Schach-Boom auf Twitch Wie ein 1500 Jahre alter Sport zum Streaming-Hit wurde

Schach ist derzeit der Trend auf der Streamingplattform Twitch. Influencer entdecken das Spiel, Großmeister Hikaru Nakamura wird als Lehrer gefeiert. In der Schachszene gefällt das nicht jedem.
Die Novizen "Ludwig" und "Papaplatte" (links, von oben) duellieren sich, die Profis Alexandra Botez und Hikaru Nakamura (rechts, von oben) müssen zuschauen

Die Novizen "Ludwig" und "Papaplatte" (links, von oben) duellieren sich, die Profis Alexandra Botez und Hikaru Nakamura (rechts, von oben) müssen zuschauen

Foto: YouTube/Chess.com PogChamps

Hikaru Nakamura schrie auf: "Oh mein Gott!" Der Schach-Großmeister saß in Florida vor dem Computer und konnte nicht fassen, was er da sah. "Papaplatte" hatte seine Dame gerade auf ein Feld gestellt, auf der ein Bauer sie einfach schlagen konnte. Ein schlimmer Fehler.

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Doch Minuten vergingen, "Papaplattes" Gegner "Ludwig" realisierte seine Chance nicht. Hikaru und seine Co-Kommentatorin Alexandra Botez sahen das Unheil kommen: "Ludwig" zog seinen Läufer, anstatt die Dame zu schlagen. In Hamburg schlug Georgios Souleidis, Trainer von "Papaplatte", die Hände über dem Kopf zusammen .

Für Außenstehende musste die Szenerie kurios wirken: Während der Großmeister Nakamura, die Fide-Meisterin Alexandra Botez und der Internationale Meister Souleidis die Partie lediglich als Beobachter verfolgen, duellieren sich zwei blutige Anfänger – und auf der Streamingplattform Twitch wird das ganze zum Zuschauerevent.

150.000 schauen ein paar Anfängern zu

Bei den Pogchamps traten im Juni berühmte Streamer wie der als "Ludwig" bekannte Ludwig Ahgren und Kevin Teller alias "Papaplatte" gegeneinander an. Twitch hatte das Turnier gemeinsam mit der Schachplattform Chess.com ins Leben gerufen. Während es lief, schauten zu Spitzenzeiten über 150.000 Zuschauer zeitgleich Schach-Streams an. Nakamura kommentierte die Spiele, Souleidis coachte den deutschen Teilnehmer "Papaplatte".

Onlineschach wächst seit Jahren, in den vergangenen Monaten gibt es jedoch geradezu einen Boom. Einer der Hauptverantwortlichen für diese Entwicklung ist Nakamura. Der Schachprofi ist fünffacher Meister der USA und aktuell erster der Weltrangliste im Blitzschach. Seit Jahren streamt er Schach. "Aber die große Veränderung kam während der Coronakrise", sagt Nakamura dem SPIEGEL.

Nakamura (rechts) im Duell mit Magnus Carlsen

Nakamura (rechts) im Duell mit Magnus Carlsen

Foto: FREDRIK VARFJELL/ imago/Bildbyran

Lange Zeit waren es vor allem die Weltmeisterschaften, die Schach zu einer gewissen Aufmerksamkeit auf der Streamingplattform Twitch verhalfen. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte das Interesse bei der WM 2018. Im selben Jahr begann auch Nakamura regelmäßiger zu streamen und etablierte sich beständig unter den populärsten Schachkanälen.

Der Großmeister und seine Lehrlinge

Im März 2020 schauten Nakamura noch 1868 Zuschauern zu, wenn er live streamte. Für Schach-Verhältnisse ein sehr ordentlicher Wert, aber noch weit weg von den großen Twitch-Streamern. Im Juni stand Nakamura plötzlich bei durchschnittlich über 15.000 Livezuschauern. Er streamt nahezu täglich für mehrere Stunden und hat mittlerweile mehr als 450.000 Follower auf Twitch.

"Das Publikum wurde sowieso größer", sagt Nakamura, "aber die Kooperation mit 'xQc' hat alles ins Rollen gebracht." Hinter dem Streamernamen "xQc" steckt Félix Lengyel, der als ehemaliger E-Sport-Profi den derzeit populärsten Twitch-Kanal überhaupt betreibt. Er war auf Nakamura aufmerksam geworden und bat den Großmeister, ihm Unterricht zu geben.

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Für den Schachprofi wurde es der Durchbruch auf Twitch, erst recht nachdem weitere große Twitch-Streamer wie Albert "BoxBox" Zheng und Hammoudi "Yassuo" Abdalrhman folgten und von ihm unterrichtet werden wollten. Der Großmeister, der den Twitch-Größen Schach beibringt.

Dabei sei seine eigene Spielstärke für die Streamerkarriere eher ein Nachteil, sagt Nakamura, wichtig seien andere Eigenschaften: "Für das Streaming braucht man Persönlichkeit. Du musst nahbar sein für die Menschen, du musst mit dem Chat interagieren können."

Großmeister und Meme-König

Nakamura hat die Streaming-Kultur verstanden, wie kein Schachspieler vor ihm. Er hat verstanden, wie man ein Internet-Massenpublikum für einen seit 1500 Jahren etablierten Sport begeistert.

Die Botez-Schwestern, Alexandra (rechts) und Andrea, betreiben einen der beliebtesten Schach-Kanäle auf Twitch

Die Botez-Schwestern, Alexandra (rechts) und Andrea, betreiben einen der beliebtesten Schach-Kanäle auf Twitch

Foto: youtube/ BotezLive

Wenn er in einem Stream ohne eigene Dame in eine Partie geht oder mit einer Augenbinde gegen Kolleginnen wie Botez und ihre Schwester Andrea spielt, will er die Zuschauer unterhalten und ihnen dabei das Spiel vermitteln.

Sein Erfolg ist auch darauf zu zurückzuführen, dass er verstanden hat, wie er das Publikum richtig anspricht. Er jongliert spielend mit den gängigen Memes, reagiert in Reaction Videos auf aktuelle Themen, verliert selbst bei Anfängern, die sich schwertun, nie die Geduld. Sich auf Augenhöhe zu begeben, falle vielen Kollegen nicht leicht, sagt Nakamura: "Nahbar zu sein, das ist sicherlich ein Problem für Top-Schachspieler."

TheBigGreek bringt deutschen Schachfans die Eröffnungsregeln bei

Auch Georgios Souleidis weiß, dass Schach-Streamer nicht zu elitär auftreten sollten, wenn sie ein großes Publikum ansprechen wollen. Unter dem Namen "TheBigGreek " betreibt er den größten deutschsprachigen Schachkanal auf Twitch. Souleidis arbeitete eigentlich als Schachtrainer und Journalist, schrieb auch für den SPIEGEL. Dann startete er sein YouTube-Projekt. Zunächst war die Aufmerksamkeit für seine Videos eher gering, doch in der Coronakrise schossen auf einmal die Klickzahlen für sein Video zu den "Goldenen Eröffnungsregeln" in die Höhe, heute stehen sie bei etwa 700.000.

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Offenbar wollten viele Leute in Zeiten von Lockdowns und Kontaktbeschränkungen Schach lernen. Souleidis will sie da abholen, wo sie stehen. Dazu gehört auch, dass online vor allem schnelle Partien gespielt werden, klassische Partien mit mehreren Stunden Bedenkzeit sind unbeliebt.

Kritik, dass dem Spiel dadurch die ihm eigene Tiefe fehle, versteht Souleidis nicht. "Das ist dieser typisch elitäre Ansatz", sagt er dem SPIEGEL: "Es geht darum, das Spiel zu popularisieren. Es geht darum, dass die Leute Spaß am Spiel haben. Es geht darum, Leute zum Spiel zu führen. Das ist viel, viel wichtiger."

Kulturwandel in der Schachszene

Der Popularitätsschub des Schachs auf Twitch ruft auch Gegenwind hervor. Der Großmeister Ben Finegold positionierte sich öffentlich gegen Nakamura und seine Schüler . In einem seiner Streams griff er sie scharf für ihre Auftritte an. Anschließend bat er aber über Twitter insbesondere bei den Anfängern um Entschuldigung . Die Diskussion über das Selbstverständnis der Szene war spätestens damit losgetreten.

Auch Schach-Superstar Mangnus Carlsen wurde in seinem Stream von der Community mit dem Vorwurf konfrontiert, die Schachszene sei elitär. "Ich werde nicht auf Fragen zu Schach-Elitarismus antworten, die von unterlegenen Geistern gestellt werden", sagte der Führende der Schach-Weltrangliste und fügte ein Zwinkern an.

"Meine allgemeine Meinung zum Schach ist, dass die romantische Seite, die tiefe Strategie, bereits tot ist", sagt Nakamura: "Der Grund ist, dass Computer das Spiel völlig verändert haben." Elite-Turniere im klassischen Schach wird es weiterhin geben. Die breite Masse der Spieler aber wird auch nach der Coronakrise hauptsächlich online spielen. Das geht schneller, ist leichter konsumierbar und hat sich so ganz neuen Spielern und Zuschauern erschlossen.

Wie lange der Schachboom auf Twitch anhalten wird, können auch Nakamura und Souleidis nicht abschätzen. Beide hoffen aber, dass das Interesse am Schach bestehen bleibt. "Die Menschen werden Schach nicht vergessen", sagt Nakamura - und schickt derweil über Twitter bereits die ersten Einladungen für Pogchamps 2  raus.

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