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SEGELN Schach auf dem Wasser

Das schweizerische Boot »Alinghi« mit dem Deutschen Jochen Schümann an Bord avancierte zum Favoriten unter den Herausforderern beim America's Cup. Mit einem Sieg brächte es die boomende Regatta zurück nach Europa. Dann, glauben Experten, würde noch mehr Sponsorengeld fließen.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Fast graziös umtänzeln die beiden Yachten einander. Die Masten ragen in den Himmel, leicht zur Seite geneigt, und strecken die Segel in den Wind. Manchmal halten die Schiffe auch aufeinander zu, ehe sie im letzten Moment auf Parallelkurs gehen und dann beim Startsignal gemeinsam davonziehen. Ein Pas de deux zu Wasser, so scheint es, Boot mit Boot.

Wären da nicht die Flüche der Männer an Bord und deren Schufterei. Denn bei dem neckisch anmutenden Spiel vor Neuseeland kämpfen die Besatzungen in Wahrheit unerbittlich gegeneinander. Matchrace, Boot gegen Boot.

Über fünf Monate laufen die Rennen im America's Cup. Fünf Monate, in denen die Yachten vormittags in das Revier hinausgeschleppt werden und abends wieder zurück in den Hafen von Auckland. Der Kurs ist simpel: drei Seemeilen gegen den Wind und die Strecke vor dem Wind zurück, dreimal das Ganze. Was den America's Cup so gnadenlos macht, sind die Duelle, die in der Regel das Team gewinnt, das mehr Geld hat und sich die bessere Ausrüstung leisten kann.

An Matrosen-Romantik erinnert die Regatta heute so sehr wie die Formel 1 an Bertha Benz' ersten Ausflug mit einem Automobil. »Ein Technologie-Event mit einem einmaligen historischen Wert« sei der Cup, schwärmt Jochen Schümann, 48, vom Schweizer »Alinghi«-Team, als dreimaliger Olympiasieger Star in der deutschen Szene. »Alles muss bis ins Detail perfektioniert sein - sonst hat man keine Chance.«

Schümann reizt es, auf engem Raum die entscheidende Böe aufzuspüren. »Dreidimensionales Schach« nennt er die Manöver beim America's Cup; er liebt dieses Spiel »auf einem Brett, das sich permanent verändert«. Im schnellen Rhythmus von Analyse, Prognose und Entscheidung findet er seinen Weg. An Schümann habe er wenig Magisches entdeckt, urteilte einmal ein olympischer Mitsegler, »außer dass er extrem hart und konzentriert arbeitet«.

An Bord der »Alinghi« steht Schümann meist im Heck, mit Kappe, Sonnenbrille und gebräuntem Gesicht, und richtet den Blick voraus. Auf der wichtigen Position des Strategen stimmt er sich ständig mit Steuermann und Taktiker ab, oft reichen Blickkontakt und Gesten.

Die Teamarbeit funktioniert so präzise, dass sich »Alinghi« in den Rennen unter den Herausforderern in die Favoritenrolle bugsiert hat. In dieser Serie wird jene Yacht ermittelt, die im Finale gegen den America's-Cup-Verteidiger Team New Zealand antreten darf.

Gewinnt »Alinghi« im Februar dieses Duell, wird das Spektakel America's Cup 2006, nach 155 Jahren, nach Europa zurückkehren. Denn der Sieger hat das Recht, drei Jahre später den nächsten Wettbewerb auszurichten. Seit dem Debüt 1851, als vor England gesegelt worden war, fand die Regatta nur in den USA, Australien und Neuseeland statt.

In Europa, prophezeit Schümann, werde sie »kommerziell viel besser zu nutzen sein« und »in ihrer Größe und Bedeutung explodieren«. Wenn die Boote im Mittelmeer kreuzten statt in einer entfernten Ecke der südlichen Hemisphäre, wäre ein neuer Markt eröffnet. Vor allem die Zahl der Segelteams sowie die Sponsorengelder, so versichern Experten, würden rapide steigen.

Schon jetzt boomt der Wettbewerb. Rund 570 Millionen Euro, so viel wie nie zuvor, haben die neun Herausforderer investiert. Ein Schiff wie die 25 Meter lange und maximal 13 Knoten schnelle »Alinghi« einzusetzen kostet 90 Millionen Euro.

»Die Budgets fürs Schiffsdesign haben sich verdoppelt, die Gehälter haben sich verdreifacht, die Ausgaben für Segelentwicklung vervierfacht«, schätzt der Cup-Veteran Paul Cayard aus San Francisco. Dem kleinen Neuseeland weht das Ausrichterrecht mehr als 300 Millionen Euro in die Volkswirtschaft.

Passend zum Aufschwung wird das Ereignis von den elektronischen Medien aufwendig übertragen. Waren die Segelschiffe einst fürs Publikum an Land zwei kleine Punkte am Horizont, so sind sie inzwischen mit Mikrofonen und bis zu fünf Kameras ausgestattet. Live lassen sich die Rennen im Internet mit dem »Virtual Spectator« verfolgen, einer Animation, die sogar den Abstand der Yachten voneinander und den Weg zur nächsten Wendeboje angibt.

Im Netz genauso wie in Wirklichkeit prangt auf allen Booten oben in den Großsegeln das Symbol einer üppig verzierten Kanne, das wie ein Fremdkörper auf den schnörkellosen Schiffen wirkt: der America's Cup, die Trophäe für den Sieger. Um den ältesten Sportpokal der Welt, gestiftet 1851 von Queen Victoria, gefertigt von ihrem Hofjuwelier, wird mit den modernsten Rennyachten der Welt gesegelt.

Bei schwerer See würden die Wellen die schlanken Bootskörper zerbrechen. Oder die Kiele könnten abreißen, an deren Unterkante 20 Tonnen Blei hängen, vier Fünftel des Gesamtgewichts. Aber für den Inneren Hauraki-Golf, das geschützte Revier des Cups nahe der Küste, sind sie geschaffen wie Schumachers Ferrari für den Hockenheimring.

Mehr als die Hälfte ihrer Etats stecken die Teams in Konstruktion, Bau, Wartung und Weiterentwicklung der Yachten. Ein Schiff nur um einen zehntel Knoten schneller zu machen, so die Faustregel für die Ingenieure, kostet zehn Millionen Euro.

Solche Summen aufzubringen ist für Ernesto Bertarelli, 37, Boss des »Alinghi«-Teams, ein Leichtes. Bertarelli leitet als Vorstandschef Europas größten Biotech-Konzern, Serono, mit Sitz in Genf. Seine Familie besitzt die Aktienmehrheit an dem Unternehmen, er einige Milliarden Franken Privatvermögen. Seine Passion: Segeln. Sein Traum: der Cup als Vitrinenschmuck für seinen Club Société Nautique de Genève.

Bertarelli setzt sein Geld zielsicher ein. Zuerst holte er die Fachkräfte. Schon im Frühjahr 2000 warb er sechs Neuseeländer, die wenige Wochen zuvor die America's-Cup-Regatta gewonnen hatten, für »Alinghi« ab, darunter den Steuermann Russell Coutts. Ihn lockte Bertarelli mit einem Dreijahresvertrag über 15 Millionen Dollar. Auch der Taktiker Brad Butterworth wechselte vom Siegerteam zu den Schweizern.

Im Herbst stieß der gebürtige Ost-Berliner Jochen Schümann als Sportdirektor dazu. Der organisierte das Auftakttraining auf dem Genfer See und im Mittelmeer, die Sichtung von mehr als hundert Kandidaten, von denen die meisten bei den harten Tests durchfielen. Früher als alle anderen, berichtet ein Beobachter, hätte die Besatzung von »Alinghi« »geübt wie die Apachen«.

An Bord fügt sich Eigner Bertarelli, anstatt den exzentrischen Patriarchen zu geben, in seine Rolle als Navigator. Obwohl selbst Weltmeister, beschränkt er sich in den Rennen darauf, per Computer die Position des eigenen Schiffs und mit einer Laserpistole den Abstand zum Gegner zu kontrollieren.

Andere Teambosse aus der Liga der Superreichen spielen ihre Macht aus. Sie heuern und feuern im Streit ihre Angestellten.

Bei den Schweizern jedoch, erkannte Tim Kröger, deutsches Crew-Mitglied der bereits ausgeschiedenen französischen »Le Défi Areva«, »macht alles einen sehr sportorientierten Eindruck«.

Auch von Spionagevorwürfen bleibt »Alinghi« weitgehend unbehelligt. Über die amerikanische »OneWorld« dagegen hat jetzt das Schiedsgericht zu urteilen, ob bei der Konstruktion illegal beschaffte Designdaten der neuseeländischen Siegeryacht von 2000 verwendet worden sind.

Geschickt umschifft »Alinghi« die Maxime aus der Stiftungsurkunde des Cups, wonach sich Länderteams »zum freundschaftlichen Wettkampf zwischen verschiedenen Nationen« treffen sollen. Es müssen nur alle aus der Crew in der Schweiz einen Wohnsitz gemeldet haben - eine Regel, die sich leicht einhalten lässt. Darum segelt nun eine weltweit akquirierte Besatzung für ein Land, das fernab der Ozeane liegt und dessen Athleten bislang Ruhm eher im Schnee erlangten.

Trotz solcher Tricks stehen die America's-Cup-Kampagnen immer noch im Rang nationaler Operationen. So bringt Jochen Schümanns Erfolg frischen Wind in die Diskussion um ein deutsches Team. Käme das Spektakel nach Europa, meint Profisegler Kröger, »würde das wie eine Initialzündung wirken«.

Zwei Versuche sind bislang gescheitert. 1992 begann Daimler-Benz mit dem Projekt AeroSail. Schümann sichtete als Direktor Segeltalente. Doch als Daimler das Ziel eines Cup-Starts nicht mehr ernsthaft verfolgte, ging er. AeroSail wurde aufgelöst.

Weiter kam der Leverkusener Kunststofffabrikant Michael Illbruck voran. Mit dem Kern jener Crew, die das Volvo Ocean Race rund um die Welt gewonnen hat, wollte er in die Formel 1 des Segelsports aufsteigen. Doch der Mittelständler scheiterte bei der Sponsorensuche. Das heftige Interesse von BMW am America's Cup bemerkte seine unerfahrene Marketingabteilung zu spät. Nun ist Illbruck draußen, während BMW das amerikanische Team Oracle mit 18 Millionen Euro mitfinanziert. Auch andere deutsche Firmen sind offenbar gar nicht so abgeneigt, beim America's Cup mitzusegeln. Der Walldorfer Software-Konzern SAP hat es sich 10 Millionen kosten lassen, sein Logo auf dem Schiff »New Zealand« anzubringen.

Die Werbewirksamkeit der Superyachten gilt als erkannt. Um eine anspruchsvolle Kundschaft zu erreichen, erklärt Thomas Giuliani, Marketingdirektor beim Sponsor BMW, seien »das technische Niveau und das spezielle Charisma dieses Wettbewerbs ideal«.

Michael Illbruck plant weiter an seinem Vorhaben: »Wir müssen nur die Hebel umlegen.« Tim Kröger sieht jedoch nur eine mögliche Galionsfigur eines deutschen Projekts: »Jochen Schümann.« Der mag zwar »an 2006 noch gar nicht denken«, weiß aber auch: »Die Chance müssen wir irgendwann mal nutzen.«

Wenn Anfang März geklärt sein wird, an welcher Küste drei Jahre später die Boote durchs Wasser pflügen, werden sich auch andere Teams formieren. Das, sagt BMW-Mann Giuliani, »wird eine spannende Zeit«. DETLEF HACKE

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