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Olympia RUNTER VOM OLYMP

Entrüstet weist IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch stets Vorwürfe der Bestechlichkeit zurück. Der Untersuchungsausschuß zur gescheiterten Berliner Olympiabewerbung wird erstmals Beweise liefern. Die Präsidentengattin ließ sich eine wertvolle Vase einpacken und mahnte sogar mehrfach die Lieferung an.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Eindringlich verpflichtete Hanna-Renate Laurien die Runde in der Führungs- und Verwaltungsakademie des Deutschen Sportbundes zur Verschwiegenheit. Dann lud die Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses ihre Wut über die offensichtlich unbeholfenen und unsensiblen Mitstreiter ab.

Wenn Berlin die Olympischen Spiele im Jahre 2000 bekommen wolle, klärte Laurien die hochrangigen Sportfunktionäre und deren Vertraute auf, dürfe sich die deutsche Hauptstadt eine Panne wie die bei der Gemahlin des IOC-Präsidenten nicht noch einmal erlauben. Ab sofort sei jedes Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) so »wichtig wie Kohl, Bush und Gorbatschow zusammen«.

Frau Samaranch, erklärte die CDU-Politikerin später, habe sich bei einem Besuch der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) in Berlin unmißverständlich auffällig in eine mehrere tausend Mark teure Vase verguckt. Aber erst nach langem, peinlichen Schweigen hätten die Begleiter der First Lady Olympias das Porzellan als Geschenk angeboten.

Zuerst hatte man Skrupel wegen des hohen Preises und wollte dem Gast nur ein ähnliches, aber nicht ganz so wertvolles Ausstellungsstück versprechen. Und dann habe es noch acht weitere Wochen gedauert, schimpfte Hanna Laurien weiter, ehe Frau Samaranch das versprochene Paket mit der Handarbeit aus Berlin daheim in Spanien habe auspacken können: »Mehrfach mußte ich sie am Telefon beschwichtigen, so gedemütigt fühlte sie sich.«

Maria Teresa Samaranch konnte es sich leisten, das Präsent unverfroren einzufordern. Sie durfte sich darauf verlassen, daß ihre Begehrlichkeit nie publik werden würde - aus Angst vor der Allmacht ihres Gatten Juan Antonio in der Welt des Sports. Zwar wundern sich alle Städte, die sich um die Ausrichtung Olympischer Spiele bewerben, wie selbstverständlich IOC-Mitglieder und deren Ehefrauen fürstliche Behandlung, Luxus und Geschenke erwarten. Doch selbst die abenteuerlichsten Anfragen wurden bisher diskret erfüllt. Weltweit galt als ungeschriebenes Gesetz: Ohne Bestechung kein Olympia.

Doch jetzt droht den olympischen Kassierern die Inquisition. Der in der vorletzten Woche eingesetzte Untersuchungsausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses will nicht nur klären, wer in der Hauptstadt für die teure und verkorkste Bewerbung verantwortlich war. Einige Mitglieder der parlamentarischen Kommission wollen auch wissen, mit welchen Geschenken und Gefälligkeiten versucht wurde, die IOC-Mitglieder auf Berlin einzustimmen.

Die Zeugen - selbst IOC-Mitglieder werden vorgeladen - sollen zudem über die in Berlin gesammelten Informationen vorangegangener Bewerbungskampagnen sowie die Methoden der Kontrahenten um die Ausrichtung der Spiele im Jahre 2000 aussagen.

Das zu erwartende Sittengemälde dürfte besonders für den IOC-Präsidenten peinlich werden. Wann immer die Bestechlichkeit seiner Organisation kritisiert wurde, verwies Samaranch, 74, auf die »Redlichkeit und Integrität« der IOC-Mitglieder. Er »vertraue ihnen hundertprozentig«. Nur vorsorglich habe er vor vier Jahren neue Regeln aufstellen lassen - IOC-Mitglieder dürfen danach nur Geschenke annehmen, die nicht teurer als 200 Dollar sind.

Der Einkaufsbummel seiner Ehefrau, der im Untersuchungsausschuß zur Sprache kommt, entlarvt die ganze Scheinheiligkeit der IOC-Welt - die Rechnung ging an die Berliner Senatskanzlei; überwiesen wurden schließlich, so eine KPM-Sprecherin, 394 Mark.

Lange hatte es so ausgesehen, als würde über die Nehmerqualitäten des IOC-Trosses für immer geschwiegen. Nach der verlorenen Wahl hatte Berlins Chef-Bewerber Axel Nawrocki in einer großangelegten Schredder-Aktion wichtige Unterlagen vernichten lassen.

Nicht zuletzt deshalb wurde der Untersuchungsausschuß eingesetzt, der nun sogar die Möglichkeit bietet, das bisher stets im dunkeln gebliebene Treiben der Olympia Marketing GmbH zu erforschen. Diese Gesellschaft war gegründet worden, um Bürokratie und parlamentarische Kontrolle zu umgehen. »In dieses Nest werden wir reinstechen«, kündigt Axel Hahn (FDP) an, und dabei solle das IOC »nicht sakrosankt auf seinem Olymp bleiben«.

Jetzt habe man die Möglichkeit, »allen Schweinereien nachzugehen«, sagt die sportpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Judith Demba. Aufgrund neuer Gutachten bereitet sie zudem eine Verfassungsklage gegen den Senat vor, weil der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen die Parlamentarischen Anfragen zu Olympia stets mit Ausflüchten beantwortet habe. Jetzt wollen die Kritiker von den Zeugen - wenn es sein muß, auch unter Eid - Auskunft darüber, *___wer die Einladung an die Tochter des südkoreanischen ____IOC-Mitglieds Un Yong Kim für ein Gastspiel mit den ____Philharmonikern bezahlt hat, *___wer IOC-Mitgliedern, die im Hauptberuf hochrangige ____Militärs sind, Gesprächspartner gleichen Dienstranges ____aus der Bundeswehr besorgt hat, *___wie der Forderung eines afrikanischen IOC-Mitglieds ____nach drei Sätzen Mercedes-Radkappen, die in seiner ____Heimat so oft gestohlen würden, nachgekommen wurde, *___warum nur 8 der 62 IOC-Mitglieder, die Berlin ____besuchten, das Drei-Tage-Limit einhielten; andere aber, ____wie der Libyer Mohammed Attarabulsi, 57, gleich sieben ____Tage Berlin mit Luxushotel, Chauffeur und ____Dinner-Einladungen genossen.

Ein ganz spezielles Kapitel wird wohl dem beklagenswerten Gesundheitszustand des IOC-Zirkels gewidmet, denn das oberste Sportgremium der Welt gleicht offensichtlich einem Feldlazarett auf Reisen. »Mindestens jeder zweite« der 62 Besucher, sagte Brigitte Schmitz, Leiterin der Internationalen Abteilung der Berliner Olympia GmbH, gegenüber einem Buchautor, habe einen »ärztlichen Check-up« gewünscht, einen Termin vermittelt bekommen - und dann vergessen, zu bezahlen.

Vor allem das tatsächliche Herzeleid der zumeist ältlichen IOC-Herren ist aufklärungsbedürftig. Berlin-Werber, darunter Peter Männing, Geschäftsführer des Olympia-Förderkreises, behaupten, daß einem IOC-Mitglied eine Operation im anerkannten Deutschen Herzzentrum von Professor Roland Hetzer spendiert worden sei. Dabei habe es sich, so ein Mitarbeiter der Marketing GmbH, um den Kenianer Charles Nderitu Mukora, 59, gehandelt.

»Unfug« nennt das dagegen ein Betreuer aus der Olympia GmbH. Mukora habe sich bei seinem Besuch »zwar als Schlitzohr erwiesen«, doch am Herzen hätten es zwei Herren gehabt, »die nicht aus Afrika kommen«. Die hätten sich auf Kosten der Berliner ihre Bypass-Operationen nachuntersuchen lassen.

Möglich ist angesichts der Berliner Stümperei aber auch, daß die eine Hand nur nicht wußte, wen und wo die andere operieren ließ. Unstrittig aber ist, daß die angefallenen Behandlungskosten die 200-Dollar-Grenze überschreiten, die sich das IOC nach außen als Selbstbeschränkung auferlegt hat. »Wer sich wirklich an das Limit hält«, sagt ein Berliner Betreuer der IOC-Delegationen, »der kann Olympia nicht bekommen.«

Besonders viel Porzellan der olympischen Heuchler dürfte durch die Vernehmung des Berliner Unternehmensberaters Nikolaus Fuchs zerschlagen werden. In der Frühphase der Berliner Bewerbung hatte dieser einen »Bericht über Sondierungen in Athen« angefertigt und Intimes aus dem Innenleben des IOC-Zirkels zusammengetragen.

Aus der Bewerberstadt für 1996 hatte Berlin delikate Informationen über allzu menschliche Vorlieben und Schwächen bekommen. Die Aufzeichnungen, die es offiziell nie gegeben hat, existieren immer noch. Darin wird Richard Carrion, 42, aus Puerto Rico als »Playboy« eingestuft, Sajjed Walid Ali, 83, aus Pakistan sei »immer betrunken«. Und »bei vielen« werde die Entscheidung »durch Annahme von Vorteilen beeinflußt«. Käuflich seien »die meisten Vertreter aus Osteuropa, zahlreiche aus Südamerika«. Namentlich benannt sind in der Fuchs-Studie unter anderen Jean-Claude Ganga, 59, aus dem Kongo oder Paul Wallwork, 53, aus Samoa.

Der Untersuchungsausschuß will den Wahrheitsgehalt des Berichts prüfen und die »mündlichen Ergänzungen«, die dieser verspricht, abfragen.

Die zu erwartenden Enthüllungen lohnen den Aufwand, zumindest für den deutschen Steuerzahler. Die deutschen Olympier begannen bereits wieder, von einer neuen Bewerbung zu träumen. Da das IOC aber nichts mehr fürchtet als Indiskretionen, dürften bis weit ins nächste Jahrtausend hinein keine Olympischen Spiele mehr nach Deutschland vergeben werden. Y

»Wer sich ans Limit hält, kann Olympia nicht bekommen«

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