwaltschaft wirft Pinto 147 Straftaten vor, darunter versuchte Erpressung, Cyberkriminalität und den Bruch des Briefgeheimnisses.

Die portugiesische Justiz hat nach monatelanger Weigerung die Erlaubnis für ein Interview erteilt. Pinto spricht erstmals über die Anschuldigungen, seine Zeit im Gefängnis und den bevorstehenden Prozess.

Die SPIEGEL-Redakteure müssen durch eine Sicherheitsschleuse und alle Metallgegenstände in einen Schrank einschließen – inklusive der Mobiltelefone und Aufnahmegeräte. Lediglich einen Notizblock und Stifte dürfen sie mitnehmen. Das Gespräch mit Pinto findet in einem Konferenzraum statt. Die Gitterstäbe vor den Fenstern sind von Gardinen verdeckt.

Pinto trägt ein schwarzes T-Shirt und eine ausgeleierte Jeans. Er wirkt viel schmaler als bei seiner Verhaftung, sein Gesicht ist grau.

SPIEGEL: Haben Sie sich vorstellen können, dass Football Leaks für Sie in einem Lissabonner Gefängnis endet?

Pinto: Ich musste mich darauf gefasst machen. Ich wusste ja, dass die portugiesischen Behörden Whistleblower strafrechtlich verfolgen.

SPIEGEL: Wie werden Sie von den Gefängniswärtern behandelt?

Pinto: Sie gehen sehr gut mit mir um, wir unterhalten uns auch oft. Sie sagen, dass ein Gefängnis nicht der richtige Ort für mich sei und dass Portugal mehr Personen wie mich brauche: Menschen, die bereit sind, gegen Korruption vorzugehen.

SPIEGEL: Sie wurden für mehr als sechs Monate in Einzelhaft gehalten. Haben Sie mittlerweile Kontakt zu anderen Insassen?

Pinto: Ja, ich bin Anfang Oktober umgezogen und wohne jetzt in einem Trakt mit Häftlingen, die im Gefängnis arbeiten dürfen. Sie kochen, erledigen die Wäsche, einige betreiben sogar einen kleinen Laden. Ich darf meine Zelle verlassen und mit ihnen Zeit verbringen, aber arbeiten darf ich selbst nicht. Mir ist es auch nicht erlaubt, nach draußen auf den Hof zu gehen – auf Anordnung des Gefängnisdirektors.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Tage in Einzelhaft verbracht?

Pinto: Ich habe mich nur in meiner Zelle und einem sehr kleinen Hof bewegt. Da bin ich im Kreis gelaufen und habe einen Fußball herumgekickt. In der Zelle habe ich auch ein bisschen Sport getrieben, ansonsten viel gelesen und in mein Notizbuch geschrieben.

SPIEGEL: Wie geht es Ihnen psychisch?

Pinto: Anfangs war es sehr schwierig. Wir Menschen brauchen doch Kontakt zu anderen Personen. Mir ist nichts anderes übrig geblieben, als die Situation zu akzeptieren und mich anzupassen. Es war mir sehr wichtig, nicht den Fokus zu verlieren.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Pinto: Die portugiesischen Behörden haben Angst vor dem, was ich weiß. Darum darf ich auf keinen Fall den Verstand verlieren. Am Anfang habe ich noch Notizen über das Verfahren in mein Heft geschrieben, aber dann wurde es mir abgenommen. Meine Anwältin war anwesend, als meine Zelle durchsucht wurde. Sie hat gesagt, es sei illegal, meine Notizen zu beschlagnahmen. Das waren nicht die Gefängniswärter, sondern es war die Staatsanwaltschaft. Die macht, was sie will. Ich habe das Heft erst nach einem Monat wiederbekommen.

SPIEGEL: Wenn Sie Ihre aktuelle Situation betrachten – waren die Enthüllungen es am Ende wert?

Pinto: Wir haben schon ein paar Ergebnisse erzielt. Es gab Steuerverfahren gegen Fußball-Superstars wie Cristiano Ronaldo, José Mourinho, Radamel Falcao und Ángel Di María. Belgische und französische Behörden ermitteln auf Basis von Football-Leaks-Enthüllungen. Wir müssen noch Geduld haben, bis wir beurteilen können, ob sich alles gelohnt hat.

Mithilfe der Football-Leaks-Daten wurde ein System der Steuerhinterziehung offengelegt, durch das Spitzenfußballer Teile ihrer Werberechte in Steueroasen verschoben haben. Ronaldo musste infolge der Enthüllungen eine zweijährige Bewährungsstrafe und die Zahlung von rund 19 Millionen Euro akzeptieren.

Die Football Leaks zeigten zudem, wie viel schmutziges Geld in dem Business steckt und wie Oligarchen und Scheichs den Fußball für ihre Zwecke ausnutzen. Gegen Manchester City, den mit Millionen aus Abu Dhabi aufgepumpten englischen Spitzenklub, ermittelt der europäische Fußballverband Uefa. Der Klub hat offensichtlich mit fingierten Sponsorenverträgen die verbandsinternen Finanzregeln gebrochen. Dem Verein droht ein Ausschluss aus der Champions League.

Die Football-Leaks-Daten enthüllten zudem, wie Fifa-Präsident Gianni Infantino einen Schweizer Oberstaatsanwalt beschenkte und sich so Zugang zu einem Bundesanwalt verschaffte, der gegen die Fifa ermittelte.

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Football Leaks

Foto: Daniel Ochoa de Olza / AP

SPIEGEL: Haben Ihre Aufdeckungen etwas im Fußball verbessert?

Pinto: Im vergangenen Jahr haben der SPIEGEL und das EIC enthüllt, wie große Vereine in Europa eine Super League geplant haben. Nach der Veröffentlichung haben die Klubs die Ergebnisse der Recherchen dementiert. Aber schauen Sie sich die aktuellen Meldungen an: Florentino Pérez, der Präsident von Real Madrid, hat einen neuen internationalen Klubverband gegründet. Sie wollen die Super League wirklich umsetzen. Es ist seit Jahren immer die gleiche Scheiße. Es geht einfach weiter. Solange die Lieblingsmannschaft gewinnt, ist den Leuten alles andere egal – selbst wenn sie von Fehlverhalten und Verbrechen wissen. Dagegen komme ich nicht an. Fußball ist unantastbar. Und die Behörden schützen die Branche, weil sie von so großem öffentlichen Interesse ist.

SPIEGEL: Warum ist das so?

Pinto: Nehmen Sie den größten portugiesischen Verein Benfica. Der ist wie ein Krake, dessen Arme überall in die Elite des Landes hineinreichen. Der Klub ist so eng mit der Polizei, den Strafverfolgungsbehörden und der Politik verbunden. Die bekommen regelmäßig VIP-Tickets für Benfica-Spiele geschenkt. Es wäre ein riesiger Interessenkonflikt, wenn sie den Verein einmal ernsthaft untersuchen müssten.

SPIEGEL: Ihr Prozess wird voraussichtlich Anfang nächsten Jahres beginnen. Warum müssen Sie bis dahin in Haft bleiben?

Pinto: Das ist völlig unbegründet und unfair. Ich habe die Richterin um Erlaubnis gebeten, zu Hause auf den Prozessbeginn zu warten. Aber die Staatsanwaltschaft hat behauptet, ich könne dann die Ermittlungen behindern. Sie sehen sogar das Risiko, dass ich mit Unterstützung ausländischer Mächte illegale Aktivitäten betreiben könne. Es ist total lächerlich.

SPIEGEL: Wen meint die Staatsanwaltschaft damit?

Pinto: Ich nehme an, dass sie Behörden aus anderen Ländern meint. Einige sind ja zu einer Kooperation mit mir bereit und möchten Verbrechen in der Fußballwelt mithilfe meiner Daten aufklären. Ist das nicht unglaublich? In Portugal werden nicht nur Whistleblower kriminalisiert, sondern auch die Menschen, die Whistleblower unterstützen wollen.

SPIEGEL: Die portugiesischen Behörden haben kein Interesse daran, mit Ihnen zusammenzuarbeiten?

Pinto: Die Staatsanwältin hat mir gesagt, sie erwarte von mir als Kooperation einzig und allein, dass ich mich schuldig bekenne. Sie will das Football-Leaks-Datenmaterial nicht verwenden, obwohl darin zahlreiche Beweise für die Kriminalität mächtiger Akteure der Fußballwelt enthalten sind.

Die Ermittlungen gegen Pinto gehen auch auf eine Anzeige der Sportvermarktungsagentur Doyen und ihren Manager Nélio Lucas zurück. Pinto hatte 2015 Lucas kontaktiert und eine hohe Geldsumme dafür verlangt, dass er sensible Dokumente über Doyens Geschäfte nicht im Internet veröffentlichte. Lucas meldete sich daraufhin bei der Polizei und ging zum Schein auf Verhandlungen mit Pintos Anwalt ein. Vor Abschluss des Deals zogen sich Pinto und der Jurist allerdings zurück, ohne Geld erhalten zu haben.

Dass ausgerechnet Doyen Pinto nun vor Gericht bringt, klingt wie ein schlechter Witz. Die Agentur steht stellvertretend für das Übel in der Fußballwelt, das Pinto mit seinen Leaks bekämpfen wollte. Hinter der Firma stand jahrelang die Arif-Familie aus Kasachstan, die, gestützt von dubiosen Oligarchen, mit Hotels, Immobilien und Rohstoffgeschäften Geld verdient hat. Doyen wickelte über ein undurchsichtiges Firmengeflecht Millionendeals im Fußballbusiness ab, setzte dabei Vereine unter Druck, band Spieler mit Knebelverträgen an sich. Die spanische Staatsanwaltschaft ermittelt seit Sommer gegen Doyen und einige ihrer Manager wegen des Verdachts des Steuerbetrugs und der Geldwäsche. Grundlage dafür sind die Football Leaks.

SPIEGEL: Bereuen Sie irgendetwas?

Pinto: Ich bereue den ersten Kontakt zu Doyen im Jahr 2015. Ich war damals naiv, und es war eindeutig ein Fehler, Doyen anzugehen. Die Behörden interpretieren das als versuchte Erpressung. Das benutzen sie, um mich in Untersuchungshaft zu behalten. Meiner Meinung nach habe ich aber kein Verbrechen begangen. Ich bin an sie herangetreten, um den Wert meiner Informationen zu testen. Ich hatte nie die Absicht, ihr Geld anzunehmen.

SPIEGEL: Die Staatsanwaltschaft wirft Ihnen 147 Straftaten vor, darunter Hacking und den Bruch des Briefgeheimnisses. Was sagen Sie zu diesen Anschuldigungen?

Pinto: Ich weiß, dass das wie eine hohe Anzahl von Verbrechen klingt, und mir werden wahrscheinlich auch Straftaten unterstellt, die nicht ich begangen habe. Ich muss aber betonen, dass die gesamte Untersuchung völlig voreingenommen ist und große Mängel aufweist. Ein Zugriff auf die Server-Infrastruktur der Kanzlei PLMJ zum Beispiel sollte doch als eine Straftat gezählt werden. Stattdessen zählen die Ermittler jede einzelne E-Mail-Adresse und kommen damit auf mehr als 70 Straftaten. Das ist extrem merkwürdig.

SPIEGEL: Werfen die Ermittler Ihnen zu Recht diesen Zugriff auf die Server vor?

Pinto: Das ist strittig. Wir werden das vor Gericht diskutieren. Jetzt ist es zu früh, darüber zu sprechen.

SPIEGEL: Das klingt danach, als ob Sie zugeben würden, gehackt zu haben. Uns gegenüber haben sie das stets bestritten.

Pinto: Ich akzeptiere, dass einige meiner Handlungen aus Sicht der portugiesischen Rechtsordnung möglicherweise als illegal betrachtet werden könnten. Ich betone aber, dass viele Dinge, die hier behandelt werden, nicht illegal begangen wurden. Und ich betrachte mich nicht als Hacker.

SPIEGEL: Was bedeutet Hacking für Sie?

Pinto: Für mich ist Hacking, wenn man mit brachialen Mitteln in ein System einbricht und es ausbeutet. So etwas habe ich nie gemacht.

SPIEGEL: Laut Anklage wurde Hacker-Software auf Ihrem Laptop gefunden.

Pinto: Das ist wahr, aber erstens wurde dieser Computer nicht nur von mir benutzt. Zweitens bedeutet es nicht, dass die Software tatsächlich verwendet wurde, nur weil sie da ist. Und drittens steht nirgends in der Anklage, dass auch nur eines dieser Programme für den Zugriff auf Daten verwendet wurde.

SPIEGEL: Sie haben immer behauptet, nicht allein gehandelt zu haben. Seit Ihrer Festnahme ist Football Leaks jedoch verstummt. Was ist mit Ihren angeblichen Gefährten geschehen?

Pinto: Seien Sie geduldig. Es stimmt, dass ich das Gesicht des Projekts war. Aber wir werden sehen, was in der nahen Zukunft geschieht.

SPIEGEL: In Ihrer Budapester Wohnung haben die Behörden mehr als ein Dutzend Datenspeicher beschlagnahmt. Einige Festplatten waren unverschlüsselt. War das nachlässig?

Pinto: Dafür gibt es Erklärungen. Eine der Festplatten hat zum Beispiel jemand in Sarajevo erstellt. Leider befand sie sich bei meiner Verhaftung zufällig in meiner Wohnung, weil ich davon Kopien anfertigen wollte.

SPIEGEL: Auf der Festplatte befand sich also Material, dass jemand anderes als Sie gesammelt hatte?

Pinto: Ich sage es noch einmal: Die Behörden schreiben mir viele Verbrechen zu, die nicht ich begangen habe. Aber ich werde niemanden verpfeifen.

SPIEGEL: Mit welchem Ausgang des Prozesses rechnen Sie?

Pinto: Ich bezweifle, dass ich ein faires Verfahren bekommen werde. Ich denke, dass dieser Fall vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte landen wird, weil Portugal sich nicht um den Schutz von Whistleblowern kümmert.

Pinto-Solidaritätsaktion von Dortmunder Fans im Februar: "Fußball ist unantastbar"
Pinto-Solidaritätsaktion von Dortmunder Fans im Februar: "Fußball ist unantastbar" Foto: GETTY IMAGES SPORT

Am vergangenen Mittwoch, zwei Tage nach dem Interview, bekommt Rui Pinto ein Gefühl dafür, was ihn erwarten könnte: Zum ersten Mal trifft er in einem Gerichtssaal auf die Staatsanwälte und die Nebenkläger. Der Termin im Justizzentrum in Lissabon ist eine Art Verfahren vor dem offiziellen Prozessbeginn, bei dem die Beteiligten die erste Möglichkeit bekommen, die Richterin von ihren Standpunkten zu überzeugen. Vornehmlich geht es dabei um juristische Formalitäten – etwa ob Lissabon der zuständige Gerichtsstand ist, wenn eine mutmaßliche Cyberattacke im Ausland stattgefunden hat.

Am Morgen des Vorverfahrens muss die Richterin Cláudia Pina den Verhandlungsraum kurzfristig verlegen, damit alle Zuschauer Platz finden. Pinto betritt als Letzter den Saal, begleitet von fünf bewaffneten Polizisten mit kugelsicheren Westen. Sie nehmen ihm die Handschellen ab und bleiben in seiner Nähe. 14 Juristen befinden sich auf der anderen Seite des Raums, sie vertreten die Nebenkläger, darunter den portugiesischen Fußballverband, die Anwaltskanzlei PLMJ, den Fußballklub Sporting, die Anwaltskammer und Doyen. Die mutmaßlich Geschädigten und die Staatsanwaltschaft tragen ihre Argumente vor. Sie erklären, warum der Umfang der Klage gerechtfertigt sei und die 147 Straftaten zwingend in einem Prozess verhandelt werden sollten. Während die Ankläger sprechen, streicht sich Pinto immer wieder durchs Gesicht und kaut Haut von seinen Fingern ab. Hin und wieder schüttelt er entgeistert den Kopf.

Nur wenige Meter von ihm entfernt sitzen seine Verteidiger, Francisco Teixeira da Mota und dessen Tochter Luisa. Sie teilen mit, dass sie es für unzulässig halten, dass die Staatsanwaltschaft den im Januar vollstreckten Europäischen Haftbefehl von 6 auf 147 Straftaten erweitert hat.

Das Vorverfahren zieht sich über mehrere Stunden. Die einzige Person, die das Wort "Whistleblower" in den Mund nimmt, ist die Anwältin von Doyen. Und das auch nur, um Pinto diesen Status abzusprechen. Pinto sieht stumm dabei zu, wie die Pflöcke für ein kompliziertes Verfahren eingeschlagen werden. Am späten Nachmittag beendet Richterin Pina die Verhandlung. Für den 13. Januar kündigt sie ihre Entscheidung darüber an, ob, wo und mit wie vielen Straftaten Pinto angeklagt werden wird.

SPIEGEL: Wir bezeichnen Sie als Whistleblower, weil Sie unter großem persönlichem Risiko relevante Informationen gesammelt und mit Medien und Ermittlern geteilt haben. Andere sehen in Ihnen einen Kriminellen. Was sagen Sie dazu?

Pinto: Alle Debatten sind völlig zulässig. Wenn ein Zeitungsredakteur schreibt, dass ich ein Verbrecher bin, werde ich mich nicht darüber beschweren. Das ist die Pressefreiheit. Ich verlange nur eine ehrliche Debatte darüber, was Football Leaks erreicht hat. Und bis jetzt war es keine faire Diskussion, denn im Moment geht es nur um mich als Person und nicht um das Unrecht, das ich aufgedeckt habe.

SPIEGEL: Ende 2018 haben Sie beschlossen, das Leben in Anonymität aufzugeben und mit den Behörden zu kooperieren. Frankreich hat mit Ihnen über ein Zeugenschutzprogramm verhandelt, damit Sie die Strafermittlungen unterstützen können. Ist so etwas noch möglich?

Pinto: Ich hatte vor, Ende Januar nach Paris umzuziehen. Wenige Tage vorher wurde ich verhaftet. Seitdem habe ich keinerlei Kontakt mehr mit den französischen Behörden.

SPIEGEL: Anfang des Jahres hat die EU-Behörde Eurojust, die die Zusammenarbeit zwischen europäischen Staatsanwälten erleichtert, auf der Grundlage Ihrer Daten gemeinsame Ermittlungen in der Fußballwelt eingeleitet. Staatsanwälte aus neun Ländern haben ihr Interesse bekundet. Haben Sie danach mehr Unterstützung für sich erwartet?

Pinto: Ja, ich habe viel mehr Hilfe erwartet. Ich weiß, dass Eurojust eine sehr bürokratische Struktur hat, aber ich fühle mich einfach respektlos behandelt. Sie wollen, dass ich vollständig kooperiere, ohne mir irgendetwas im Gegenzug anzubieten. Wenn Portugal mich zu 25 Jahren Haft verurteilen würde, würde Eurojust nur sagen: Okay, Pech gehabt. Wir hätten bitte trotzdem gern deine Daten.

SPIEGEL: Spüren Sie noch den Drang, Verbrechen in der Fußballwelt zu bekämpfen?

Pinto: Ja, sicher. Eines Tages werde ich das Gefängnis verlassen, dann werde ich auf Konferenzen sprechen und Artikel veröffentlichen. Wir brauchen mehr Regulierung. Die Europäische Kommission muss eingreifen. Erst in diesem Jahr wurde die Fußballbranche auf die EU-Beobachtungsliste für Geldwäsche gesetzt. Es gibt noch viel zu tun.

SPIEGEL: Schauen Sie im Gefängnis Fußballübertragungen?

Pinto: Das ist schwierig, weil wir nicht viele Fernsehkanäle zur Verfügung haben und daher nicht viel Fußball zu sehen bekommen. Normalerweise höre ich mir die Spiele im Radio an.

SPIEGEL: Sie sind immer noch Fußballfan?

Pinto: Natürlich! Es ist das beste Spiel der Welt. Ich verachte nur das schmutzige Geschäft drum herum.

SPIEGEL: Wie wird Weihnachten im Gefängnis für Sie aussehen?

Pinto: Das wird hart. Nicht nur für mich, sondern für alle hier. Wir werden versuchen, uns eine schöne Zeit zu machen und die traurige Realität für eine Weile zu vergessen. Aber Weihnachten sollte man mit seinen Lieben verbringen. Trotzdem: Manchmal muss man Opfer bringen.

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