Schach-Kandidatenturnier in Jekaterinburg Es wird gespielt

In Jekaterinburg wird bis zum 3. April der Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen ermittelt. Der Weltverband zieht trotz Bedenken sein Kandidatenturnier durch, nur ein Teilnehmer verweigerte den Handschlag.
Von Bernd Schroller
Der russische Schachspieler Alexander Grischuk desinfiziert seine Hände am Schachbrett in Jekaterinburg

Der russische Schachspieler Alexander Grischuk desinfiziert seine Hände am Schachbrett in Jekaterinburg

Foto: Lennart Ootes/ FIDE/ REUTERS

Bilder aus einer anderen Welt. Gestern wurde das derzeit einzige international beachtete Sportevent in Jekaterinburg feierlich eröffnet. Reden hoher Schachfunktionäre und lokaler Politiker wurden gehalten, die Topstars des Moskauer Bolschoi-Theaters baten zum Tanz und das Kammerorchester des bekannten russischen Violinisten und Dirigenten Yuri Baschmet lieferte die Musik. Mehrere tausend Zuschauer bedankten sich mit Applaus.

Die Fide veröffentlichte zunächst ein Foto, dass das gesamte Publikum in Größenordnung eines Kongresscenters von der Bühne aus zeigte. Und verbannte es später wieder aus dem Downloadbereich der Homepage des Turniers. "Veranstaltungen mit bis zu 5.000 Zuschauern sind in Russland weiter erlaubt. Wir verstehen aber, dass dies in anderen Ländern vielleicht Alarm auslösen könnte", begründete der Schach-Weltverband heute auf Twitter die nachträgliche Löschung und verwies einmal mehr auf die geringe Anzahl von Covid-19-Erkrankten in Russland.

Auch durften die acht Kontrahenten dieser kulturellen Aufwartung fernbleiben, sie hatten erst heute ihren ersten Auftritt am Brett. Am Morgen vor, aber auch am Abend nach der Partie prüft der Turnierarzt mögliche Corona-Symptome. Zur Beruhigung aller Beteiligten haben die acht Spieler ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel an ihrer Seite. Doch außerhalb des Turniersaals sind die Akteure keinerlei Einschränkung unterworfen. Offiziell gibt es in Jekaterinburg keine Infektionen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Kein langes Abtasten

Der zwölfte Weltmeister Anatolij Karpow - inzwischen 68 und in Westeuropa eher zur Risikogruppe gehörend – hielt nicht nur gestern Reden über die Zukunft des Schachs, er sollte heute auch das Turnier eröffnen. Er schritt von Brett zu Brett und schüttelte fleißig Hände, nur Ian Nepomniachtchi verweigerte die Geste, sehr zur Verwunderung des Ex-Weltmeisters.

Nepomniachtchi betrat zuvor mit Gesichtsschutz das Turniergebäude, ehe er gegen Anish Giri antrat. Der Niederländer blieb beim Kandidatenturnier 2016 in Moskau zwar ungeschlagen, gewann jedoch auch keine einzige Partie. Es blieb immer ein wenig das Bild eines risikolosen Spielers hängen. Aber nicht in der ersten Runde: Giri wählte in der sehr häufig zäh daher kommenden Symmetrie-Variante der Englischen Eröffnung sehr prinzipiell die Stellungsöffnung im Zentrum. Eine Zeitlang spielten beide Kontrahenten, als ob es keinen Gegner gäbe und verfolgten kompromisslos eigene Pläne. Anstatt sich zu entwickeln, manövrierten sich die Springer übers Brett. Figuren wurden angegriffen und wichen nicht aus. Nepomniachtchi hatte vier Züge lang einen Springer weniger auf dem Brett. Doch mit Dame, Turm und Läufer stand er druckvoll in der gegnerischen Stellung.

Carlsen wartet auf Herausforderer

Giri zog seinen König aus der gefährlichen Diagonale und erhoffte sich so für die Rückgabe des eroberten Materials Gegenspiel am Königsflügel. Solch explosive Stellungen zu so einem frühen Partiezeitpunkt sind meist Teil einer häuslichen Analsyse und eher selten spontane Erfindungen am Brett. Nepomniachtchi schien tiefer vorbereitet. Er konsolidierte mit Mehrbauern seine Königsstellung und stellte dem Gegenüber die entscheidende Falle. Nach der schrittweisen Abwicklung in ein Endspiel mit einer Dame auf der schwarzen und einem Turm auf der weißen Seite konnte der Russe seinen einzig verbliebenen Bauern in seinen ersten Sieg ummünzen.

Desinfektionsmittel steht für die Kandidaten bereit

Desinfektionsmittel steht für die Kandidaten bereit

Foto: Lennart Ootes/ FIDE/ REUTERS

Damit steht Nepomniachtchi zusammen mit Wang Hao nach der ersten Runde an der Spitze. Im Duell der Chinesen schlug Hao überraschend den hoch gehandelten Ding Liren. Die Nummer zwei im Feld ließ sich am Königsflügel ins Zentrum abdrängen und musste tatenlos mitansehen, wie einer seiner Bauern abgeräumt wurde und zwei gegnerische Freibauern nicht mehr aufzuhalten waren. Am Mittwoch  geht das auf 14 Runden angelegte und mit 500.000 Euro dotierte Turnier weiter.

"In erster Linie hoffe ich, dass dieses Turnier auch beendet wird", so kommentierte der auf einen Herausforderer wartende Weltmeister Magnus Carlsen den Auftakt in Jekaterinburg auf dem Portal "chess24". Immerhin sind es fast drei Wochen bis zur letzten Runde am 3. April. Und wer hätte vor drei Wochen in Berlin, London oder Paris damit gerechnet, dass die Fußball-EM für diesen Sommer abgesagt werden muss. Es wirkte Anfang März auch noch wie ein Szenario aus einer anderen Welt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, dass Anish Giri 2018 beim Kandidatenturnier in Berlin ungeschlagen blieb, tatsächlich war dies beim Kandidatenturnier 2016 in Moskau der Fall.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.