Liren besiegt Caruana im Schach-Kandidatenturnier Rückkehr durch die Hintertür

Ding Liren spürte den Druck. Nach zwei Niederlagen zu Beginn des Kandidatenturniers musste ein Sieg gegen Topfavorit Fabiano Caruana her. Der spielte mit überraschend großem Risiko, doch seine Bauernopfer gingen nach hinten los.
Von Bernd Schroller
Ding Liren: "Habe versucht, mein Verhältnis zum Spiel insgesamt neu zu finden"

Ding Liren: "Habe versucht, mein Verhältnis zum Spiel insgesamt neu zu finden"

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Lennart Ootes/ Fide via REUTERS

Für Ding Liren ging es am Donnerstag schon um alles. Er war als einer der Topfavoriten nach Jekaterinburg gereist und hatte gleich die ersten beiden Partien verloren. Schlechter kann man in das vielleicht wichtigste Turnier des Jahres nicht starten. Seit das Kandidatenturnier 2013 wieder eingeführt wurde, ist es nur Magnus Carlsen gelungen, mit zwei Niederlagen am Ende trotzdem Turniersieger zu werden.

Natürlich wusste auch Liren um seine statistischen Chancen, als er sich zehn Minuten vor Freigabe der dritten Spielrunde in den Turniersaal begab. Er saß dort eine ganze Weile allein und fixierte lange mit konzentriertem Blick die Grundstellung der 32 Figuren. "Ich habe mich nach der Niederlage gestern nicht mehr direkt auf das heutige Spiel vorbereitet, sondern eher versucht, mein Verhältnis zum Spiel insgesamt neu zu finden", gab er nach der Partie Einblick. Dem 27-Jährigen stand heute zumindest die Chance offen, Kandidatenfavorit Fabiano Caruana im direkten Duell mit in den Abwärtsstrudel zu ziehen.

Bei Caruana waren die Erwartungen der Außenstehenden schnell klar: Nach dem Sieg vom Mittwoch würde er sich mit Schwarz um ruhiges Fahrwasser bemühen und mit einem Remis seinen vermeintlich ärgsten Konkurrenten auf Distanz halten. Die gewählte Slawische Verteidigung bot zunächst wenig Zweifel an dieser Annahme. Liren antwortete mit den früh gespielten und etwas komisch aussehenden Zügen f3 und Kf2 - die aber auf der Höhe der aktuellen Debatten dieses Eröffnungsstrangs liegen.

Mit dem Feuer gespielt

Dann sprengte Caruana allerdings die Ketten der Voraussagungen und spielte ähnlich scharf wie schon am Tag zuvor. Für sein gewagtes Bauernopfer im neunten Zug liefern die Partien-Datenbanken keine Vorbilder. Hatte Caruana einen neuen bahnbrechenden Zug entdeckt? Fünf Züge später war schon der nächste Bauer für eine Verschärfung der Stellung investiert. Für kaum einen seiner ersten 15 Züge brauchte der Amerikaner mehr als einen kurzen Moment, offenbar lief alles nach dem vorbereiteten Plan ab. Die Nummer Zwei der Welt gilt als Eröffnungsspezialist. Aufgrund seiner Variabilität kann Caruana seine Gegner stets überraschen.

Die Stellung auf dem Brett wirkte, als ob Kinder ohne Ahnung von Schach die Figuren nach Ähnlichkeit auf dem Brett platzierten. Zwei weiße Springer standen auf der dritten und vierten Reihe den zwei schwarzen Läufern auf der b- und c-Linie direkt gegenüber. Auf der anderen Seite der Spielfläche fanden sich dann die schwarzen Springer Seit an Seit. Zwar bot die Stellung für Schwarz keine direkten taktischen Drohungen, aber sehr viel Potenzial für verschiedene Angriffsideen.

Das Brett steht in Flammen und Fabiano Caruana findet die Muße, seinen Springer von b8 über d7 und f8 in drei Zügen bis nach g6 zu bringen. Stellung nach 15. … Sg6. Weltmeister Magnus Carlsen umschrieb die Phase als Kommentator bei "chess24" mit den Worten: "Das ist postapokalyptisches Schach"

Das Brett steht in Flammen und Fabiano Caruana findet die Muße, seinen Springer von b8 über d7 und f8 in drei Zügen bis nach g6 zu bringen. Stellung nach 15. … Sg6. Weltmeister Magnus Carlsen umschrieb die Phase als Kommentator bei "chess24" mit den Worten: "Das ist postapokalyptisches Schach"

Foto: lichess

Für Liren waren dies nicht die besten Voraussetzungen. Er musste früh sämtliche Entscheidungen am Brett treffen und konnte sich nicht auf die Vorbereitung verlassen, schon nach 15 Zügen hatte der Chinese eine Stunde mehr als sein Gegenüber von der Bedenkzeit verbraucht. Doch plötzlich kippte das Momentum. Caruana schien überrascht, dass die weiße Dame aktives Gegenspiel suchte und nicht als Verteidigungsfigur absicherte. Er setzte zu passiv fort und so konnte Weiß die Stellung letztlich unter Rückgabe einer seiner beiden Mehrbauern festigen.

Es blieb ein mächtiges Bauernpaar im Zentrum mit dem sicheren Potenzial zur Verwandlung auf der Grundreihe. Liren brachte sich problemlos durch die Zeitnotphase, ließ sich auch von einem weiteren Figurenopfer und einem sich nicht ergebenden Gegner nicht mehr aus dem Konzept bringen. Mit seinem ersten Sieg nimmt er nun die Hintertür zurück ins Turnier.

Drei Spieler an der Spitze

In dieser dritten Runde wurde Caruana für sein riskantes Spiel bestraft. Er wartet damit seit 2016 bei nun schon drei Niederlagen auf einen Sieg gegen Liren. So richtig konnte der Chinese sein Glück nach der schwierigen Partie nicht fassen: "Ich war sehr überrascht, wie schnell Fabiano die Eröffnung gespielt hat und weiß noch nicht, wann er den entscheidenden Fehler gemacht hat. Erst nach 27 Zügen hatte ich Zuversicht." Eine Niederlage hätte wohl das Ende von Lirens Chancen auf den Turniersieg und das erhoffte WM-Duell bedeutet. Der Sieg gegen Caruana aber gibt ihm neues Selbstvertrauen.

Die anderen drei Partien des Tages endeten ohne Sieger. Damit stehen nach drei gespielten Runden Maxime Vachier-Lagrave, Ian Nepomniachtchi und Wang Hao mit zwei von möglichen drei Punkten an der Spitze.  Caruana bleibt mit 1,5 Punkten knapp dahinter. Das Kandidatenturnier ist auf 14 Runden angelegt, der Sieger wird voraussichtlich Ende des Jahres Weltmeister Magnus Carlsen herausfordern. Am Freitag ist Ruhetag, die vierte Runde findet am Samstag statt.

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